Ich sehe was, was du nicht siehst.

Noch 2 Haltestellen bis nach Hause da steigt ein junger Mann in die U-Bahn ein. Ich sitze wie immer vorne um visuelle, auditive und taktile Reize möglichst gering zu halten. Der junge Mann bleibt vor meinem Sitz, direkt an der Tür stehen. Er schnauft ziemlich. Ich vermute, dass er zur Bahn rennen musste und aus diesem Grund so aus der Puste ist. Mir fällt seine mit weißen Farbklecksen besprenkelte Jogginghose auf. Das es eine Jogginghose ist wundert mich. Vorstellen könnte ich mir, dass er gerade von der Arbeit kommt, dazu passt der dunkelblaue Rucksack den er trägt und die Uhrzeit. Doch trägt man auf Arbeit nicht eine Arbeitshose? Das ist ein Bild, welches ich öfter in der Bahn beobachte. Es kann natürlich sein, dass er noch Probetage hat, dafür ist die Anschaffung einer Arbeitshose eventuell nicht wichtig.  So mache ich mir meine Gedanken.

Das Fotolicht seines Handy in grüner Schutzhülle blinkt plötzlich grell auf. Macht er etwa ein Foto vom Boden der Bahn? Nein es scheint das Zeichen eines eingehenden Anrufes zu sein, denn er hält das Telefon kurz darauf ans Ohr. Das Gespräch ist sehr kurz, er sagt nur einmal leise „ja“ und zweimal „ok“. Die Bahn ruckelt weiter.

Der junge Mann hält sich nun mit der linken Hand an der Haltestange fest, die rechte Hand legt er ruckartig auf Brusthöhe an seinen Körper. Eine Geste, die ich oft beobachte, nachdem Menschen einer Bahn oder einem Bus hinterher gelaufen sind. Anschließend neigt er seinen Kopf sodass die Stirn seinen linken Oberarm berührt und atmet weiterhin mehrmals kräftig pustend aus. Er muss wirklich gerannt sein. Ich schaue mir noch immer die winzigen Farbkleckse auf seiner Hose an, finde kleine Muster, die vermutlich wieder nur ich entdecke und wundere mich dabei noch immer über die Art/ den Stoff der Hose.

Nach weiteren 2 Minuten fahren wir in unsere U-Bahnstation ein. Ich stehe auf und achte darauf den jungen Mann dabei nicht berühren zu müssen. Zum Glück geht er ein Stück zur Seite. Nachdem die Tür der Bahn sich geschlossen hat spricht das Herzkind mich an: „Mama, ich würde gerne wissen warum der Junge geweint hat. Mich macht es immer total traurig andere traurig zu sehen.“
Ich denke kurz nach, aber vor uns in der Bahn stand nur der junge Mann. Es ist möglich, dass an der Haltestelle ein weinender Junge sass. Ich war dort völlig überfordert vom aufpassen müssen niemanden zu berühren, von der Fülle an Farben der Kleidung vieler Menschen, den vielen Tönen. Ich suche in meinem Kopf aus dem ganzen Wirrwarr nach dem Bild eines weinenden Jungen und finde keines. Auch weinen gehört habe ich niemanden. „Welchen Jungen meinst du denn? Ich habe keinen gesehen.“
„Na der, der in der Bahn genau vor dir stand.“

Ich habe wirklich nicht bemerkt, dass er geweint hat. Hätte es nach meinen Beobachtungen und unter den gegebenen Umständen nicht so eingestuft. Zudem habe ich die Person als jungen Mann, vermutlich gerade in Ausbildung, wahrgenommen nicht als Jungen.  Das er einen dunkelblauen Rucksack mit zwei Aufnähern trug und eine Jogginghose mit weißen Farbtupfern, das wiederum ist dem Herzkind nicht aufgefallen.

Ich muss funktionieren, war mein Ziel.

„Frau (Herzchaosmama) hat  die letzten Monate viel besser weggesteckt als ich dachte“ ,  über diese Worte denke ich nach.   Denke nach und frage mich was hat diese Person sich denn vorgestellt?  Es ist ein Satz der etwas aussagt und doch Unwissenheit hinterlässt. Unwissenheit darüber ob es wirklich besser war oder ob irgendetwas einfach nicht wahrgenommen wurde (was ich ganz ohne Wertung meine).

Ich selbst fand die Umstellungen der letzten Monate sehr belastend, war oft am Limit, kämpfte mit Abstürzen, vielen Overloads, Meltdowns und ja manches mal auch mit dem Gedanken das alles doch einfach nur ein Ende haben soll.
Ich kämpfte mich durch. Wortlos, immer schwächer werdend  und doch weiter gehend.

