wie ich eine Ampel sehe

Nach meinem letzten Eintrag  kam die Frage auf warum ich (im Overload) die Ampel nicht
als Ampel erkenne. Nun, das ganze ist etwas komplizierter.  Ich weiss nicht wie ein neurotypischer Mensch (Person ohne Autismus) auf eine Ampel zugeht. Was sieht er, wenn er dem Strassenrand näher kommt? Ich sehe die kleinen Details. Für mich ist die Ampel nicht einfach nur eine Ampel. Sie ist zusammengesetzt aus mehreren Teilen. Und jedes dieser Einzelstück hinterlässt eigenständige Eindrücke und Wahrnehmungen.

Beginnen wir mit dem Anforderungstaster. Hier gibt es sehr unterschiedliche Ausführungen. Am „schlimmsten“ finde ich die rechteckigen aus Metall. Sie lösen einen sehr unangenehmen taktilen Reiz bei Berührung aus. Dann gibt es welche mit rundem Druckknopf und die in unserer Stadt am häufigsten vorkommenden abgerundeten Taster. Auf diese versuche ich nun spezieller einzugehen.
Sie sind nochmals unterteilt in den vorderen und hinteren Teil. Der vordere Teil wiederum ist oftmals unterteilt in oben und unten. Manchmal ist der  obere Abschnitt gelb, manchmal rot. Wenn er rot ist blinkt eine Schrift auf nachdem der Taster betätigt wurde. Nicht immer, manchmal ist es auch defekt. Auf dem Betätigungsfeld ist entweder der Aufdruck „bitte berühren“mit oder ohne einem Handsymbol, das Sehbehindertenzeichen oder auch eine Prägung in Blindenschrift. Die Prägung fühlt sich wieder anders an, als das glatte Plastik. Dann gibt es beschädigte Drücker. Auf denen sind Brandlöcher oder Aufkleber. Vielleicht auch Kratzer, die durch einen spitzen Gegenstand verursacht wurden. Diese Beschädigungen ergeben neue Muster. Manchmal interessante Muster, die meine Aufmerksamkeit wecken. Ihr erkennt also solch ein Detail einer Ampelanlage ist schon ein Faktor mit sehr vielen Wahrnehmungseindrücken, die verarbeitet werden müssen.

Dann gibt es unterschiedliche Ampelmasten, die Ampelfelder für Fußgänger und Autofahrer sind in den meisten Fällen auf gleicher Höhe, selten in verschiedenen Höhen angebracht. Entweder direkt am Mast oder mit einem Verbinsungsrohr.  Es gibt hellere und dunklere Masten, mit Maserung und ohne. Ihr ahnt es vielleicht an diesen Masten können ebenfalls Aufkleber, Schilder, Beschädigungen oder andere Dinge sein.
Ein weiterer Aufmerksamkeitspunkt ist das erkennen ob alle Ampelfelder Hütchen haben oder ob eines fehlt? Sind  Lautsprecher am Ampelmast, der das Signal für Sehbeinträchtige wiedergibt? Wenn ja, wie laut wird das Signal wohl sein und ist es ein ticken im Sekundentakt, ein klopfen oder dieses schreckliche schnelle piepen. Verändert sich der Ton je näher die rote Ampelphase rückt? Wird das Signal auch gesendet, wenn kein Lautsprecher sichtbar ist? Gibt es zwei Ampelfelder oder drei? Ist es eine einfache Farbampel oder eine mit Symbolbildern? Blinkt vielleicht noch irgendetwas? Es gibt so vieles zu entdecken. Ich kann auf Grund der vielen unterschiedlichen Ausführungen einer Ampelanlage gar nicht alles aufzählen. Ich  kann nur einen kleinen Einblick geben in das, was ich wahrnehme, sehe. All dies im einzelnen und nicht als großes Ganzes.  Im Overload ist es mir nicht mehr möglich all diese vielen Wahrnehmungen zu verarbeiten, konzentriert zu filtern was nun wichtig ist. Die vielen Sequenzen lassen sich nicht zusammensetzen, ergeben kein klares Bild sondern den im letzten Artikel genannten „Brei“ oder Wirbelsturm. Da ist dann einfach nicht mehr klar ob das wahrgenommene Rot nun das Lichtsignal im Ampelfeld, die Schrift am Drücker oder ein Aufkleber am Mast war. Vor allem aber sind die vielen Eindrücke einfach weitere  Tropfen im schon überlaufendem Fass (Redewendung). Was davon im überlaufen verschwindet und was im Fass („sicht- und erkennbar“) bleibt kann ich selbst nicht steuern, dementsprechend ist nicht klar auf welches Detail ich reagieren könnte und auf welches nicht.

