duschen als Skill

„Warum tut dir das duschen in Spannungssituationen eigentlich gut? Das sind doch massive Reize denen du da ausgesetzt bist.“

Nun, man muss hier unterscheiden zwischen Anspannungssituation und Overload. Beim Overload ist das duschen tatsächlich absolut unmöglich. Die Überreizung ist bereits da und jeder weitere Reiz kann mich ins absolute „aus“ bringen. Ein Zustand bei dem auch der Körper (beispielsweise mit Kreislaufzusammenbruch) reagiert.

In Anspannungssituationen jedoch „beruhigt“ das duschen. Der Duschraum ist ein Raum mit klarer Begrenzung. Nicht zu eng, aber auch nicht zu weit. Gedämpftes Licht und visuelle „Ruhe“ schaffen eine Pause für die Augen. (Meist sind meine Augen sowieso geschlossen, doch wenn ich sie öffne, werden sie nicht sofort überfordert.)

Das gleichmäßige rauschen des Duschstrahls bleibt konstant. Was jedoch noch viel wichtiger ist: es überdeckt alle anderen Umgebungsgeräusche. Selbst die Körpergeräusche (wie etwa den Herzschlag), die mit Ohropax extrem störend sein können, und in Anspannungssituationen weiter in die Überforderung treiben, werden überdeckt.

Die Berührung des Wassers auf der Haut hat ebenso einen konstanten Härtegrad. Ich spüre selbstbestimmt die Grenze des Körpers, kann bei mir bleiben. Es unterdrückt Autoagression, die sonst gegen den Körper einsetzen würde. Die kontrollierte taktile Reizung lenkt von anderen unangenehmen, nicht steuerbaren Körperwahrnehmungen (wie Unruhe, Anspannung, Verspannung oder Schmerz) ab.

Das duschen, nicht im Sinne von sich waschen und pflegen, sondern im Sinne von spüren, wahrnehmen und die Umgebung bedecken, ist daher tatsächlich ein Skill, der Überforderung mit sich selbst zumindest für den Moment „wegspülen“ kann.

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von Gummibären und vom anders sein dürfen

Vor einigen Jahren machte ich mit dem Herzkind, damals etwa 4 Jahre jung, einen Ausflug mit der Bahn. Im Gepäck hatten wir neben gesundem Proviant auch etwas Süßes. Dieses Mal waren es Gummibären und Schokolinsen.
Wie es sich zum richtigen Gummibärenessen gehört, wurden die kleinen Bärchen erst einmal  nach Farbe sortiert. Schön in Reih und Gl.ied gelegt, die Köpfe nach oben und die Füße nach unten. Eines aber lag falsch herum. „Mama, das bist du“, sagte das Herzkind. „Ein bisschen anders als die anderen. “
Es kam ein Gespräch auf, ob es denn schlimm sei. “ Nein, dass ist es nicht. Du gehörst ja tropzdem dazu. Und ein bisschen anders sein ist nicht schlimm.“
Als wir später dann die Schokolinsen ebenfalls nach Farben sortierten. Legte ich eine grüne Linse zu den gelben. „Das bin dann wieder ich“ erklärte ich.
„Nein Mama da erkennt man zu schnell, dass sie anders ist. Das ist bei dir nicht so. …  Du darfst sie aber tropzdem liegen lassen. Es gibt ja auch Menschen, da sieht man gleich das sie anders sind. Das ist ja auch nicht schlimm.“

Seitdem darf ein Gummibärchen  beim sortieren immer Kopf stehen und eine Schokolinse sich zu einer anderen Farbe gesellen. Dieses kleine Zeichen symbolisiert uns stets die Andersartig- und dennoch Dazugehörigkeit in der Gesellschaft.

vom anders sein in der Gesellschaft

(Muttertags)Worte des Herzkindes

Du kennst diese Momente wo ich dir sage: Mama hör auf zu kratzen, zu knibbeln, an deinem Tuch zu kneten, zu singen, Worte zu wiederholen und noch mehr. Aber in Wirklichkeit liebe ich diese Art wie du bist. Du bist MEINE Mama und keine andere kann es mit dir aufnehmen.

Selbst wenn wir mal Streit haben sollst du wissen, dass ich dich IMMER lieb habe. Vergiss das nie.

Du bist nicht wie andere Mütter. Du bist du. Und glaube mir du machst vieles  besser als manch andere. Du bist einfach unbezahlbar.

