ich möchte wieder schreiben

Eigentlich möchte ich wieder schreiben. Möchte wieder bloggen. Es fehlt nur das Vertrauen. Das Vertrauen in mich. Und damit die Worte. Worte die sich schreiben lassen, die mich mitteilen,  mich teilhaben lassen. Teilhaben lassen am Leben da draußen.
Es ist viel verloren gegangen in den letzten Monaten. Und mit jedem Stück Verlust machte es mich schwächer. Zog es mich mehr in mich zurück. Ich verlernte wieder, was jahrelange Therapie erst möglich machte – Vertrauen schenken, mich mitteilen können.

Zu viele Stützpfeiler brachen weg. Stützpfeiler die mir halfen mein Inneres nach Außen zu tragen. Die versuchten mich so anzunehmen wie ich bin. Die nicht die Defizite bemängelten oder mich skeptisch beäugten um sich dann wieder abzuwenden, weil ich „merkwürdig“ bin. Menschen, die mich kennen lernen wollten. Sich die Zeit nahmen. Viel Zeit. Die Rückschläge und Fehltritte meinerseits nicht persönlich nahmen und trotz dieser einen weiteren Schritt auf mich zugingen statt die Flucht anzutreten oder die Annäherung aufzugeben.

All dies gab mir die Möglichkeit Vertrauen zu schenken. Das spüren, dass sie sich nicht entfernen, wenn ich unangenehm werde. Das sie da sind zu jeder Zeit. Das Wissen, selbst wenn ich mich einmal nicht mitteilen kann sind sie da. Immer wieder. Und sie lernten mich kennen.  Mich als Mensch hinter dem Außenbild.

Und nun ist in den vergangenen Monaten so vieles passiert, dass ich mich zurückziehen musste. In mich. Weil es zu sehr schmerzte, dass diese Personen, denen ich mich endlich mitteilen konnte aus meinem Leben verschwanden. Erst war es die Therapie die zu Ende ging, dann waren es beide Assistentinnen von denen ich mich verabschieden musste. Mit  jedem wegbrechen eines Stützpfeilers ist auch etwas in mir zerbrochen. Die Fähigkeit nach außen zu treten. Die Tür hat sich verschlossen. Eine Tür die viel Zeit benötigte um sich zu öffnen.  Ich wurde stiller. Es fühlte sich an als wäre da niemand mehr der mich kennt. Niemand mehr der mich sah als den Menschen, der ich bin.

Dabei habe ich so lange dafür gekämpft.

Es begann von neuem mich erklären zu müssen. Zudem in neuer Umgebung. Nichts war mehr vertraut und auch ich vertraute nicht mehr. Vor allem mir nicht mehr. Worten nicht mehr. Es gab keine Worte mehr für mich. Leere füllte meinen Körper. Und das machte es mir schwer. Es war ein Rückschlag ins alte Leben. Ins Leben als jeder nur die Außenfassade kannte. Es brachte mich zurück ins funktionieren müssen. Ins funktionieren ohne mich selbst wahrzunehmen, ohne mich selbst mitteilen zu können.
Ich wurde weniger. Stück für Stück.

R.I.P. Sabine – ich bin sprachlos. …
so plötzlich….

Danke für deine Beiträge.
Danke für deinen Kampf für uns Autisten.
Du wirst fehlen.
In Gedanken bei deinem Sohn, deinen Angehörigen und Freunden.

Du bleibst unvergessen.
Ich hoffe dort wo du nun bist, findet deine Seele Ruh.

Den folgenden Kondolenzspruch wählte ich für dich, weil ich finde er drückt aus was du für uns getan hast. Deine Zeichen werden bleiben. Wir werden das Licht weitertragen.

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsere Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
(Dietrich Bonhoeffer)

Ein Kondolenzbuch und die Möglichkeit sich an einem Trauerkranz zu beteiligen gibt es hier

Ich kann es nicht verstehen

Warum werden Menschen die leben wollten so plötzlich aus ihrem Leben gerissen?
Warum dürfen sie nicht weiterhin die Schönheit des Lebens genießen?

