wieder ein Schritt weiter

..auf dem Weg „das Kind wird groß“.  Was ist das für ein merkwürdiges Gefühl, wenn man wie jeden Morgen im Bad steht, sich gemeinsam fertig macht und dann plötzlich innehält sich das Kind betrachtet und sieht wie groß es schon geworden ist. Da steht kein kleines Mädchen mehr. Die feinen Züge des Kindergesichts weichen dem einer kleinen Dame. (Ja mir ist das sehr oft bewusst,  sehr oft schaue ich sie an und frage mich „Wann ist das geschehen? Ist sie über Nacht gewachsen?“ aber an Tagen wie heute nehme ich es noch einmal mehr wahr.) Da steht die Herzchaostochter nun mit der neuen Bluse die sie für den heutigen Tag ausgewählt hat und bürstet sich ihr Haar.  Mir kommt es vor als wäre es noch nicht lange her, da konnte sie gerade über das Waschbecken schauen, da suchte ich ihre Kleidung heraus, da spielten wir hungriges Waschlappenkrokodil und Karibaktusjäger (eine Wortschöpfung aus der Kleinkindzeit).

Heute ist kein gewöhnlicher Morgen. Nein, heute wird mein Kind einen Schritt weiter gehen in Richtung Pubertät, Selbständigkeit. Weiter raus aus den „Kinderjahren“. Die Grundschulzeit ist bald vorbei und die Herzchaostochter  hat ihr erstes Vorstellungsgespräch. Ja, mittlerweile gibt es das sogar an weiterführenden Schulen.

Sie hat sich auf Fragen vorbereitet, sich für den bilingualen Zweig entschieden, weiss genau warum sie auf diese Schule möchte und wird nun den ersten Schritt machen in Richtung „ich entscheide meinen weiteren Lebensweg“.

Ein wenig mulmig war ihr und ein Glas Rotbäckchensaft „Konzentration“ musste vor dem Gespräch noch getrunken werden, aber alles verlief ganz reibungslos. Die Lehrerin lobte sie für das wunderbare Zeugnis, das beste was sie bis zu diesem Augenblick sah und da niemand mehr Fragen hatte hieß sie die Herzchaostochter herzlich willkommen* am  („Herzchaostochter Wunsch“)-Gymnasium.

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*nun brauchen wir nur noch eine schriftliche Bestätigung der Schulleitung

die Qual der Wahl

Nun steht er bald an der Schulwechsel. Die Wahl auf welche Schule die Herzenstochter geht war schnell klar, eigentlich ist sie schon seit Jahren klar (auch wenn ich zwischendurch zweifelte/ innere Ängste hatte). Natürlich hätte ich sehr gerne etwas ganz anderes für sie nämlich eine „freie Schule“. Es gibt eine in unserer Nähe aber ich kann sie nicht bezahlen. So wird es also das Gymnasium.

Wir haben uns zwei angesehen und doch blieb es bei der schon vor langer Zeit beschlossenen Entscheidung. Und auch wenn die Anmeldungen erst im Februar stattfinden, bin ich mir ganz sicher, dass die Herzenstochter einen Platz bekommt. (Hoffentlich nicht zu sicher.)

Nun stehen wir jedoch vor der Wahl der Klasse. Es gibt die „normale“, die bilinguale , die Bläser- (Instrumente) und die MINT- Klasse. Ich war der Meinung MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wäre genau das richtige für die Herzenstochter. Experimente, praktisches Lernen, Biologie all das unterstützt ihre Interessen. Da sie später mit Tieren arbeiten möchte vermute ich ist dies eine gute Grundlage.  Auch sie teilt diese Einschätzung  und am Tag der offenen Tür fühlte sie sich in diesen Bereichen am wohlsten. Die Schülerin die uns fast 3 Stunden durch die Schule führte, war  zufällig ebenfalls eine MINT-Schülerin, die anschließend Medizin studieren möchte.