Ach eine kleine Anekdote möchte ich noch schreiben. Hier in der Region wird gerne gesagt
„Wir gehen über die Ampel.“ Bevor ich also überhaupt an die Überquerung der Strasse komme entstehen schon sehr lustige aber nicht unmögliche  Bilder in meinem Kopf, die ich dann erstmal wieder beiseite schieben muss. Gemeint ist natürlich an der Ampel über die Strasse gehen. 😉

Overload im Strassenverkehr

Im Overload zu sein bedeutet mein Körper hat schon so viele Reize aufgenommen, dass er sie nicht mehr verarbeiten kann. Häufig verursachen sie bereits Kopfweh, Übelkeit und ein Schwindelgefühl. Das Schwindelgefühl ist sicher kein Wunder, wenn man bedenkt, das im Kopf Bilder, Töne und Eindrücke rauschen als wären sie mit 300 km/h in einer Extremachterbahn. Alle Wahrnehmungen gleichzeitig ohne Anfang, ohne Ende, ohne Halt. Konzentration ist nicht mehr möglich. Alles verschwimmt zu einem bunten, lauten Brei im Wirbelsturm.

In der Öffentlichkeit zu sein, agieren zu können, bedeutet jedoch eine Menge Konzentration haben zu müssen. Welcher Reiz ist wichtig? Was bedeutet er? Wie muss ich handeln? Für die Antworten auf diese Fragen habe ich im Overload keine Kapazität mehr.  Da ist einfach nur noch ein weiteres Signal, dass in meinen Kopf, meinen Körper dringt.
In dieses wuseln. Da bedeutet die rote Ampel für Autos genauso viel wie rote Schrift auf dem Werbeplakat, rote Beutel, rote Schuhe, rote Rückstrahler eines Autos, eine rote Blüte oder das Flugzeug mit rotem Aufdruck  das vielleicht noch zum selben Zeitpunkt in meinem Blickwinkel ist. Das rot ist ein farbiger Schatten, den ich nicht mehr deuten kann. Gleichzeitig ist da ein grünes Blatt, eine grüne Jacke, ein grüner Schriftzug, die grüne Ampel, eine grüne Mütze und grünes Bonbonpapier am Boden. Zu dem roten Schatten gesellt sich ein grüner Schatten. Genauso ist es mit jeder anderen Farbe. Ein buntes Schattengewirr.
Dazu die Geräusche – Worte, Autos, das knacken der Ampel, der abfahrende Bus, eine Fahradklingel, aneinanderreibender Stoff, ein klappernder Taschenbaumler, ein hechelnder Hund, Vögel und das Flugzeug. Im schlimmsten Fall kommen auch noch taktile Reize hinzu – der Wind, einzelne Haare die ins Gesicht wehen, Regentropfen etc.  Auf welchen Reiz muss ich mich jetzt konzentrieren?  Welcher Farbpunkt  war die Ampel? War dieser rote Farbpunkt in meinem Schattenbild die Ampel oder war es nur eine Mütze in der Ferne? War der grüne Farbpunkt in meinem Schattenbild ein herannahendes Auto oder war es nur ein Blatt vom Baum? Ich habe keine Konzentration mehr. Ich „sehe“ es nicht mehr genau.

Ich muss hier einfach nur weg. Raus aus diesem Brei an Eindrücken. Also laufe ich los, konzentriere mich auf den taktilen Reiz, den das laufen mir gibt. Das verlagern des Gewichts von einem Bein aufs andere. Das merkwürdige Gefühl im Körper das durch die Bewegung entsteht. Der Brei um mich herum wackelt nun noch mehr. Ich versuche den Tönen zu entkommen. Es muss ruhiger werden. Auditiv und visuell.

Irgendwann breche ich dann ein, kann auch die Reize die das laufen verursachen nicht mehr aushalten. Habe mich im besten Fall in eine Seitenstrasse zurückgezogen in der es ruhiger ist. Vielleicht auch in ein offenstehendes Treppenhaus oder in einen Toilettenraum eines Geschäfts. Jetzt muss ich die Augen schließen, die Ohren zuhalten, den Achterbahnbrei im Kopf zur Ruhe kommen lassen.