.
Mitten im Leben,
das Leben gerade erst begonnen,
oder auch nur einen Bruchteil der Welt kennengelernt.

Plötzlich sind sie fort.
Hinterlassen Lücken und Fragen.
Aber auch Spuren,
Spuren im Herzen.

Sie gehen einfach fort.
Ohne ein Wort.
Ohne vorherige Andeutung.
Ohne das man es ahnen konnte.

Der Tod ist manches mal so unvorhersehbar wie das Leben.
Kann nicht geplant oder vorbereitet werden.

In stillem Gedenken, an Herzen die so plötzlich nicht mehr schlagen.

Abschied nehmen

Am Donnerstag war die Abschiedsfeier in der Nachmitagsbetreuung. Ich holte eine Herzchaostochter ab, die weinend in den Armen ihrer Freundin lag. Die Freundin geht nun in die 5. Klasse, auf eine andere Schule. Mit ihr 5 weitere Kinder, die Herzchastochter gern gemocht hat. Eine Stunde lang haben sie geweint, mussten manches mal während der „Feier“ den Raum verlassen, konnten nicht essen. Es hieß für die Herzchaostochter Abschied nehmen von Kindern die sie liebgewonnen hat. Es war anders als beim Übergang vom Kindergarten in die Schule, wo keine Tränen ihrerseits flossen, sondern Vorfreude da war. Ich denke es ist bewusster für sie, ein anderes Erleben.
Gestern war der letzte Tag an dem sie sich sahen. In der Pause saßen sie beisammen, redeten, lachten, spielten. Aber in der Kirche flossen wieder die Tränen. Nach dem Gottesdienst würden sie sich trennen müssen. Keine gemeinsamen Spiele mehr in der Nachmittagsbetreuung, keine gemeinsamen Geheimnisse, kein zusammen sitzen in der Ecke des Schulhofs. Es war schwer für die Kinder und so nahm ich ein noch immer weinendes Kind in die Arme und mit nach Hause.

Für mich ist es schwer damit umzugehen. Ich kann nicht mitfühlen, nur sachlich reflektieren. Weiss nicht wie handeln, wie Trost spenden. Emotionen anderer sind für mich oft schwer aushaltbar, weil ich einfach überfordert bin. Habe keine Worte, keine Bilder.
Nur in den Arm nehmen konnte ich sie, sie begleiten und ihr hoffentlich das Gefühl geben nicht allein zu sein. Doch sprachlich kann ich keinen Trost spenden. Was antworten, wenn sie sagt „sie wird … nie wieder sehen“? Wie reagieren, wenn sie sagt „Es ist der traurigste Tag meines Lebens. Ohne …. mag ich nicht mehr leben.“ Schwer ist es, nicht sachlich zu antworten, weil ich weiss, das dies keinen Trost bringen würde. Dann antworte ich lieber gar nicht, sondern nehme sie in den Arm. Aber ist es richtig? Ist es Trost genug?
Irgendwann fehlt auch mir die Kraft, immer die gleichen Worte und Sätze zu hören, nicht wissen wie reagieren überfordert mich. Ich spüre innerlich das es anstrengt, möchte es aber nicht zeigen. Ihre Trauer ist ja relevant und ich möchte nicht, das die Herzchaostochter sie unterdrückt. Sie darf sie ausleben, soll sie ausleben.

Und ich habe Angst. Angst vor dem was im nächsten Jahr auf uns zukommt. Angst vor dem Abschied von den Lehrern, von den Mitschülern, von den Erzieherinnen, von den Kindern der Nachmittagsbetreuung. Angst vor den Gefühlen, vor den Schmerzen der Herzchaostochter. Angst auch vor meinen eigenen Gefühlen. Angst mit all dem nicht umgehen zu können. Überfordert zu sein, weil dann auch meine Gefühle präsent sind. Vermutlich präsenter noch als beim Abschied vom Kindergarten, weil mich eigene Erinnerungen einholen. Wenn ich jetzt schon überfordert bin mit den Gefühlen die ich nicht selbst spüren kann,  wie wird es mir erst gehen mit beiden Gefühlen umgehen zu müssen?