Die „normale“ Klasse war eigentlich von vorne herein ausgeschlossen. Ich denke die Herzenstochter braucht mehr Anreize und Material, das ihrem Interessengebiet entspricht. Beim Elterngespräch mit der Klassenlehrerin erfuhr ich, das auch sie dies nicht empfehlen würde, da in diese Klasse oft Kinder gehen, die es „gerade so“ auf dieses Gymnasium geschafft haben.

Die Bläserklasse finde ich zwar sehr toll, doch es besteht die Möglichkeit auch ein Instrument zu erlernen, wenn man die bilinguale oder MINT Klasse wählt. Eine Nichtanmeldung würde diesen praktischen Bereich dementsprechend nicht ausschließen. Natürlich würde das etwa 2 Mehrstunden bedeuten, doch ich denke wenn die Herzenstochter Interesse hat, nimmt sie diese 2 Mehrstunden an.

Beim Elterngespräch mit Herzenstochters jetziger Klassenlehrerin bekamen wir die Empfehlung die bilinguale Klasse zu wählen. Die Sprachbegabung von ihr ist dafür einfach ideal. Auch die jetzige Englischlehrerin befürworte dies und beim „Hochbegabtentest“ im Alter von 3 Jahren war dies schon der Bereich, der zusammen mit dem Logikbereich am auffälligsten war (im positiven Sinne). In die bilinguale Klasse gehen laut Aussage der Lehrerin auch die sehr guten Schüler und sie zählt die Herzenstochter einfach dazu.

Ich bin wirklich hin- und hergerissen. Natürlich möchte ich das Beste für die Herzenstochter, aber was ist das Beste?  Sie selbst möchte in die MINT-Klasse, auch weil ihr das experimentieren, mikroskopieren und entdecken am Tag der offenen Tür so sehr zusagte und vielleicht auch, weil ich diese Klasse von Anfang an favorisierte. Wir haben uns am Tag der offenen Tür nicht viel über die bilinguale Klasse informiert, sondern blieben wirklich im Themenbereich MINT.

Vielleicht habe ich die bilinguale Klasse von Anfang an ausgeschlossen, weil ich einfach kaum Englisch kann. Weil auch die Fächer Politik, Geschichte und Geografie in Englisch unterrichtet werden und ich Angst habe ihr da später einfach nicht helfen zu können.
Weil ich meine Interesse mehr bedacht habe?

Ich weiss es einfach nicht. Was ist richtig?

Wo ist die Zeit geblieben?

Heute bin ich sehr sentimental, das gute aber ist: ich weiss warum. Ich kann es einsortieren. Angefangen hat es heute morgen auf dem Weg in die Schule.* Die Herzchaostochter war so nervös, konnte ihre Gefühle sehr gut beschreiben und ich glaube durch ihre Beschreibungen ist mir bewußt geworden, das auch mir die Veränderungen und das größer werden der Maus weh tun.

* Wenn ich meine Fingernägel anschaue bzw. die  schmerzenden Fingerkuppen spüre weiss ich, dass diese Anspannung eigentlich gestern Abend schon da war.

Schon am letzten Schultag vor den Ferien, beim Abschlussgottesdienst und der Verabschiedung der damals Viertklässler habe ich es gespürt. Der Wechsel in die weiterführende Schule wird mir mehr das älter werden der Herzchaostochter und somit das weitere abnabeln bewusst machen als die Einschulung.

Ein Jahr Grundschule steht uns nun noch bevor. Ein Jahr noch für mich die Möglichkeit die Herzchaostochter in die Schule zu begleiten und sie wieder abzuholen. Ein Jahr noch ein Abschiedsküßchen am morgen vor dem Schultor und ein in die Arme fallen beim abholen. Ein Jahr den gewohnten Schulweg, die gewohnten Zeiten, die gewohnte Zweisamkeit. Ein Jahr NUR noch.

Wo ist bloß die Zeit geblieben?