Wie komme ich aus der Situation heraus? Die beste Hilfe ist hier eine Begleitperson. Ein Fixpunkt an den ich mich dann halten kann. Der konstant ist, nicht im Brei verschwindet. Das kann der Schuh des Begleiters sein, ein Knopf an der Jackentasche, ein kleines Label auf der Handtasche. Ein visueller Fixpunkt der mich von diesem Platz an einen „sicheren“ Ort bringt. Ein Punkt der sich auf dem Weg nicht verändert und dem ich folgen kann. Wichtig ist hier, dass ich dafür noch bzw, durch eine kurze Pause, wieder die Konzentration habe.
Eine klare Ansage (bspw. Ich bin da. Ich bringe dich jetzt hier raus. Ich weiß was zu tun ist. etc.)  kann einen Punktreiz geben und Sicherheit. Mit mir sprechen wollen, einen Dialog führen, Fragen stellen sollte man  vermeiden, das kann zu einem Meltdown führen. Ich „höre“ ja nicht mehr genau was gesagt wird. Es geht unter im auditiven Brei.
Je nach Situation und Person kann auch ein fester taktiler Reiz hilfreich sein. Eine Hand die mich fest am Arm oder der Schulter berührt. Die mich „führt“, damit ich mich nicht verliere im „Brei“ und wieder orientierungslos werde. Manchmal ist dies sogar notwendig, damit ich auf den anschließenden auditiven Reiz des Begleiters reagieren kann.

 

 

Sommerreize

Vor kurzem sagte ich: „Ich mag den Sommer nicht.“ Diese Aussage ist jedoch viel zu ungenau. Differenzierter müsste es heissen: „Ich mag die Sommerreize nicht.“ Noch detailierter wäre es,  die einzelnen Unannehmlichkeiten zu benennen, was ich mit diesem Post versuchen möchte.

Zum ersten ist da die Sonne mit ihrer Helligkeit. Das Licht allein ist schon greller als in anderen Jahreszeiten. Dann wird es von vielen Gegenständen reflektiert, beispielsweise von weissen Wänden, spiegelnden Fenstern, Plakatscheiben, Scherben und Kronkorken auf dem Weg  oder auch von weißem Geschirr, wenn man an einem Café vorbei geht. Es gibt Tage, da hilft nicht einmal die Sonnenbrille, selbst hinter ihr werden meine Augen geblendet und fangen an zu schmerzen.

Im Sommer gibt es draussen auch mehr und lautere Geräusche. Zum einem sind da die vielen elektrischen Geräte wie Rasenmäher, Heckenscheren, Sägen und Musikanlagen. Zum anderen wird nicht mehr nur in den Häusern gebaut, gespielt, gelacht und gelebt sondern viele Aktivitäten werden nach draußen in Gärten und Hinterhöfe verlegt. Gemeinsames Beisammensein, feiern und sich unterhalten. Die Umgebungsgeräusche nehmen damit in den Sommermonaten zu.

Im Sommer sind (gefühlt) mehr Menschen unterwegs. Sie sind nicht darauf bedacht schnell in warme Gebäude zu kommen und halten sich somit öfter und länger draussen auf.  Sie unterhalten sich, telefonieren, lachen und rufen Bekannte die sie draußen erkennen.  Autofahrer sind gereizt von der Wärme (?) und hupen öfter, wollen schneller zu Hause, im Park oder im Schwimmbad sein (?). Motorräder werden aus den Garagen geholt und einige Fahrer/innen möchten, an Ampeln oder in freier Fahrt,  zeigen welch hohen Sound ihr Fahrzeug erreichen kann.

Und weil so viel mehr Menschen draussen sind ist der Geräuschpegel höher, weil jeder die anderen Geräusche übertönen möchte um gehört oder einfach nur verstanden zu werden. Die Menschen sitzen nicht mehr in den Cafès, sondern draußen. Sie strömen in die Städte und Parks. Sie nehmen auch der Natur ihre Stille indem sie Musik mitbringen, sich in Gruppen versammeln – mit vielen Unterhaltungen und gemeinsamen Essen.