Ich nahm Termine wahr um mich an irgendetwas festhalten zu können.  Termine, die lange schon im Wochenplan integriert sind. Termine die – wegen der gegebenen Struktur – Erleichterung und – wegen der enormen Konzentration und Kraft, die sie brauchten – Belastung bedeuteten.   Ein Zwiespalt der dazu beitrug funktionieren zu müssen und ebenso auch funktionieren zu wollen.  Es mussten ja auch wieder „Gerüste“ aufgebaut und Vertrauen geschaffen werden.

Das Gefühl dabei war oft am Limit der eigenen Kraft zu sein. Pausen die zwischen den Terminen stattfanden wurden gebraucht um den „Reserveakku“ wieder aufzuladen. Nie reichte es um richtig Kraft zu tanken.  Um wieder mit Freude und Vertrauen in mich eine Sache anzugehen. Was früher Freizeit oder Auszeit bedeutete wurde nun zur Pflicht. Ich muss funktionieren, war mein Ziel.

Sommerreize

Vor kurzem sagte ich: „Ich mag den Sommer nicht.“ Diese Aussage ist jedoch viel zu ungenau. Differenzierter müsste es heissen: „Ich mag die Sommerreize nicht.“ Noch detailierter wäre es,  die einzelnen Unannehmlichkeiten zu benennen, was ich mit diesem Post versuchen möchte.

Zum ersten ist da die Sonne mit ihrer Helligkeit. Das Licht allein ist schon greller als in anderen Jahreszeiten. Dann wird es von vielen Gegenständen reflektiert, beispielsweise von weissen Wänden, spiegelnden Fenstern, Plakatscheiben, Scherben und Kronkorken auf dem Weg  oder auch von weißem Geschirr, wenn man an einem Café vorbei geht. Es gibt Tage, da hilft nicht einmal die Sonnenbrille, selbst hinter ihr werden meine Augen geblendet und fangen an zu schmerzen.

Im Sommer gibt es draussen auch mehr und lautere Geräusche. Zum einem sind da die vielen elektrischen Geräte wie Rasenmäher, Heckenscheren, Sägen und Musikanlagen. Zum anderen wird nicht mehr nur in den Häusern gebaut, gespielt, gelacht und gelebt sondern viele Aktivitäten werden nach draußen in Gärten und Hinterhöfe verlegt. Gemeinsames Beisammensein, feiern und sich unterhalten. Die Umgebungsgeräusche nehmen damit in den Sommermonaten zu.

Im Sommer sind (gefühlt) mehr Menschen unterwegs. Sie sind nicht darauf bedacht schnell in warme Gebäude zu kommen und halten sich somit öfter und länger draussen auf.  Sie unterhalten sich, telefonieren, lachen und rufen Bekannte die sie draußen erkennen.  Autofahrer sind gereizt von der Wärme (?) und hupen öfter, wollen schneller zu Hause, im Park oder im Schwimmbad sein (?). Motorräder werden aus den Garagen geholt und einige Fahrer/innen möchten, an Ampeln oder in freier Fahrt,  zeigen welch hohen Sound ihr Fahrzeug erreichen kann.

Und weil so viel mehr Menschen draussen sind ist der Geräuschpegel höher, weil jeder die anderen Geräusche übertönen möchte um gehört oder einfach nur verstanden zu werden. Die Menschen sitzen nicht mehr in den Cafès, sondern draußen. Sie strömen in die Städte und Parks. Sie nehmen auch der Natur ihre Stille indem sie Musik mitbringen, sich in Gruppen versammeln – mit vielen Unterhaltungen und gemeinsamen Essen.

Und da bin ich beim dritten Faktor – Gerüche. Es gibt angenehme und unangenehme, wobei angenehme in ihrer Vielzahl auch wieder unangenehm werden können – was gerade im Sommer überhand nimmt. Beispielsweise wenn „an jeder Ecke“ gegrillt wird und damit die unterschiedlichsten Duftstoffe freigesetzt werden. Es riecht nach Fleisch, nach Kohle, nach Gemüse, verkohlt oder verbrannt. Es gibt gerade am Wochenende kaum Möglichkeiten einen Spaziergang zu unternehmen ohne mit diesen Gerüchen konfrontiert zu werden.
Und dann sind da die Gerüche, die vom Menschen ausgehen. Von verschwitzten aber auch von gepflegten Menschen. Denn auch Deo und Parfüm mit ihren vielen unterschiedlichen Dufteigenschaften werden gehäuft eingesetzt und „vernebeln“ die Umgebung.  Diese künstlichen Duftstoffe nehmen mit der Anzahl der Personen und mit steigenden Temperaturen massiv zu.

Visuell, auditiv und olfaktorisch fühle ich mich mit oben genanntem,  im Sommer mehr Reizen ausgesetzt als beispielsweise im Winter, wenn die Menschen sich in warmen Gebäuden aufhalten und die Sonne einige Stunden weniger und „sanfter“ strahlt.  Der Sommer ist für mich heller, lauter und stickiger als andere Jahreszeiten und aus dieser Wahrnehmung entspringt die Eingangsaussage: „Ich mag den Sommer nicht“.