Die Herzchaostochter sieht das im übrigen anders. Natürlich bringe ich sie auch noch in der 5. und 6.Klasse zur Schule und hole sie wieder ab. Mal schauen was sie dazu tatsächlich in einem Jahr sagt.

Und nun beende ich diesen Artikel. Ich habe Bauchweh und einen Kloß im Hals.*²


*² Ja, das ist eine Redewendung. Aber ich weiss was sie bedeutet und kann mit ihr auch mein Körpergefühl ausdrücken, im Gegensatz zu früher. Denn da stritt ich es ab und bestand darauf keinen Kloß im Hals zu haben, ich hätte ja keinen im Mund gehabt. Wenn jemand anderes mir diese Redewendung sagt, kann es aber auch vorkommen das ich frage ob er sich verschluckt hat. (was auch schon geschah)

Schulzeitverkürzung = Freizeitverkürzung ?

Die Zeit hat im Juni einen  Artikel zur Schulzeitverkürzung veröffentlicht in dem Henning Sußebach versucht seiner Tochter in einem Brief zu erklären warum die Freizeit für Kinder immer weniger wird. Auf 6 Seiten versucht er Worte zu finden und vergleicht die damalige Schulzeit mit der heutigen.

Auszüge des Briefes:
„(…) Und dass Du verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was wir Erwachsenen daraus machen. Ich werde Dir von Schülern berichten, die krank werden vom dauernden Üben. Von Bildungsexperten, die Euch vorm Lernen warnen. Und von Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Von Zeile zu Zeile werde ich wütender werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land, das Euch alle zu Strebern macht (…)“

„(…) Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein könnte? Oder wie die Erwachsenen gelebt haben, als die noch klein waren? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln müsst: »Was wäre, wenn…?« Aber es macht Euch auch da fügsam, wo Auflehnung angebracht wäre. Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich abends nach Hause komme und sehe, wie Du über Grammatik-Arbeitsblättern sitzt (…)“

„(…) Hartmut Rosa sagt, er macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so »vernutzt« ist. Dass alles einen Zweck hat, einen Sinn erfüllen muss. Dass wir Euch sogar dann, wenn wir Euch Gutes tun wollen, bloß wieder auf ein Leben als Erwachsene vorbereiten. »Es ist wichtig, körperlich fit zu sein und musikalisch, gesund zu essen, Freunde zu haben – und sich entspannen zu können!«, sagt er. Hartmut Rosa will, dass wir Erwachsenen Euch endlich in Ruhe lassen. Ein Kind soll im Jetzt leben und nicht dauernd ans Morgen denken. Ein Kind soll ganz bei sich sein dürfen, nicht für andere da sein müssen. Ein Kind soll die Muße haben, mit etwas zusammen zu wachsen. Das kann ein Baum sein, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Tier. Vor allem fordert Hartmut Rosa: Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen. Denn irgendwann wird aus Langeweile Bewegung, ein Stromern und Streunen, das ziellos ist und doch an tausend Orte führt. Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. »Die allermeisten Menschen würden im Rückblick doch sagen: Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.« So sagt es Hartmut Rosa.(…)“

Mir treibt dieser Artikel immer und immer wieder Tränen in die Augen. Tränen der Angst. Es ist nicht nur dieser Brief, es ist auch das Wissen das es nicht mehr so lang ist, bis auch die Herzchaostochter auf eine weiterführende Schule geht. Im inneren weiss ich, das es zwei Ängste sind. Die erste resultiert daher, das ich befürchte  mit der Herzchaostochter nicht mehr diese kleinen Momente genießen zu können wie den Regen intensiv zu spüren und zu erleben, stundenlang Waldameisen zu beobachten oder über die kleinen Dinge dieser Welt zu philosophieren. Sehe ich doch jetzt schon an manchen Tagen wie der Schulalltag ihre Freizeit und damit auch ihre Stimmung beeinflusst. Gerade das dritte oben aufgeführte Zitat entspricht da genau meinen Gedanken.