Und da bin ich beim dritten Faktor – Gerüche. Es gibt angenehme und unangenehme, wobei angenehme in ihrer Vielzahl auch wieder unangenehm werden können – was gerade im Sommer überhand nimmt. Beispielsweise wenn „an jeder Ecke“ gegrillt wird und damit die unterschiedlichsten Duftstoffe freigesetzt werden. Es riecht nach Fleisch, nach Kohle, nach Gemüse, verkohlt oder verbrannt. Es gibt gerade am Wochenende kaum Möglichkeiten einen Spaziergang zu unternehmen ohne mit diesen Gerüchen konfrontiert zu werden.
Und dann sind da die Gerüche, die vom Menschen ausgehen. Von verschwitzten aber auch von gepflegten Menschen. Denn auch Deo und Parfüm mit ihren vielen unterschiedlichen Dufteigenschaften werden gehäuft eingesetzt und „vernebeln“ die Umgebung.  Diese künstlichen Duftstoffe nehmen mit der Anzahl der Personen und mit steigenden Temperaturen massiv zu.

Visuell, auditiv und olfaktorisch fühle ich mich mit oben genanntem,  im Sommer mehr Reizen ausgesetzt als beispielsweise im Winter, wenn die Menschen sich in warmen Gebäuden aufhalten und die Sonne einige Stunden weniger und „sanfter“ strahlt.  Der Sommer ist für mich heller, lauter und stickiger als andere Jahreszeiten und aus dieser Wahrnehmung entspringt die Eingangsaussage: „Ich mag den Sommer nicht“.

 

Klinikmarathon die dritte – alles hat ein Ende

Mit der Überweisung in der Tasche konnte der weitere Tag nun endlich so ablaufen wie geplant. Dachte ich.
Da die Bahn zu voll und damit auch zu laut war, entschied ich mich nach Hause zu laufen, um einer möglichen Überreizung schon vor dem Kliniktermin entgegen zu wirken. Zu Hause konnte ich erstmal eine kurze Pause in meinem abgedunkeltem, ruhigen Zimmer einlegen, bevor das Herzkind von der Schule heimkam. Anschließend machten wir uns auf den Weg zur Klinik.

Dort angekommen gingen wir zur Anmeldung und sahen das bereits sehr volle Wartezimmer. Da ich die Umgebung vom Vortag kannte und wusste wo das Sprechzimmer war und aus welcher Richtung unsere Ärztin kommen würde, zog ich mich in eine ruhige Ecke außerhalb des Wartebereichs zurück, von der aus ich die Ärztin hätte sehen können.  Die Wartezeit dauerte dieses Mal leider viel länger als am Vortag und an meine eigentlich ruhige Stelle, kamen immer mehr Personen, die ebenfalls dort warten wollten. Sie kamen mir gefühlt viel zu nah – ihre Körper, ihre Stimmen, ihre Bewegungen, ihr Geruch. Die Schwestern aus der Anmeldung liefen nun auch hin und her, um die Patienten an den jeweiligen Orten aufzusuchen. Ich wollte fort – es war zuviel, suchte Halt im Rücken, indem ich mich stärker an die Wand lehnte.
Dann wurden wir von einer Schwester gerufen und sie schickte uns mit einem ausgefüllten Bogen zum Zimmer der Ärztin, wo wir vor der Tür warten sollten. Hier wartete mit uns nur eine Familie, doch standen wir nun auf dem Gang der Klinik und neben uns befand sich eine Tür mit automatischem Türöffner bei Tastendruck. Durch diese Tür musste jeder hindurch der zur Anmeldung der Kinderklinik, zu weiteren Sprechzimmern, zum Hauptgebäude oder zu den Aufzügen wollte. Die Tür ging fast ohne Pause auf und zu. Das Klacken des Türöffners, das Schleifen der Tür, wenn diese auf und zu ging, das Einrasten der Klinke beim Wiederschließen – es hörte nicht auf, es tat in den Ohren weh.  Dazu die Schritte der Personen, die vorbei gingen, Turnschuhe, Hackenschuhe, klappernde Schlüsselbänder, klingelnde Telefone, Stimmen.
Die mit uns wartende Familie bemerkte wohl, dass etwas nicht stimmte, denn eine Person stand auf und bot mir ihren Platz an. Ich konnte ihn jedoch nicht einnehmen, denn eigentlich wollte ich genau in die andere Richtung – nach draußen. Ich lehnte mich mit dem Rücken stärker an die Wand, hoffte damit etwas mehr Halt zu bekommen.
Kurz darauf ging die Tür der Ärztin auf, sie fragte nach dem ausgefüllten Bogen, gab ihre Unterschrift darauf ab und schickte uns zur Röntgenabteilung.
Obwohl ich wusste wo diese war – ich aber nur noch „funktionierte“ und einfach lief – wählte ich einen falschen Weg. Das Herzkind bemerkte dies und navigierte mich nun auf den richtigen Pfad. In der Röntgenabteilung angekommen, mussten wir feststellen, dass dort gerade Bauarbeiten stattfanden. Es wurde gehämmert, geschliffen, gebohrt. Das endgültige k-o-Kriterium für mich. Ich musste raus, gab der dortigen Anmeldung -nicht mehr kommunikationsfähig – den Bogen, signalisierte mit einer Handbewegung dem Herzkind, dass sie – wenn sie aufgerufen wird – alleine in den Röntgenraum soll und begab mich nach draußen.
Wie lange ich draußen war, vermag ich nicht genau zu sagen, irgendwann war ich soweit wieder „stabil“, dass ich das Herzkind abholen wollte, wir mussten ja nach dem röntgen zurück zur Ärztin. Das Herzkind war jedoch noch im Röntgenraum und die Dame der Röntgenabteilung sprach mich an, ob ich denn des Herzkindes Krankenkassenkarte dabei hätte.  Ich nickte. Ob ich sie denn in der Kinderambulanz einlesen lassen hätte. Wieder nickte ich. Es würden auf dem Bogen Daten fehlen, diese wären jedoch dringend notwendig um das Herzkind röntgen zu können und ich solle doch bitte zurück zur Kinderambulanz um einen neuen Bogen zu holen. Irritiert stand ich nun da und hatte irgendwie auch die Orientierung verloren. Die Baugeräusche, die neue Situation, das Herzkind fort. Soll ich nun an diesem Ort bleiben oder gehen? Wird das Herzkind nun geröngt oder gibt es das gleiche Chaos wie am Vortag?  In meinem Kopf ein Wust aus Gedanken, Geräuschen und Eindrücken. Überfüllender Hirnbrei, der kein Handeln mehr möglich machte. Ich musste mich setzen, hatte keinen Halt mehr.