 

Klinikmarathon die dritte – alles hat ein Ende

Mit der Überweisung in der Tasche konnte der weitere Tag nun endlich so ablaufen wie geplant. Dachte ich.
Da die Bahn zu voll und damit auch zu laut war, entschied ich mich nach Hause zu laufen, um einer möglichen Überreizung schon vor dem Kliniktermin entgegen zu wirken. Zu Hause konnte ich erstmal eine kurze Pause in meinem abgedunkeltem, ruhigen Zimmer einlegen, bevor das Herzkind von der Schule heimkam. Anschließend machten wir uns auf den Weg zur Klinik.

Dort angekommen gingen wir zur Anmeldung und sahen das bereits sehr volle Wartezimmer. Da ich die Umgebung vom Vortag kannte und wusste wo das Sprechzimmer war und aus welcher Richtung unsere Ärztin kommen würde, zog ich mich in eine ruhige Ecke außerhalb des Wartebereichs zurück, von der aus ich die Ärztin hätte sehen können.  Die Wartezeit dauerte dieses Mal leider viel länger als am Vortag und an meine eigentlich ruhige Stelle, kamen immer mehr Personen, die ebenfalls dort warten wollten. Sie kamen mir gefühlt viel zu nah – ihre Körper, ihre Stimmen, ihre Bewegungen, ihr Geruch. Die Schwestern aus der Anmeldung liefen nun auch hin und her, um die Patienten an den jeweiligen Orten aufzusuchen. Ich wollte fort – es war zuviel, suchte Halt im Rücken, indem ich mich stärker an die Wand lehnte.
Dann wurden wir von einer Schwester gerufen und sie schickte uns mit einem ausgefüllten Bogen zum Zimmer der Ärztin, wo wir vor der Tür warten sollten. Hier wartete mit uns nur eine Familie, doch standen wir nun auf dem Gang der Klinik und neben uns befand sich eine Tür mit automatischem Türöffner bei Tastendruck. Durch diese Tür musste jeder hindurch der zur Anmeldung der Kinderklinik, zu weiteren Sprechzimmern, zum Hauptgebäude oder zu den Aufzügen wollte. Die Tür ging fast ohne Pause auf und zu. Das Klacken des Türöffners, das Schleifen der Tür, wenn diese auf und zu ging, das Einrasten der Klinke beim Wiederschließen – es hörte nicht auf, es tat in den Ohren weh.  Dazu die Schritte der Personen, die vorbei gingen, Turnschuhe, Hackenschuhe, klappernde Schlüsselbänder, klingelnde Telefone, Stimmen.
Die mit uns wartende Familie bemerkte wohl, dass etwas nicht stimmte, denn eine Person stand auf und bot mir ihren Platz an. Ich konnte ihn jedoch nicht einnehmen, denn eigentlich wollte ich genau in die andere Richtung – nach draußen. Ich lehnte mich mit dem Rücken stärker an die Wand, hoffte damit etwas mehr Halt zu bekommen.
Kurz darauf ging die Tür der Ärztin auf, sie fragte nach dem ausgefüllten Bogen, gab ihre Unterschrift darauf ab und schickte uns zur Röntgenabteilung.
Obwohl ich wusste wo diese war – ich aber nur noch „funktionierte“ und einfach lief – wählte ich einen falschen Weg. Das Herzkind bemerkte dies und navigierte mich nun auf den richtigen Pfad. In der Röntgenabteilung angekommen, mussten wir feststellen, dass dort gerade Bauarbeiten stattfanden. Es wurde gehämmert, geschliffen, gebohrt. Das endgültige k-o-Kriterium für mich. Ich musste raus, gab der dortigen Anmeldung -nicht mehr kommunikationsfähig – den Bogen, signalisierte mit einer Handbewegung dem Herzkind, dass sie – wenn sie aufgerufen wird – alleine in den Röntgenraum soll und begab mich nach draußen.
Wie lange ich draußen war, vermag ich nicht genau zu sagen, irgendwann war ich soweit wieder „stabil“, dass ich das Herzkind abholen wollte, wir mussten ja nach dem röntgen zurück zur Ärztin. Das Herzkind war jedoch noch im Röntgenraum und die Dame der Röntgenabteilung sprach mich an, ob ich denn des Herzkindes Krankenkassenkarte dabei hätte.  Ich nickte. Ob ich sie denn in der Kinderambulanz einlesen lassen hätte. Wieder nickte ich. Es würden auf dem Bogen Daten fehlen, diese wären jedoch dringend notwendig um das Herzkind röntgen zu können und ich solle doch bitte zurück zur Kinderambulanz um einen neuen Bogen zu holen. Irritiert stand ich nun da und hatte irgendwie auch die Orientierung verloren. Die Baugeräusche, die neue Situation, das Herzkind fort. Soll ich nun an diesem Ort bleiben oder gehen? Wird das Herzkind nun geröngt oder gibt es das gleiche Chaos wie am Vortag?  In meinem Kopf ein Wust aus Gedanken, Geräuschen und Eindrücken. Überfüllender Hirnbrei, der kein Handeln mehr möglich machte. Ich musste mich setzen, hatte keinen Halt mehr.