Der zweite „Angst-Punkt“ ist eigentlich eine Interpretation mit meinem eigenen Erleben. Wenn ich mir die Schulgebäude in unserer Stadt ansehe, zieht sich mein Magen zusammen. Ich spüre heute  die Überforderung die ich damals nicht spüren konnte. Dieses große Haus mit so vielen Türen, so vielen Räumen. Immer wieder mussten wir einen Raum verlassen und den nächsten aufsuchen. Wie oft wusste ich nicht weiter, wenn ich die Mitschüler aus den Augen verlor. Jedes Mal hoffte ich, dass sie direkt zum nächsten Klassenraum gehen, nicht erst nach draussen oder in die Kantine. Die Wege überforderten mich. Dazu die vielen Schüler, der ohrenbetäubende Lärm, Stimmengewirr, ungewollte Berührungen, zu viele Gerüche.

Der Wechsel von einem zweigruppigen Kindergarten in eine viergliedrige Grundschule war für die Herzchaostochter anfangs auch schwierig. Sie brauchte einige Zeit bis sie sich eingewöhnte. Wie wird dies an einer weiterführenden Schule sein? Natürlich ist eine Eingewöhnungzeit normal, aber wird sie Halt haben, Ansprechpersonen? Es werden viele neue Eindrücke auf sie zukommen, neue Räume, neue Wege, neue Geräusche, neue Gerüche, neue Mitschüler/innen, neue Lehrer/innen. Ich wünsche mir für sie, dass sie ihren Platz findet, einen Platz an dem sie sich wohlfühlt und an dem sie sich entfalten kann. Ohne viel Druck und mit Freude am lernen.

Ja, es gibt Momente an denen ich bereue sie nicht an der freien Schule angemeldet zu haben. Es wäre das richtige für sie gewesen. Ihre Psychologin sagte dies schon vor der Einschulung. Individuelle Förderung, viel Bezug zur Natur, praktisches lernen und keine Unterforderung auf Grund ihrer Hochbegabung (Schwerpunkt im sprachlichen und logischen Bereich). Doch leider konnte ich es mir damals so wie heute nicht leisten und frage mich:  Ist lernen nach eigenem Entwicklungsstand, individuell, praxisnah und ohne Frust Luxus? Genau das sind doch Dinge bei denen Kinder am besten lernen. Durch ausprobieren und begreifen (sprich fühlen/anfassen). Schon Kleinkinder erlernen das laufen nicht weil wir ihnen erklären wie es geht, sondern weil sie es ausprobieren.

vom springen und der Angst den Halt zu verlieren

Die Sportstunde beginnt wie immer mit dem Aufwärmen. „Ihr lauft jetzt bitte alle 5 Runden durch die Halle!“ lautet die Aufforderung der Lehrerin.  Alle laufen los, ich halte mich immer aussen, denn das Gewusel innen ist mir zuviel. Dieses ungleichmäßige Tempo, der ständige Wechsel. Ich bleibe in meinem Tempo, nicht schnell, denn ich muss mich darauf konzentrieren nicht über meine eigenen Füße zu stolpern.  Immer wenn ich an der Tür vorbei komme zähle ich ab. Nach der 5. Runde setze ich mich auf die Bank. Merkwürdigerweise bin ich die Erste, obwohl viele meiner Mitschüler viel schneller laufen. Die Lehrerin kommt zu mir und fragt mich ob alles in Ordnung sei, was ich bejahe. „Warum läufst du dann nicht weiter?“ fragt sie. „Ich bin fertig.“ ist meine Antwort. Sie fordert mich auf demnächst bitte so lange zu laufen bis sie abpfeift. Ich verstehe sie nicht, denn ich bin 5 Runden gelaufen und genau dies war von ihr gewünscht. Warum sollte ich weiterlaufen? Meine Hände kneten mein T-Shirt-Saum und die Worte schaffen es nicht mehr aus meinem Mund. Ich suche mit meinen Augen Halt in der Holzstruktur des Fußbodens.