Irgendwann kam das Herzkind und war – trotz fehlenden Angaben auf dem Bogen – schon geröntgt. Da ich nicht länger in diesem Lärm und Chaos bleiben konnte, wollten wir zum Zimmer der Ärztin. Ich fokussierte nur noch die Schuhe des Herzkindes und orientierte mich an ihnen. Nur noch diesen folgen, alles andere würde nicht mehr funktionieren.
Im Straßenverkehr hätte ich nun keine Kontrolle mehr, könnte Entfernungen von anderen Menschen und Autos nicht mehr einschätzen – alles wäre viel zu nah, viel zu grell, viel zu laut. Selbst die eigenen Bewegungen sind in diesen Situationen schwerfällig. Ich bekomme das Gefühl durch die Überreizung ist auch mein Gleichgewichtssinn überfordert und jeder Schritt braucht enorme Konzentration und Kraft. Hätte ich in diesem Moment nicht das Herzkind dessen Schuhen ich folgen konnte, ich wäre handlungsunfähig gewesen.  *²

Auf unserem Weg kam uns niemand entgegen, niemand kam mir zu nah, niemand machte störende, eindringende Geräusche – bis auf die automatischen Türen. Ich bemerkte, wie das Herzkind mich nach draußen navigierte. In einer abgelegenen Ecke sagte sie: „Mama, ich glaube du brauchst Pause.“ Diese gab sie mir auch und holte sich selbst aus der Cafeteria noch ein Croissant.
Nach 10-15 Minuten machten wir uns wieder auf den Weg zur Ärztin. Die Pause tat gut, auch wenn ich nicht wieder fit war, so konnte ich doch wieder einigermaßen „funktionieren“ um den Termin zu Ende zu bringen. Am Sprechzimmer angekommen warteten wir etwas weniger als zwei Minuten bis die Ärztin uns herein bat. Sie erklärte das Röntgenbild, sprach vom bisherigen Befund und vergewisserte sich beim Herzkind, dass sie alles verstanden hatte. Wir einigten uns – meinerseits fast wortlos und nur nickend –  darauf mit dem jetzigen Vorbefund keine Behandlung durchzuführen. Anschließend entließ sie uns mit der Aussage sich in etwa 2-3 Wochen zu melden, wenn alle Blutergebnisse vorliegen würden. Außerdem bekam das Herzkind einen Kontrolltermin in einem halben Jahr und braucht – sofern es keine gravierenden Änderungen gibt, oder das Blutbild mit dem Vorbefund nicht übereinstimmt – vorher auch nicht wieder vorsprechen.
Geschafft. Endlich.