Irgendwann kam das Herzkind und war – trotz fehlenden Angaben auf dem Bogen – schon geröntgt. Da ich nicht länger in diesem Lärm und Chaos bleiben konnte, wollten wir zum Zimmer der Ärztin. Ich fokussierte nur noch die Schuhe des Herzkindes und orientierte mich an ihnen. Nur noch diesen folgen, alles andere würde nicht mehr funktionieren.
Im Straßenverkehr hätte ich nun keine Kontrolle mehr, könnte Entfernungen von anderen Menschen und Autos nicht mehr einschätzen – alles wäre viel zu nah, viel zu grell, viel zu laut. Selbst die eigenen Bewegungen sind in diesen Situationen schwerfällig. Ich bekomme das Gefühl durch die Überreizung ist auch mein Gleichgewichtssinn überfordert und jeder Schritt braucht enorme Konzentration und Kraft. Hätte ich in diesem Moment nicht das Herzkind dessen Schuhen ich folgen konnte, ich wäre handlungsunfähig gewesen.  *²

Auf unserem Weg kam uns niemand entgegen, niemand kam mir zu nah, niemand machte störende, eindringende Geräusche – bis auf die automatischen Türen. Ich bemerkte, wie das Herzkind mich nach draußen navigierte. In einer abgelegenen Ecke sagte sie: „Mama, ich glaube du brauchst Pause.“ Diese gab sie mir auch und holte sich selbst aus der Cafeteria noch ein Croissant.
Nach 10-15 Minuten machten wir uns wieder auf den Weg zur Ärztin. Die Pause tat gut, auch wenn ich nicht wieder fit war, so konnte ich doch wieder einigermaßen „funktionieren“ um den Termin zu Ende zu bringen. Am Sprechzimmer angekommen warteten wir etwas weniger als zwei Minuten bis die Ärztin uns herein bat. Sie erklärte das Röntgenbild, sprach vom bisherigen Befund und vergewisserte sich beim Herzkind, dass sie alles verstanden hatte. Wir einigten uns – meinerseits fast wortlos und nur nickend –  darauf mit dem jetzigen Vorbefund keine Behandlung durchzuführen. Anschließend entließ sie uns mit der Aussage sich in etwa 2-3 Wochen zu melden, wenn alle Blutergebnisse vorliegen würden. Außerdem bekam das Herzkind einen Kontrolltermin in einem halben Jahr und braucht – sofern es keine gravierenden Änderungen gibt, oder das Blutbild mit dem Vorbefund nicht übereinstimmt – vorher auch nicht wieder vorsprechen.
Geschafft. Endlich.

*² ( Ich mag es nicht wenn Situationen so eskalieren, dass das Herzkind die „Verantwortung“ übernehmen muss. Sie soll Kind sein dürfen, geführt von einer starken Mutter.) 

Urlaub vs. Umzug

„Natürlich freue ich mich sehr, aber ich bin auch etwas verwundert, dass ihnen der Urlaub so gut getan hat. Die lange Fahrt, die fremde Umgebung, die fremden Menschen, ich hatte die Befürchtung sie muten sich zuviel zu. Gerade im Rückblick auf den Umzug. Wieviel Kraft es ihnen abverlangte.  Wie schwer und anstrengend die Veränderung  für sie war. (…)“

Natürlich war es nicht einfach für mich, mich in den Bus zu setzen, eine Fahrt von 6 Stunden und 40 Minuten hinter mich zu bringen um dann in einer für mich fremden Umgebung ein paar Tage zu verbringen. Es liefen dafür einige Vorbereitungen ab, wie Mailkontakte und – unter anderem – das zusenden von Fotos der fremden Umgebung oder das kennenlernen der Haltestelle und Umgebung einige Tage vor Abfahrt. Und ehrlich gesagt so spontan war es gar nicht, denn im Kopf war ein Treffen schon seit etwa 1,5 Jahren in Planung. Soviel hat mir dieser Mensch schon gegeben und ich wollte diesen Menschen und seine Familie unbedingt einmal persönlich kennenlernen. Genau ein Jahr vor diesem Treffen war schon einmal ein persönliches Kennenlernen geplant, musste aber wegen der damaligen Wetterlage spontan abgesagt werden.