Die Lehrerin pfeift ab, die Mitschüler werden langsamer. In jeder Woche gibt es Helfer, die beim Aufbau der Geräte mitarbeiten. Ich war noch nie Helfer, weil ich nach dem Aufwärmen eine Pause benötige. Das durcheinander in der Halle während des Aufbaus ist mir zuviel. Kleinste Anweisungen verstehe ich nicht, weil die Worte im Stimmengewirr verschwinden, weil die Gerüche in der Gerätehalle überfordern.

Die Helfer müssen nach der Aufwärmphase in die Gerätehalle und alle anderen Mitschüler gehen grüppchenweise, miteinander redend zu den Bänken. Ich sehe wie die Hochsprunganlage aufgebaut wird. Mir wird übel. Springen, den Boden unter den Füßen verlieren, keinen Halt mehr haben lässt mich die Orientierung verlieren. Ich brauche Verbundenheit zum Boden. Meine Hände kneten immer mehr das Shirt, ich möchte weglaufen, verschwinden. Ich benötige die Berührung zu einem Teil dieser Welt um hier zu bleiben. Beim Springen verliere ich diesen Halt. Es ist nichts mehr da ausser Leere. Ewige Leere, das Ziel nicht sichtbar, weil ich es nicht berühren kann.  Alles verschwindet.

Die Mitschüler springen nacheinander, als wäre nichts dabei. Dann bin ich an der Reihe. Schritt für Schritt laufe ich auf die Stange , spüre jedoch kaum noch etwas, kann meinen Lauf nicht korrigieren, weil das *verschwinden* immer näher rückt. Im letzten Moment bremse ich ab. Ich kann den Boden nicht verlassen, nicht abspringen, nicht den Halt verlieren.  Die Stange ist doch nicht hoch, das schaffe ich locker höre ich die Lehrerin, die versucht mich aufzumuntern. Sie versteht nicht, das es nicht die Stange ist die mich bremsen lässt, es ist die Bodenlosigkeit. Ich muss die Verbindung zu diesem Raum verlassen, habe keine Berührung und verliere die Orientierung. Schon der Gedanke daran ist kaum aushaltbar.  Ich muss raus, durch die Garderobe zu den Toiletten, mich setzen, mich spüren. Die Beine anwinkeln, umschlingen, schaukeln. Bis es nicht mehr hilft und ich mehrmals mit den Fäusten gegen meinen Kopf schlage. Irgendwann höre ich die Stimme einer Mitschülerin. Sie ist gekommen um nach mir zu schauen, ruft mehrere Male meinen Namen, bis ich endlich reagieren kann. Ich betätige die Spülung, teile ihr mit, das ich gleich fertig wäre, gehe zu den Waschbecken und spüre das kalte Wasser durch die Finger rieseln, zum Abschluss kühle ich mein Gesicht um dann wieder in die Halle zu müssen. In die Halle die solch ein Chaos in mir verursacht, die mich wieder einmal an meine Grenzen gebracht hat. Die Kraft reicht nur noch dazu auf der Bank zu sitzen, meine Beine anzuwinkeln, zu umschlingen und mit den Augen der Holzstruktur zu folgen. Die Stimmen, Schritte und Geräusche dröhnen in den Ohren, Übelkeit spüre ich. Nur Übelkeit, weil ich den Halt verlieren sollte. Mich verlieren sollte.

die Ansprache der Lehrer

Vor einigen Wochen habe ich mich nach langer Überlegung dazu durchgerungen 3 Stunden im Klassenraum von Chaostochter zu verweilen. Es war Bastelzeit und zu diesem Anlass wurden Eltern gesucht, die die Kindern unterstützen. Mir ist es lieber an solch planbaren Aktionen teilzunehmen als an unplanbaren, die zum Teil oft chaotische Zustände aufweisen. Hierzu gehören beispielsweise Backaktionen. Vor 2 Jahren stellte ich mich dafür zur Verfügung und ich stieß weit an meine Grenzen. Die Kinder laufen um den Tisch, niemand weiss was er tun soll, die Zutaten liegen überall herum etc.
Beim basteln hat jeder sein Material und seinen Platz. Die Arbeitsschritte sind genau durchgeplant. Es ist alles strukturiert.