*² ( Ich mag es nicht wenn Situationen so eskalieren, dass das Herzkind die „Verantwortung“ übernehmen muss. Sie soll Kind sein dürfen, geführt von einer starken Mutter.) 

Meltdown – wenn die Nervenbahnen sich verheddern und Chaos ausbricht

Der Mittwoch- oder auch NeujahrsAbend hatte es dann doch noch ziemlich arg in sich. Irgendwann kam der Punkt und ich brach innerlich zusammen oder auch auseinander, wusste weder vor noch zurück und hatte gänzlich die Orientierung verloren. Ein Meltdown (Nervenzusammenbruch aufgrund Überforderung). Ich habe kaum mehr Erinnerung daran, als wäre eine Sicherung „durchgebrannt“. Die Sicherung die eigentlich gut abgeschirmt ist und daher zum Glück lange nicht mehr komplett „durchgebrannt“ ist. Der Meltdown äußerte sich im zusammenbrechen, sich schlagen, den Kopf gegen die Wand hauen, das Chaos loswerden wollen.

Normalerweise gibt es Vorboten, die ich wahrnehme, da sind zum einen einzelne Symptome wie Kopfschmerzen, innere Unruhe, noch stärkere Licht-, Geruch-, Geräusch- und Berührungsempfindlichkeit, Weglaufgedanken, stärkere Gereiztheit und ähnliche Körperreaktionen wie auch der Overload selbst. Der Meltdown ist dementsprechend oft eine Folge des „missachteten“ Overloads.

In den Tagen/Wochen zuvor habe ich immer versucht alle Symptome des Overloads zu verdrängen, den Shutdown (innerlichen Rückzug) hinauszuzögern, was natürlich die Kernschmelze (den Meltdown) immer näher kommen ließ. Ich musste/wollte funktionieren. Es sind Ferien, ich muss doch da sein fürs Herzkind. Es stand der Geburtstag an, Familiengeburtstage, Weihnachten. Ich spürte, dass es immer schwerer wurde und hoffte doch es irgendwie zu schaffen. Machte viele Abstriche um der Reizüberflutung aus dem Weg zu gehen, aber diese wurde immer stärker. Bald schon störte jedes Geräusch, alles was ich anfassen musste tat an den Händen weh. Aber ich wollte doch durchhalten.  Zumindest so lange bis die Schule wieder beginnt, die Assistenz aus dem Urlaub zurück ist, die Routine wieder einkehrt. Dann wäre doch sicher die Möglichkeit da gewesen wieder zur Ruhe zu kommen.

Der Neujahrsabend zeigte es war zuviel. Ich wachte am Donnerstag morgen –noch in Alltagskleidung vom Mittwoch – mit einer blauen Schläfe auf. Die Energie die sich in der Autoagression entladen hat muss dementsprechend ziemlich arg gewesen sein. Zudem plagten mich sehr starke Kopfschmerzen auf der rechten Seite, Übelkeit, starke Lichtempfindlichkeit, schwammiges sehen und Schwindel. Anfangs dachte ich an Migräne, denn diese ist oft ein Nachzügler des Overloads und nahm Medikamente dagegen, die normalerweise die Symptome auch etwas lindern. Donnerstag jedoch zeigten sie absolut keine Wirkung und ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit darüber nachgedacht mit diesen Symptomen zum Arzt zu gehen. Wäre die Assistenz nicht im Urlaub hätte ich sie auch um Hilfe gebeten. Kommunizieren war mir nicht möglich und daher konnte ich nicht alleine zum Arzt. Ich weiß nicht einmal ob ich der Assistenz genau hätte sagen können was los ist.
Das ganze hat mich zwei Tage lang ziemlich ausgehebelt. Und auch jetzt am dritten Tag spüre ich den Meltdown noch arg nach.