 

Hand in Hand

Urlaub vs. Umzug

„Natürlich freue ich mich sehr, aber ich bin auch etwas verwundert, dass ihnen der Urlaub so gut getan hat. Die lange Fahrt, die fremde Umgebung, die fremden Menschen, ich hatte die Befürchtung sie muten sich zuviel zu. Gerade im Rückblick auf den Umzug. Wieviel Kraft es ihnen abverlangte.  Wie schwer und anstrengend die Veränderung  für sie war. (…)“

Natürlich war es nicht einfach für mich, mich in den Bus zu setzen, eine Fahrt von 6 Stunden und 40 Minuten hinter mich zu bringen um dann in einer für mich fremden Umgebung ein paar Tage zu verbringen. Es liefen dafür einige Vorbereitungen ab, wie Mailkontakte und – unter anderem – das zusenden von Fotos der fremden Umgebung oder das kennenlernen der Haltestelle und Umgebung einige Tage vor Abfahrt. Und ehrlich gesagt so spontan war es gar nicht, denn im Kopf war ein Treffen schon seit etwa 1,5 Jahren in Planung. Soviel hat mir dieser Mensch schon gegeben und ich wollte diesen Menschen und seine Familie unbedingt einmal persönlich kennenlernen. Genau ein Jahr vor diesem Treffen war schon einmal ein persönliches Kennenlernen geplant, musste aber wegen der damaligen Wetterlage spontan abgesagt werden.

Der Umzug bedeutete das aufgeben meines Schutzraumes. Das gewöhnen müssen an eine neue Umgebung ohne in mein gewohntes Umfeld zurückkehren zu können. Keine „Flucht“möglichkeit mehr haben. Ein Urlaub ist ein „abwesend sein“ des gewohnten Umfelds für eine geplante Zeit. Ein kurzes ausbrechen aus dem Alltag mit dem „Anker“ im Kopf stets zurückkehren zu können. Und wenn der Urlaub dann so gut geplant ist wie dieser, wenn ich sicher bin zu Menschen zu kommen die Verständnis haben, wenn ich auch (Mutter)pflichten ablegen kann, dann bietet er zudem die Möglichkeit vom Alltag Abstand zu nehmen und Kraft tanken zu können.

Das jetzige Kennenlernen verlief zudem leider auch nicht ganz ohne „Hindernisse“ ab. Die lange Fahrt, die Anstrengung, die vielen neuen Eindrücke all das führte am ersten Tag zum Overload, was mir im Nachhinein auch für meine Gastgeber leid tat. Die Hilflosigkeit in dieser Situation möchte ich niemandem zumuten.
Ich hatte noch keinen Rückzugsraum – nicht weil er nicht gegeben war, sondern weil er noch nicht vertraut war, noch kein „zur Ruhe kommen“ zuliess.  Ich kam schon mit Kopfweh und Übelkeit an, im Nachhinein gesehen schon auf der (ziemlich) grünen Wahrnehmungsstufe, wollte es aber verdrängen. Da sein. So liebevoll wurde ich empfangen und so herzlich aufgenommen.  Leider kippte es dann irgendwann doch. Der Overload war nicht mehr aufhaltbar.

Die nächsten 1,5 Tage waren toll. Spaziergänge zu zweit, gute Gespräche, Natur, Kinderfreude, Herzlichkeit. (Viel zu) Schnell kam der Abschied und selbst noch in den letzten gemeinsamen Minuten gab es  Hilfestellung durch meine Gastgeberin. 😉 Danke.

Ich spürte an diesem Tag aber auch schon, dass ein weiterer Tag mehr Rückzug zur Folge gehabt hätte. „Familienalltag“ anstrengender wurde und ein Nur-Ich-Tag,  mit vielleicht ein bis zwei (Draussen-) Stunden zu zweit, nötig wären.  All das erlebte, gesehene wollte verarbeitet werden. Das „im Geschehen“ bleiben wurde anstrengender, die Reize intensiver wahrgenommen, kaum noch filterbar zwischen visuell und auditiv. Ein überlappen der Sinnesreize so dass viel Konzentration aufgebracht werden musste sich auf nur eines zu konzentrieren um mich nicht im Kopf-Bilder-Chaos zu verirren.