So kam es also, das ich am Basteltag 9.00 Uhr im Klassenraum Platz nahm und auf die Anweisung der Lehrerin wartete.  Dann sprach sie den ersten Satz und ich war völlig irritiert. Sie sagte: „Du holst dir bitte ein Blatt Tonkarton und eine Klarsichtfolie in der bereits alle weiteren Materialien einsortiert sind.“ Wen meinte sie? Wen sprach sie hier mit *du* an? Es ist doch eine direkte Ansprache an eine Person, aber sie schaute in den weiten Raum. Wer soll sich die Materialen holen?

Die Kinder wußten natürlich, daß jeder von ihnen gemeint ist, aber mich brachte ihre Aussage völlig durcheinander. Ich kannte diese Ansprache nur als direkte Ansprache und mehrere Personen werden mit *ihr* angesprochen. Mein ganzes Wortgerüst fiel auseinander und ich musste im Kopf neu sortieren. Glücklicherweise bin ich kein Schüler mehr und somit hatte ich  Zeit um „innen“ wieder zurecht zu finden. Doch immer wieder wenn sie *du* sagte, ging ein Ruck durch meinen Körper. Jedes Mal fühlte ich mich angesprochen und ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Ständig musste ich mich wieder neu konzentrieren, neu verknüpfen. Wohin schaut sie, was tut sie, wen meint sie? Ihre Bewegungen mussten analysiert, die Worte einsortiert werden. Als Schüler wäre ich wohl völlig überfordert gewesen, denn ich bemerkte das ich auf Grund der ständigen inneren Unruhe viele Anweisungen nicht verstand bzw. in meiner Arbeit stetig unterbrochen wurde, was wieder eine Neuplanung in mir auslöste. Ich war zu oft damit beschäftigt herauszufinden wen sie meinte, als aufzunehmen was sie sagte. Sobald das Wort *du* ertönte, musste ich die Umgebung scannen, das Geschehen analysieren und die Wörter des Satzes schafften es kaum nach „innen“.  (Natürlich siezte sie mich, dennoch muss ich alles gehörte -jedes Geräusch- sortieren, hierzu gehören eben auch  Ansprachen an die Kinder. Und diese *du*-Ansage irritierte mich immer wieder. Ich fühlte mich immer wieder angesprochen.)

Während des basteln blieb ich an meinem Platz sitzen und die Schüler brauchten recht wenig Hilfestellungen. Sie kamen einzeln zu mir und somit konnte ich mich gut auf sie und ihre Arbeit konzentrieren und einlassen. Nach einiger Zeit jedoch bemerkte ich, das es zuviel wurde, das die Geräusche immer lauter in meinem Ohr wurden, jedes Stuhlrücken, jeder Schritt auf dem Laminat, selbst der Tacker und Locher dröhnten irgendwann in den Ohren. Die ständige Anspannung und Unterbrechung, das ständige aufmerksam sein, wenn die Lehrerin ein Kind mit *du* ansprach, weil sie ja alle hätte meinen können, strengte mich sehr an. Ich entschied mich den Raum zu verlassen und die fertigen Bastelsachen im Gang vor dem Klassenzimmer anzubringen. Nach 3 Stunden ging ich heim.