(Wenn mein Drucker wieder einsatzbereit ist werde ich mal schauen ob ich für solche Situationen etwas vorbereiten kann. Und mir zum Geb. vielleicht ein gutes Handy wünschen – das LetMeTalk unterstützt. )

Nun nach 2 Tagen ist noch ein klein wenig Druck im Kopf auf der rechten Seite und wenn man mich ansieht glaubt man vermutlich ich hätte einen Boxkampf hinter mir. Nein, es war „nur“ ein Meltdown.

warum offene Hausflure auch Rettung sein können

Ein anstrengender Tag endete mal wieder mit einer Flucht vor der Welt da draussen.  Alles zu laut, zu schnell und ich fühlte mich überfordert. Nur noch ein Gedanke in mir: „Ich möchte hier raus.“  Raus aus dieser Situation. Raus aus dem alltäglichen Leben das um mich herum  immer schneller, immer lauter, immer undurchschaubarer wird. Gefangen in einem Wust aus Bildern und Geräuschen.   Nur 5 Minuten war ich in der Stadt. 5 Minuten zuviel. Ein rettender Hauseingang liess mir einen Moment für den Rückzug.

Overload

Zeit um nichts hören zu müssen, nicht handeln zu müssen.
Zeit um Kraft zu finden für den Weg wieder nach Hause.

reizarm leben

Ich würde mir ein Zimmer wünschen, das so minimal wie möglich eingerichtet ist. Das betrifft nicht nur Möbel und Deko sondern auch Farben. Ein Zimmer mit Wohlfühldingen zum vorbeugen oder regenerieren einer Reizüberflutung. Da ich aber nicht alleine wohne ist es nicht ganz einfach. Die Herzenstochter braucht zusätzlich noch einige Dinge, auch der Knirps hat seine Spielecke im Wohnzimmer. Vieles hat zwar seinen Platz, aber dennoch ist es nicht stimmig für mich. Dies liegt hauptsächlich an den wenigen Stauraummöglichkeiten, da ich keine Wohnzimmerwand habe hinter deren Türen ich Dinge aus den Augen legen könnte. Momentan versuchen wir viel auszusortieren um die visuellen Reize zu verringern. Bei der Einrichtung der nächsten Wohnung werde ich da hoffentlich mehr drauf achten. Bei meinem Einzug hier, haben wir jeden Raum andersfarbig gestrichen, was aus heutiger Sicht nicht optimal war.

Taktil kann ich mich mit meiner Decke (manchmal müsse es auch zwei sein) beruhigen. In sie hinein wickeln, Wiederstand spüren,  geschützt sein.

Akustisch haben wir uns gut eingerichtet. Die Herzenstochter hört Musik oft über Kopfhörer, die Lautstärke beim gemeinsamen Fernsehen oder Radio hören ist gering eingestellt. Besucher fragen schon mal ob wir überhaupt etwas verstehen, ihr Gehör ist vermutlich lautere Einstellungen gewöhnt. Es gibt jedoch Geräusche die mich teilweise sehr stören und die nicht einfach regelbar sind. Da sind beispielsweise das brummen des Kühlschranks, der Lüfter des Laptop oder das ticken der Uhren.  Ich nutze  eine Analoguhr, da ich so die Zeitabschnitte besser einteilen kann. Ich sehe beispielsweise genau wieviel Zeit ich noch habe bis zum nächsten Tagespunkt. Diese visuelle Darstellung der verbleibenden Zeit gibt mir Sicherheit.

Auf der langen Suche nach einer analogen, geräuschlosen Uhr stieß ich auf das Wort Sweepuhrwerk. Ein Sweepuhrwerk lässt den Sekundenzeiger durchlaufen und somit entsteht kein unangenehmes ticken. Die Uhren sind jedoch leider nicht sehr preiswert und somit wollte ich mir diesen Wunsch von dshini erfüllen lassen.  Dann kam die Nachricht, dass 3 liebe Menschen mir diesen Wunsch sofort erfüllen und schon eine Woche später hielt ich meinen neuen Alltagshelfer in den Händen.

IMG_4097 Uhr

Danke Svea, Ilana und Mel.

und dann kam der Rettungswagen

Wer mir nicht auf Twitter folgt hat es vielleicht noch nicht mitbekommen. Donnerstag Nacht wurde ich mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht. Starke Schmerzen im rechten Unterbauch, eine Rötung die sich weiter ausbreitete und starke Kreislaufprobleme waren die Gründe. Später kam trotzt rascher Antibiotikagabe Fieber hinzu.
Noch immer steht nicht fest was die Ursache war, unter Weitergabe des Antibiotika (intravenös), Schmerzmittel (intravenös) und 2x täglicher Blutkontrolle ist das Fieber und die Rötung zurück gegangen, die Schwellung klang etwas ab und auch die Entzündungswerte waren rückläufig.