Es war ein toller Urlaub. Eine wunderbare Auszeit. Ein erleben von Verständnis und ich bin dankbar dafür und dankbar das ich diesen Schritt gewagt habe. Missen möchte ich den Urlaub/ das Kennenlernen nicht und freue mich auf Wiederholung oder  (mit bestimmten Voraussetzungen) Gegenbesuch.

*

(Der Overload der in der Woche nach dem Urlaub folgte war sicherlich so intensiv [im Rückblick gesehen einweisungswürdig/ ärztliche Begleitung {Medikamente} notwendig]  weil ich daheim sofort wieder im Terminchaos/ Alltagschaos landete und all das Erlebte noch nicht verarbeitet und trotz positivem Erlebnis auch Anstrengung war. )

TV-Tipp: im Weltraum gibt es keine Gefühle

Heute (17-01-2014) um 20.15 Uhr zeigt Einsfestival den Film „im Weltraum gibt es keine Gefühle„.

Simon hat Asperger-Syndrom und ist im Umgang mit anderen Menschen alles andere als einfach. Als er sich mit seinen Eltern zerstreitet, beschließt der 18-Jährige, zu seinem Bruder Sam zu ziehen. Nachdem er sich dort einquartiert hat, dauert es nicht lange, bis er Sams Freundin mit seinen Obsessionen und Ticks vergrault hat. Um seinen Bruder zu trösten, beschließt er, ihm eine neue Freundin zu „besorgen“. Doch das erweist sich als schwierig.

Quelle: Website Einsfestival

 

 

Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen, er hat aber gute Rezensionen und daher bin ich gespannt wie das Thema Autismus aufgegriffen wurde.

Hinweis- und Notfallkarten

Derzeit besitze ich drei unterschiedliche Karten um – gerade in kommunikativ schwierigen Momenten – auf meinen Autismus hinzuweisen. Die erste Karte befindet sich direkt im durchsichtigen Schuber der Gesundheitskarte. Sie ist dementsprechend für das Arztpersonal, Ersthelfer etc. sofort sichtbar.

Pat-Info

Die zweite Karte habe ich griffbereit in der Handtasche. Diese ist für eventuelle Notsituationen im öffentlichen Raum vorgesehen.

Notfall Passanten

Die dritte Karte ist eine Verständigungskarte für meine Assistenz und mich.  Sie dient dazu einschätzen zu können wie die derzeitige Verfassung ist. Hierfür haben wir auch zwei kleine Karten „gelb“ und „rot“. Die Farbe der Karte steht für die jeweilige Wahrnehmungsstufe bzw. dem Hinweis „ich nähere mich sehr stark der gelben/roten Stufe“. So ist es möglich, beispielsweise außerhalb der Wohnung  einfach nur die gelbe oder rote Karte zu zeigen um sie wissen zu lassen, dass ich aus der Situation heraus muss/ Hilfe benötige. Derzeit ist das selber erkennen der Stufen und das rechtzeitige hinweisen noch schwierig, die Assistenz hat aber gute „Antennen“ und fragt dann nach, was es mir leichter macht, bzw. mich darauf hinweist in mich zu spüren wie es gerade ist.

Karte OVL

Diese Karte befindet sich sowohl verdeckt auf dem Küchentisch als auch in meinem Portemonnaie um eventuell noch einmal die einzelnen Stufen abzuschätzen oder auch im ungünstigsten Fall fremde Menschen (beispielsweise) bei plötzlichem Klinikaufenthalt etc. wissen zu lassen, wie die Verfassung gerade ist und was hilfreich sein kann.

2013 – Blog

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2013 an.

Hier ist ein Auszug:

(…) Dieses Blog wurde in 2013 etwa 34.000 mal besucht. (…)

In 2013 gab es 86 neue Beiträge, damit vergrößerte sich das Archiv dieses Blogs auf 844 Beiträge. Es wurden 127 Bilder hochgeladen, das macht insgesamt 98 MB Bilder. Das entspricht etwa 2 Bildern pro Woche.

Mit 549 Besuchern war der 9. Januar der geschäftigste Tag des Jahres.

(…) Die meisten Besucher kamen aus: Deutschland, Schweiz, und Österreich.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

kurze Info

Was ich gestern schrieb, habe ich erstmal wieder auf privat gesetzt. Wer es bereits gelesen hat: Es ist leider wahr.