Der Umzug bedeutete das aufgeben meines Schutzraumes. Das gewöhnen müssen an eine neue Umgebung ohne in mein gewohntes Umfeld zurückkehren zu können. Keine „Flucht“möglichkeit mehr haben. Ein Urlaub ist ein „abwesend sein“ des gewohnten Umfelds für eine geplante Zeit. Ein kurzes ausbrechen aus dem Alltag mit dem „Anker“ im Kopf stets zurückkehren zu können. Und wenn der Urlaub dann so gut geplant ist wie dieser, wenn ich sicher bin zu Menschen zu kommen die Verständnis haben, wenn ich auch (Mutter)pflichten ablegen kann, dann bietet er zudem die Möglichkeit vom Alltag Abstand zu nehmen und Kraft tanken zu können.

Das jetzige Kennenlernen verlief zudem leider auch nicht ganz ohne „Hindernisse“ ab. Die lange Fahrt, die Anstrengung, die vielen neuen Eindrücke all das führte am ersten Tag zum Overload, was mir im Nachhinein auch für meine Gastgeber leid tat. Die Hilflosigkeit in dieser Situation möchte ich niemandem zumuten.
Ich hatte noch keinen Rückzugsraum – nicht weil er nicht gegeben war, sondern weil er noch nicht vertraut war, noch kein „zur Ruhe kommen“ zuliess.  Ich kam schon mit Kopfweh und Übelkeit an, im Nachhinein gesehen schon auf der (ziemlich) grünen Wahrnehmungsstufe, wollte es aber verdrängen. Da sein. So liebevoll wurde ich empfangen und so herzlich aufgenommen.  Leider kippte es dann irgendwann doch. Der Overload war nicht mehr aufhaltbar.

Die nächsten 1,5 Tage waren toll. Spaziergänge zu zweit, gute Gespräche, Natur, Kinderfreude, Herzlichkeit. (Viel zu) Schnell kam der Abschied und selbst noch in den letzten gemeinsamen Minuten gab es  Hilfestellung durch meine Gastgeberin. 😉 Danke.

Ich spürte an diesem Tag aber auch schon, dass ein weiterer Tag mehr Rückzug zur Folge gehabt hätte. „Familienalltag“ anstrengender wurde und ein Nur-Ich-Tag,  mit vielleicht ein bis zwei (Draussen-) Stunden zu zweit, nötig wären.  All das erlebte, gesehene wollte verarbeitet werden. Das „im Geschehen“ bleiben wurde anstrengender, die Reize intensiver wahrgenommen, kaum noch filterbar zwischen visuell und auditiv. Ein überlappen der Sinnesreize so dass viel Konzentration aufgebracht werden musste sich auf nur eines zu konzentrieren um mich nicht im Kopf-Bilder-Chaos zu verirren.

Es war ein toller Urlaub. Eine wunderbare Auszeit. Ein erleben von Verständnis und ich bin dankbar dafür und dankbar das ich diesen Schritt gewagt habe. Missen möchte ich den Urlaub/ das Kennenlernen nicht und freue mich auf Wiederholung oder  (mit bestimmten Voraussetzungen) Gegenbesuch.

*

(Der Overload der in der Woche nach dem Urlaub folgte war sicherlich so intensiv [im Rückblick gesehen einweisungswürdig/ ärztliche Begleitung {Medikamente} notwendig]  weil ich daheim sofort wieder im Terminchaos/ Alltagschaos landete und all das Erlebte noch nicht verarbeitet und trotz positivem Erlebnis auch Anstrengung war. )

Das ist mein Platz!

