ich bin traurig

“Ich bin traurig.”
Diesen Satz habe ich in Kinderzeiten oft gesagt.
Wenn etwas nicht stimmte und ich mich hilflos fühlte.
Wenn ich das Gefühl hatte, dass da Tränen sind aber diese keinen Weg finden.
Wenn ich Hilfe brauchte .

Aber meine Worte wurden selten erhört.
Keine Hilfe in dieser Situation.
Ich blieb allein mit mir und dem Gefühl.
Vielleicht habe ich falsche Worte benutzt.
Vielleicht falsche Gesten oder eine falsche Mimik.
Ich weiss es nicht, denn ich sehe nicht was ihr seht sondern fühle nur was in mir ist.
Ich versuche es mit Worten zu beschreiben, aber sie scheinen falsch zu sein.
Ihr erkennt nicht meine Not.

Ich bin allein mit mir.
Allein mit meiner Not.
Allein mit meinen Gefühlen.
Sie habe keine Worte und sie kennen kein Ventil.
Sie bleiben in mir und es entsteht Wut.
Wut gegen mich.
Wut gegen das nicht verstanden werden.

Ihr seht dann nur die Aggression.
Das falsch reagieren.

Doch wie soll ich euch sagen was in mir geschieht?
Wie eure Worte für mein Gefühl finden?
Ich weiss es nicht und lässt mich noch mehr verzweifeln.
Aggression die sich aufbaut.
Aggression die ihr seht und die ihr wahrnehmt.
Aber woher sie kommt, das seht ihr nicht.

Ich bin traurig.
Aber das seht ihr nicht.

innerlich erstarrt

nichts mehr von meinem Innensein greifbar
Wortlosigkeit
der Aussenwelt nicht mehr folgen können
immer mehr Rückzug
kein Versuch mehr hineinzufinden

nur noch handeln
irgendwie
was mir aufgetragen wurde tun
im Sinne des Möglichen

kein fühlen
kein denken
kein hier sein

fort
leise singend im in mir
Halstuch knetend im aussen
abschalten
ausschalten
wegdenken

innerlich erstarrt
nichts fühlend
eine Hülle

Mitnehmgedanken

manchmal sieht man etwas und geht vorbei
kein Wort zum gesehenen
kein längeres hinschauen
kein handeln
aber ein mitnehmen
ein in sich mitnehmen
das Bild das gesehen wurde

manchmal geht man vorbei
und sieht nichts
keine Mitnehmbilder
keine Mitnehmgedanken
weil es nichts gibt

aber vielleicht ist auch einfach die Mauer viel zu hoch
die unsichtbare Mauer

die Mauer die vorbei gehende vorbei gehen lässt

Reizüberflutung

(Hilfeplangespräch zur Kostenübernahme der Assistenz)

 

raus hier
ich muss raus

zu viele Worte
zu viele Töne
zu viele Farben

und ich kämpfe, muss bleiben
kämpfe nur noch mit mir

die Aussenwelt kann es nicht wahrnehmen
sie reden weiter
glauben ich bin ganz da

doch lenke ich meine Konzentration allein darauf nicht zu fallen
die Situation auszuhalten

ich nicke, stimme zu
habe gelernt so nimmt es schneller ein Ende

irgendwann löst sich das Geschehen auf
ich brauche mich nicht mehr darauf konzentrieren nicht zu fallen
gehe in eine geschützte Umgebung

und dann kommt es zum Fall
die Überflutung macht sich in vollem Umfang bemerkbar
ich habe Angst
fühle mich hilflos
weiss nicht weiter

wo ist die Hand auf der Schulter
die mir zeigt das ich jetzt nicht allein bin
die mir zu verstehen gibt
dass ich diese Überforderung jetzt loslassen kann

allein
und sich auch noch allein gelassen fühlen
hilflos
für immer (?)

und das Sein ist nur noch Schein

wenn ich dürfte wie ich kann
wäre es nicht wie es ist

wenn ich tue was ich bin
wäre es anders als jetzt

wenn ich nicht kann
weil ihr nicht glaubt

wenn ich nicht bin
weil ihr nicht seht

wenn man versucht
was man nur übt

wenn man nicht lebt
was man doch ist

wenn die Umwelt bestimmt
und das Sein ist nur noch Schein

Mutter sein

dich ansehen
deine langen Haare die im Winde wehen
deine forschenden Augen, die die Welt entdecken
deine Hände, die aufnehmen

dich riechen
wenn du aus der Badewanne steigst
wenn du dich an mich lehnst
deinen ganz eigenen Herzenskind-Geruch

dich spüren
wie du mich umarmst
wie deine Hand in meiner liegt
wie du dich nach jedem Essen auf meinen Schoß setzt

dich hören
wie du fröhlich Lieder singst
leise Worte flüsterst
oder auch mal vor Wut laut wirst
:
dich begleiten
vom morgendlichen wachstreicheln
bis zum abendlichen Gute-Nacht-Kuss
und wenn es sein muss auch nachts

dich halten
und dich loslassen

Das bedeutet Mutter sein.
Das ist Mutter sein.

ein Gedicht

… schenkte mir die Herzchaostochter heute morgen.

„Mein Lieblingsspielzeug lass ich stehn,
um mit dir durch dick und dünn zu gehn.
Am Himmel dürfen auch mal Wolken sein,
kann ich dafür bei dir sein.
Hab ich kein Auto und kein Haus
und fällt auch noch der Nachtisch aus,
hab ich Pech beim Kartenspiel
bedeutet mir das nicht soviel.
Ich brauch kein Handy, kein Urlaub auf Hawaii,
am allerbesten geht`s mir mit `nem guten Freund wie dir dabei.
Mit dir bin ich wunschlos glücklich,
mit dir hab ich alles was ich brauch.
Komm zu mir mein Freund ich drück dich,
weil ich weiss, du liebst mich auch.
Wohnst du mal weit weg von mir
dann jaul ich wie ein wildes Tier,
durch dunkle Nacht, durch Eis und Wind,
lauf ich bis ich dich wieder find.
Brauch keine Schokolade, brauch kein Erdbeereis,
keine Tasche und kein Fernsehen nur dich, denn ich weiss:
Mit dir bin ich wunschlos glücklich, mit dir hab ich alles was ich brauch
komm zu mir mein Freund, ich drück dich, weil ich weiss du liebst mich auch.

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