Ich bin froh darüber, das ich heute nicht mehr zur Schule gehe, denn ich merkte das diese Ansprache der Lehrer einfach nur irritierend für mich ist, so dass der Unterricht wohl noch wesentlich anstrengender für mich sein würde. Früher konnte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und erst wenn ich ein *du* oder meinen Namen hörte, wusste ich das ich meine Arbeit unterbrechen und den Worten mehr Aufmerksamkeit schenken muss.

den Schulalltag überstehen

Murmel fragte mich: „Wenn ich Deine Blogeinträge lese frage ich mich immer wieder: wie konntest Du als Schülerin überleben?
(…) Ich habe 30 sehr lebhafte 16-17jährige, die mich an manchen Tagen (z.B. bei 4 Stunden Unterricht mit aktivierenden Methoden) schon irre machen weil es nie wirklich Stille gibt, der Pausenlärm nicht erträglich ist und es im Schulhaus keine echten Rückzugspunkte gibt. Nicht falsch verstehen: nicht, weil sie so schlimm sind, sondern so aktiv und interessiert. Aber als Struktur brauchende Schülerin wäre diese Reizüberflutung doch völlig unmöglich zu ertragen.“

Ich muss ganz ehrlich sagen, manchmal frage ich mich das auch.  Jedoch muss ich wohl auch zugeben, das die Unterrichtsstruktur „damals“ in meiner Heimat, auch wenn es die Mauer nicht mehr gab,  noch anders war als heute. Vermutlich war dies ein Faktor, der förderlich für mich war diese Zeit zu überstehen. Es gab aber auch oft Tage an denen ich nach der Schule draussen auf der Treppe hinter unserem Haus saß und nicht mehr leben wollte, weil mir einfach alles zuviel war. Damals wusste ich noch nicht genau was es ist, das mich überforderte, es war einfach nur das Gefühl nicht mehr zu können. Oft führte dies auch zur Autoagression, die ich dann einfach nicht mehr unter Kontrolle hatte. Gerade durch Stereotypen  verursachte Selbstverletzungen traten häufig auf.

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„Sport ist Mord“ oder mindestens grausame Folter

Während fast alle Kinder sich jeden Donnerstag morgen auf den Sportunterricht freuten, sah ich diese Stunde mit großer Angst auf mich zukommen. Schon am Tag zuvor, als die Schultasche für den nächsten Tag vorbereitet wurden, wuchs die Anspannung.  Abends im Bett: stundenlanges Grübeln wie ich dieser Stunde ausweichen könnte.  Es war bei allem so, das vom strikten Unterricht im Klassenraum abwich: Wanderungen, Ortsbegehungen, Kunstunterricht im Freien, schwimmen und vor allen Dingen Sport. Alles was andere Kinder herbeisehnten, an all dem hatte ich keine Freude.  In diesem Artikel soll es aber nur um den Sportunterricht gehen.
Während ich mit meinen Mitschülern zur Halle ging, zog ich mich in mich zurück um die Gedanken an die bevorstehende Stunde auszublenden. Am liebsten wäre ich ganz in meiner Welt verschwunden, habe mir gewünscht einfach so vor der realen Welt fliehen zu können. Im Gebäude gab es den Vorraum, darin standen mittig 4 nussfarbene Bänke mit darüber liegenden Kleiderhaken, zudem gab es 5 Sammelumkleiden: links zwei für die Mädchen, rechts 2 für die Jungen, an der Frontseite, vor dem eigentlichen Eingang in die Halle, die Kabine für die Lehrer/in. Ich ging immer in die Umkleide zwei und setzte mich dort an den vordersten Platz an der linken Wandseite. War dieser  bereits besetzt stellte ich meine Tasche neben diesen Platz und ging durch die hintere Tür in den Toilettenbereich. Dort schloss ich mich in einer Kabine ein und musste mir einen neuen Plan zurecht legen, mich beruhigen.

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Problem Gruppenarbeit

Oft taucht in mir die Frage auf, warum konnte ich die letzte Ausbildung nicht zu Ende bringen? Welche Probleme traten auf, dass mir die Schule so über den Kopf gewachsen ist bis ich am Ende ein Burn Out erlitt? Was war hier anders als bei meiner ersten Ausbildung? Natürlich war die Schule nicht der einzige Grund, warum es zu meinem Zusammenbruch kam, aber es war vermutlich ein entscheidender Faktor. Durch die Herausforderungen der Schule, hatte ich keine Kraft mehr für mein Privatleben. Damals habe ich dies nicht gesehen, ich kapselte mich wohl mehr und mehr ab und es blieb kaum noch Zeit für Partnerschaft.  Durch die ständige Reizüberflutung in der Schule brauchte ich am Nachmittag Zeit für mich, auch meine Tochter wollte ver- und umsorgt werden. Vermutlich war dies ein Grund warum die Partnerschaft damals das erste Mal zerbrach. Das Ende war für mich allerdings ein großer Schock, da ich die Signale nicht wahrnahm/ nicht wahrnehmen konnte.