Vor einigen Tagen war M. zum Kaffee hier. Während ich in der Küche den Kaffee aufbrühte setzte M. sich bereits ins Wohnzimmer. Das Herzkind, das extra für diesen Nachmittag auf dem Schulheimweg Kuchen mitbrachte deckte den Tisch ein.  Als sie ein zweites Mal zu mir in die Küche kam teilte sie mir mit, dass M. sich auf meinen Platz gesetzt hat.  Es war gut, das ich gleich  Bescheid wusste, nahm die Worte auf, atmete tief ein und aus und sagte dem Herzkind erstmal „Ist ok. Sie ist ja der Besuch.“
Ich habe mittlerweile gelernt das der Besuch „Vorrang“ in vielen Dingen hat. Der Spruch „der Kunde ist König“ zählt in diesem Fall wohl irgendwie auch.  Obwohl Besuch ja eigentlich kein Kunde ist. Wobei, vom eigenen Gefühl her, es ihm recht machen wollen etc. ist es schon fast ähnlich. Aber das ist ein anderes Thema. Zu oft wurde ich schon missverstanden wenn ich etwas beanstandete (wie beispielsweise die Aussage, dass ich einen Platz für mich beanspruche).  M. weiss, das ich meinen Platz habe und hat sich  bewusst dorthin gesetzt. Sie sagte: „Jetzt hat *das Herzkind*schon  *gepetzt*, ich wollte doch wissen, was du sagst.“
Ich hätte nichts gesagt. Ich hätte es auch dann ausgehalten. Wäre vielleicht nochmal kurz aus dem Raum gegangen um es gedanklich einsortieren zu können. Diese Dinge (Provokationen?) machen unsere Treffen manchmal schwierig.  Ich fühle mich dann in meinem Sein nicht akzeptiert. Höre innerlich Worte von früher in meinem Ohr:  „Du kannst es doch aushalten, also verstehe ich nicht wo das Problem ist.“
Ja, ich kann es aushalten, weil ich dann  schweige. Weil ich es aushalten muss. Aber es fordert Kraft. Es macht Begegnungen schwierig. Nimmt Sicherheit und  im Kopf beschäftigt es mich sehr stark.
In diesem Fall immer wieder die Gedanken „Sie sitzt auf meinem Platz Wann geht  sie wieder. Wann darf ich dort wieder  sitzen? Wird der Platz dann immer noch ein Sicherheitspunkt für mich sein oder verändert er sich?  Von hier aus ist mein Blickwinkel anders. Es fühlt sich nicht gut an. Ich fühle mich unwohl.  Es fordert Kraft. Sie soll gehen. Wenn sie aufsteht, möchte ich mich dorthin setzen. Auf meinen Platz. Aber ich darf nicht. Muss mich stark kontrollieren. Es fühlt sich nicht gut an. Ich MUSS es aushalten, muss konzentriert bleiben. Es fordert mich sehr stark. Gedanklich und  gefühlsmäßig. Es ist falsch. Es ist unsicher.“
Der Kopf war das ganze Treffen über mit meinem Platz beschäftigt, hinzu kamen neue Gesprächsthemen. Es war eine Doppelbelastung die sich hätte vermeiden lassen können. Soviel im Kopf. Soviel Gedankenschwurbel, fehlende Bilder, neue Bilder, falsche Bilder. Und dann muss ich aufpassen, dass ich da bleibe. Nicht im „in mir“  verschwinde, weil soviel Kraft erforderlich ist.
Und am Schluss sehen andere nur: „Es geht doch. Hab dich doch nicht immer so.“
Was ich dafür geben musste das es ging, das sieht niemand.
Sie schließen die Tür hinter sich und in mir platzt der Overloadknoten.

mitten auf der Autobahn

Stelle Dir vor, du stehst in der Mitte einer stark befahrenen, dreispurigen Autobahn. Große, kleine, gelbe, rote, blaue, grüne Fahrzeuge mit Licht, ohne Licht, mit neonfarbener Werbung, diversen Aufschriften – einfach die gesamte Farbpalette an Kraftfahrzeugen rauscht in sekundenschnelle an Dir vorbei.

Hinzu kommen die diversen Fahrgeräusche von vorne, hinten, links und rechts. Mitunter ein ärgerliches, ohrenbetäubendes hupen, weil Du ja mitten im Weg stehst.  Nicht zu vergessen die zwischendurch schrillen Sirenen der Einsatzfahrzeuge.

Stelle Dir nun vor dies müsstest Du täglich bis zu dreimal erleben. Wie lange hältst Du es aus?  Schaffst Du es dreimal täglich für jeweils 15 Minuten? Schaffst Du es länger? Wie viel Pausenzeit würdest Du zwischendurch benötigen bevor Du Dich wieder dem Stress aussetzt? Wie viele Tage hintereinander schaffst Du diese Prozedur? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr?

Du denkst niemand würde sich diesem Stress aussetzen? Da irrst Du Dich. Ich erlebe ihn fast täglich. Beim Besuch im Supermarkt,  beim Gang durch die Stadt, in Geschäften, bei der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kurz gesagt bei jeder Form von Menschenansammlungen. Das oben beschriebene ist meine Wahrnehmung in diesen Situationen. Ungefiltert stürzt alles auf mich ein.  Vorbeigehende Menschen sind die „Fahrzeuge“. Ihre Unterhaltungen der „Verkehrslärm“, ihre Kleidung und die Farben der Umgebung die bunte Farbpalette. Es strengt an. Wahnsinnig an.
Und darum gibt es Tage da ist ein Gang nach draußen einfach nicht möglich.  Da ist schon das zappelnde Kind neben mir eine Herausforderung, die Stimmen aus dem Fernseher keine Minute ertragbar und der Tag nur aushaltbar mit Ohropax, Sonnenbrille und Rückzug unter die Decke.