Meine Assistentin war oft bei mir, was mir sehr geholfen hat. Das Klinikpersonal war sehr freundlich und rücksichtsvoll (auch im Bezug zum Asperger). Man versuchte es mir wirklich so angenehm wie möglich zu machen, denn vieles bedeutete großen Stress für mich. Was nicht selten in Overloads endete.

Gestern wurde ich (für mich sehr spontan) von der Inneren entlassen, meine Assistentin wollte mich um 9.45Uhr abholen. Leider kamen wir nicht weit. Noch auf der Station sackte mein Kreislauf wieder zusammen. Mehrmals versuchte ich nach kurzer Pause wieder aufzustehen, aber mein Körper war dagegen. Ich bekam Herzschmerzen und wurde als internistischer Fall in die Notaufnahme gebracht. (Glücklicherweise war das EKG unauffällig).
Es kam zu weiteren Zwischenfällen und im Endeffekt verbrachte ich bis 14.30 Uhr meine Zeit im Schockraum, wurde vielen Ärzten vorgestellt und war selbst immer überfordertet. Auch Beruhigungsmedikamente halfen da nicht. Meine Assistentin blieb am Ende allein mit mir im Raum hielt mir die Hand, sprach mir manchmal ruhig zu und so schaffte ich es langsam aus dem Overload heraus und schlief völlig erschöpft ein.

Sie brachte mich später nach Absprache mit den Ärzten (und auf meinen Wunsch) nach Hause. Ich schlief etwa eine Stunde später ein, wachte gegen 19.00Uhr wieder auf, beantwortete die SMS die sie mir gegen 16.30Uhr schrieb (damit sie sich keine Sorgen mehr macht) und schlief kurz darauf weiter bis heute morgen kurz nach 8.00Uhr.

Momentan ist mein Körper noch immer nicht fit, Antibiotika wird mir heute Mittag von der Apotheke geliefert, mein Kreislauf hat in meinem Körper noch immer keinen Anker und verabschiedet sich regelmäßig.  Die Schwellung ist noch da  und schmerzhaft aber von äusserlich 13x7cm auf 4x5cm (innen kugelförmig) geschrumpft. Nachher wird meine Schwester vorbei kommen und auch meine Assistenz meldet sich nochmal. Notfalls bleibe ich diese Woche bei meiner Schwester, wobei mir zu Hause lieber wäre. Jedoch ist diese Aussicht besser als Krankenhaus.

* Ich habe mir viele Notizen im Krankenhaus gemacht. Jetzt allerdings erstmal nur sachlich die momentane Lage geschildert, falls nachfragen da sind von den Lesern die meinen Krankenhauseintritt  auf Twitter verfolgt haben.


*² Für Fehler in Grammatik, Satzbau oder Zeichensetzung haftet heute mal mein Körper, der durch die Medikamente und Umstände ziemlich mitgenommen ist .

aus der Kategorie „Fragen an mich“

Per Mail oder Kontaktformular bekomme ich manchmal Fragen gestellt. Da einige sich wiederholen denke ich wäre es gut diese Fragen auch hier zu beantworten.

Heute also die Frage(n): „Was passiert eigentlich beim Overload? Wie merkst du das?“

Bemerken tue ich es oft daran, das Reize intensiver werden. Geräusche werden wesentlich lauter wahrgenommen, visuelles tut in den Augen weh. Jede Bewegung die ich visuell wahrnehme ist eindringlicher. Ich muss den Blick abwenden zu Ruhepolen oder im Notfall die Augen schließen.  Meine Ohren schütze ich mit Ohropax oder einfach mit zuhalten der Ohren. Ich fange leicht an zu schaukeln oder ohne Ziel umherzugehen. Sprechen ist nicht mehr möglich oder es kommt zum stammeln bzw. zu Wortfindungsstörungen. Für andere scheine ich innerlich zu verschwinden.

Wenn ich aus der Situation nicht herauskomme, Hinweise eines aufkommenden Overloads nicht wahrnehme oder ignoriere um im Geschehen zu bleiben (weil es vielleicht sein muss) endet es in Kopfweh und Übelkeit. Alles wird zuviel. Aussengeräusche wie tickende Uhren werden abgestellt, ich brauche meine Decke, muss die Augen schließen und mich zusammenkauern/einrollen. Werde ich daran gehindert muss ich laut werden, schimpfen, mich selbst spüren (selbstverletzendes Verhalten) , weglaufen.

Ein Overload ist für mich ein zuviel an Reizen.