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das erste Outing (5/5)

Anfangs stellte ich mir die Frage wie kann ich erklären was bei mir anders ist, wenn ich nicht weiss was NT`s fühlen und denken. Wie kann ich Dinge erklären, von denen ich das Gegenteil nicht kenne?  Es wäre doch, als müsste ich den Unterschied zwischen hell und dunkel erklären, obwohl ich hell noch nie gesehen oder erlebt habe. Dieser Ansatz des Denkens brachte mich jedoch der Lösung des Problems etwas näher. Ich musste vergleichen! Dinge vergleichen, mit denen sich ein NT (neurotypisch =“normaler Mensch“) identifizieren kann.

Etwa 70% meiner Mitstudierenden  hatten große Schwierigkeiten im Englischunterricht, diesen Ansatz konnte ich aufgreifen. So erklärte ich, das wir alle eine Muttersprache haben, die wir ohne Probleme beherrschen. Um eine Fremdsprache zu erlernen, braucht es viel Anstrengung,  Ausdauer und Konzentration. Das konnten meine Mitstudierenden nachvollziehen, so wie es wohl  die meisten NT`s auch verstehen würden. Für mich als Asperger-Autist , ist das „normale“ menschliche Verhalten wie eine Fremdsprache, ich agiere und antworte nicht aus dem Bauch heraus, sondern muss nachdenken und Informationen erst abrufen.

Wer lange in einem fremden Land lebt, der kann die Sprache immer besser verstehen und teilweise anwenden, es bleibt dennoch immer ein Bruchteil verborgen. Aus diesem Grunde fällt jedem Landsmann sofort auf, dass man kein Einheimischer ist.  Dieses Phänomen ist gleichzusetzen mit einem Asperger-Autisten in der Welt der NT´s, sie lernen zwar mit der Zeit das menschliche Verhalten zu verstehen, ihnen bleiben aber dennoch  winzige Feinheiten verborgen. Sie werden nie das komplette Verhalten des NT´s verstehen oder nachahmen können. Immer wird auffallen, dass sie etwas anders sind.

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das erste Outing (4/5)

Am gleichen Abend gegen 23.30 Uhr bekam ich plötzlich riesige Panik, mein  bis dato erster Panikanfall rauschte heran. Zuvor lag ich etwa eine Stunde im Bett, plötzlich war es da, das Gefühl auszubrechen. Gedanken schossen auf mich ein, das Gespräch kreiste in mir, ich wollte dem Ganzen ein Ende setzen, am liebsten sofort die Lehrerin und die Sozialarbeiterin anrufen, ihnen sagen wie sehr überfordert ich mich plötzlich fühlte. Ich konnte diese Gedanken und dieses Gefühl des ausharren, des Wartens bis zum nächsten Gespräch nicht länger ertragen.

Ich versuchte mich abzulenken, nicht in alte Muster zu verfallen, die immer ziemlich übel für meinen Körper endeten, stand auf, ging ein paar Runden, griff zum Igelball. Es musste doch aufhören, dieses Chaos im Kopf. Ich schaffte es nicht mich in meine innere, ruhige Welt zurück zu ziehen, etwas zwang mich in diesem Chaos zu verweilen.

Etwa eine Stunde dauerte das ganze Spektakel  bis ich das Gefühl hatte langsam zur Ruhe zu kommen. Geschlafen habe ich in der folgenden Nacht kaum, ich war völlig überfordert und alles kreiste in mir – Worte, Bilder, Emotionen.

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