Hinweis- und Notfallkarten

Derzeit besitze ich drei unterschiedliche Karten um – gerade in kommunikativ schwierigen Momenten – auf meinen Autismus hinzuweisen. Die erste Karte befindet sich direkt im durchsichtigen Schuber der Gesundheitskarte. Sie ist dementsprechend für das Arztpersonal, Ersthelfer etc. sofort sichtbar.

Pat-Info

Die zweite Karte habe ich griffbereit in der Handtasche. Diese ist für eventuelle Notsituationen im öffentlichen Raum vorgesehen.

Notfall Passanten

Die dritte Karte ist eine Verständigungskarte für meine Assistenz und mich.  Sie dient dazu einschätzen zu können wie die derzeitige Verfassung ist. Hierfür haben wir auch zwei kleine Karten „gelb“ und „rot“. Die Farbe der Karte steht für die jeweilige Wahrnehmungsstufe bzw. dem Hinweis „ich nähere mich sehr stark der gelben/roten Stufe“. So ist es möglich, beispielsweise außerhalb der Wohnung  einfach nur die gelbe oder rote Karte zu zeigen um sie wissen zu lassen, dass ich aus der Situation heraus muss/ Hilfe benötige. Derzeit ist das selber erkennen der Stufen und das rechtzeitige hinweisen noch schwierig, die Assistenz hat aber gute „Antennen“ und fragt dann nach, was es mir leichter macht, bzw. mich darauf hinweist in mich zu spüren wie es gerade ist.

Karte OVL

Diese Karte befindet sich sowohl verdeckt auf dem Küchentisch als auch in meinem Portemonnaie um eventuell noch einmal die einzelnen Stufen abzuschätzen oder auch im ungünstigsten Fall fremde Menschen (beispielsweise) bei plötzlichem Klinikaufenthalt etc. wissen zu lassen, wie die Verfassung gerade ist und was hilfreich sein kann.

Meltdown – wenn die Nervenbahnen sich verheddern und Chaos ausbricht

Der Mittwoch- oder auch NeujahrsAbend hatte es dann doch noch ziemlich arg in sich. Irgendwann kam der Punkt und ich brach innerlich zusammen oder auch auseinander, wusste weder vor noch zurück und hatte gänzlich die Orientierung verloren. Ein Meltdown (Nervenzusammenbruch aufgrund Überforderung). Ich habe kaum mehr Erinnerung daran, als wäre eine Sicherung „durchgebrannt“. Die Sicherung die eigentlich gut abgeschirmt ist und daher zum Glück lange nicht mehr komplett „durchgebrannt“ ist. Der Meltdown äußerte sich im zusammenbrechen, sich schlagen, den Kopf gegen die Wand hauen, das Chaos loswerden wollen.

Normalerweise gibt es Vorboten, die ich wahrnehme, da sind zum einen einzelne Symptome wie Kopfschmerzen, innere Unruhe, noch stärkere Licht-, Geruch-, Geräusch- und Berührungsempfindlichkeit, Weglaufgedanken, stärkere Gereiztheit und ähnliche Körperreaktionen wie auch der Overload selbst. Der Meltdown ist dementsprechend oft eine Folge des „missachteten“ Overloads.

In den Tagen/Wochen zuvor habe ich immer versucht alle Symptome des Overloads zu verdrängen, den Shutdown (innerlichen Rückzug) hinauszuzögern, was natürlich die Kernschmelze (den Meltdown) immer näher kommen ließ. Ich musste/wollte funktionieren. Es sind Ferien, ich muss doch da sein fürs Herzkind. Es stand der Geburtstag an, Familiengeburtstage, Weihnachten. Ich spürte, dass es immer schwerer wurde und hoffte doch es irgendwie zu schaffen. Machte viele Abstriche um der Reizüberflutung aus dem Weg zu gehen, aber diese wurde immer stärker. Bald schon störte jedes Geräusch, alles was ich anfassen musste tat an den Händen weh. Aber ich wollte doch durchhalten.  Zumindest so lange bis die Schule wieder beginnt, die Assistenz aus dem Urlaub zurück ist, die Routine wieder einkehrt. Dann wäre doch sicher die Möglichkeit da gewesen wieder zur Ruhe zu kommen.

Der Neujahrsabend zeigte es war zuviel. Ich wachte am Donnerstag morgen –noch in Alltagskleidung vom Mittwoch – mit einer blauen Schläfe auf. Die Energie die sich in der Autoagression entladen hat muss dementsprechend ziemlich arg gewesen sein. Zudem plagten mich sehr starke Kopfschmerzen auf der rechten Seite, Übelkeit, starke Lichtempfindlichkeit, schwammiges sehen und Schwindel. Anfangs dachte ich an Migräne, denn diese ist oft ein Nachzügler des Overloads und nahm Medikamente dagegen, die normalerweise die Symptome auch etwas lindern. Donnerstag jedoch zeigten sie absolut keine Wirkung und ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit darüber nachgedacht mit diesen Symptomen zum Arzt zu gehen. Wäre die Assistenz nicht im Urlaub hätte ich sie auch um Hilfe gebeten. Kommunizieren war mir nicht möglich und daher konnte ich nicht alleine zum Arzt. Ich weiß nicht einmal ob ich der Assistenz genau hätte sagen können was los ist.
Das ganze hat mich zwei Tage lang ziemlich ausgehebelt. Und auch jetzt am dritten Tag spüre ich den Meltdown noch arg nach.

(Wenn mein Drucker wieder einsatzbereit ist werde ich mal schauen ob ich für solche Situationen etwas vorbereiten kann. Und mir zum Geb. vielleicht ein gutes Handy wünschen – das LetMeTalk unterstützt. )

Nun nach 2 Tagen ist noch ein klein wenig Druck im Kopf auf der rechten Seite und wenn man mich ansieht glaubt man vermutlich ich hätte einen Boxkampf hinter mir. Nein, es war „nur“ ein Meltdown.

11. Dezember – warum es bei uns noch keine Plätzchen gibt

“ Mama wir haben noch gar keine Plätzchen gebacken.“ Das erwähnte das Herzkind in den letzten Tagen und was mich sowieso schon beschäftigt ist auch bei ihr angekommen. Dieser Advent ist anders. Es fehlen Rituale, die sonst bei uns durchgeführt wurden. Dazu gehörte auch das Plätzchenbacken am ersten Adventssonntag.
Aber warum haben wir es noch nicht geschafft? Es lag nicht an fehlender Motivation, an Antriebslosigkeit, oder am vergessen. Nein ich habe daran gedacht. Es hat mich sogar sehr beschäftigt. Ein Ritual konnte nicht ausgeführt werden, das ging innerlich nicht spurlos an mir vorbei.  Doch zum Plätzchen backen benötigt man Zutaten. Zutaten die wir nicht immer im Haus haben.

„Dann gehe sie doch  einkaufen.“ Ja, dass sagte auch das Herzkind, aber so leicht wie sich das für manch einen anhört ist es nicht. Es beginnt schon mit der Einkaufsliste. Es müsste eine neue erstellt werden. Ach da fällt mir ein, es fängt noch viel eher an. Bei der Frage wo gehe ich einkaufen?

Als wir noch in der anderen Wohnung wohnten hatte ich zwei Lebensmittelgeschäfte zu denen ich einkaufen ging. Ich nenne sie jetzt mal Flis und Zis.  Im Flis kaufte ich am Anfang der Woche ein, dort lief der Einkauf völlig strukturiert ab. Immer nur die gleichen Artikel.

Auch Zis hatte seine „Stammartikel“, doch dort wurden auch die nichtallwöchentlichen Dinge gekauft wie beispielsweise das Mittagessen für die Wochenenden.  Es brauchte viel Zeit -Jahre- bis mir Zis so vertraut war, dass ich dort die nichtallwöchentlichen Dinge kaufen konnte. Bis ich das Geschäft quasi komplett gescannt hatte und wusste wo alle Artikel zu finden waren und wie sie aussahen. Dieses Wissen, diese Vertrautheit zu diesem Geschäft und zu seinem Warenangebot gab mir die Möglichkeit einer geplanten Spontanität beim Einkauf. Eben wenn mal zum backen oder kochen etwas neues benötigt wurde.

Wie das Schicksal aber manchmal so will, zog Zis kurz nach unserem Umzug ebenfalls um. Ich war seitdem einmal dort. Es sollte ein kennenlernen der neuen Umgebung werden, ohne Einkauf, einfach nur schauen wie das Geschäft nun aufgebaut ist. Ich war nach etwa 3 Minuten wieder draussen. Noch nicht bereit dazu mich auf weiteres neues einzulassen. Zis wurde erstmal aus dem Wochenplan gestrichen.

Ich gehe nun also Anfang der Woche und auch zum Wochenende zu Flis. Dort gibt es jedoch nicht die Artikel aus Zis, was bedeutet, dass seitdem auch unser Vorratsbestand erheblich geschrumpft ist. Bestimmte Lebensmittel gibt es bei uns einfach nicht mehr.  Und dann sind da diese  Dinge wie Mehl, Zucker, Salz, Eier.  Früher alles Produkte aus Zis, da ich sie nicht wöchentlich kaufte. Nun baue ich sie ganz langsam in den FlisEinkaufszettel ein.  Aber das benötigt eben Zeit. Auch wenn es bedeutet, dass wir seit 3 Monaten keine Eier mehr im Haus hatten und das für Knirps Sand die letzten drei Tassen Mehl herhalten mussten.

Lange,wirre Rede – kurze Erkenntnis : Ohne Zutaten – keine Plätzchen.