Mir wurde im nachhinein mitgeteilt, dass die Angehörigen als Erste ein öffentliches Statement abgeben möchten. Dies ist noch nicht geschehen. Mein Beitrag bleibt also erstmal wieder verborgen. (In anderen Kreisen ist es schon öffentlicher, daher war mir nicht bewusst, dass ich den Angehörigen vorweg greife.)

Wer es las und nun nach dem Beitrag sucht, sei hiermit hoffentlich eine Erklärung gegeben, warum der Beitrag nun nicht mehr erscheint.

Not-Aus als Körperreaktion

Grenzen wahren und rechtzeitig an Pausen denken sind Dinge die vor Überlastung schützen. In den letzten Wochen musste ich oft über meine Grenzen gehen. Mein Körper zeigte es mir deutlich. Kopfweh, Übelkeit, Lichtemfindlichkeit, Überreaktionen („Wutausbrüche“/ Selbstschädigung) waren fast tägliche Begleiter. Ich habe hingenommen, es akzeptiert, dass mein Körper so reagiert, habe das seelische unterdrückt. Den inneren Schmerz, die Tränen, den Sturm. Funktionieren stand im Vordergrund.

Heute war mein Körper wohl der Meinung es geht nicht mehr. Wenn Kopfweh, Übelkeit und der Innerkrieg ignoriert werden, greife ich zum Not-Aus, fahre den Kreislauf runter. Schwindel zu jeder Gelegenheit. Sich in die Küche setzen um organisatorisches zu erledigen – Schwindel.
Es schellt an der Tür – Schwindel. Ich müsste noch ausserplanmäßig einkaufen – Schwindel. Eine Körperreaktion, die nicht mehr ignorierbar ist. Funktionieren unmöglich. Ich muss zur Ruhe kommen. Und in meinem Kopf herrscht Sturm.

 

ausgesetzt (Chaosgedanken)

Nun bin ich bereits den dritten Samstag in dieser Wohnung.  Noch immer ist es ungewohnt, anders und oft möchte ich einfach weg doch es gibt keinen Sicherheitsort mehr. Keine Drinnenwohlfühlorte und keine Draussenabschaltorte.  Heute vor drei Wochen wurde ich „herausgerissen“ aus meinem Rückzugsort, aus meiner Sicherheitszone. Plötzlich waren dort viele Menschen, die meine Welt zerstörten.  Es sah nichts aus wie vorher, es gab viele Geräusche, viele fremde Bilder.

Es ist innerlich verstörend, dass ein ehemaliger Sicherheitspunkt pötzlich so negativ besetzt ist. Drei Stunden sah ich Chaosbilder, die zur Haltlosigkeit führten.  Alles wurde fremd, mit fremdbesetzten Gefühlen. Ich fühlte mich plötzlich mitten aus dem gewohnten Leben verstoßen. Als hätte ich alles verloren und wurde ausgesetzt in einer fremden Welt.

Nun muss ich neu ankommen – mich neu orientieren. Nicht nur drinnen, sondern auch draussen. Andere Wege, andere Wahrnehmungen, andere Menschen. (Kann man es vergleichen, mit einem neurotypischer Menschen, der sich plötzlich in einem fremden, fernen Land neu integrieren muss? )

In der Wohnung geht die Gewöhnung langsam voran . Mein Sofa, meine Decke, meine Eule. Visuelle Wohnzimmerbilder werden sicherer. Fluchtgedanken sind nicht mehr so stark,  wie noch in der letzten Woche.  Jede „Störung“ im Tagesablauf oder im Haus führt jedoch schnell dazu, dass ich wieder unruhig werde. Halt- und orientierungslos.

Dann möchte ich raus und weiss doch nicht wohin. Denke an Draussenorte, die noch vor wenigen Wochen Ruhe schenkten jetzt aber plötzlich Fremdgefühle verursachen. Es fühlt sich falsch an an diesen Orten zu sein. Sie sind verknüpft mit der ehemaligen Wohnung.  Alle Reize an früher bekannten Orten schmerzen. Die Augen brennen, die Ohren tun weh, die Haut sticht, der Kopf dröhnt. Und wieder ergreife ich die Flucht. Möchte in Tunnel laufen. Dort ist es ruhig [weg vom Hörchaos] und dunkel [keine visuellen Reize].

ausgesetzt
haltlos
orientierungslos
gefangen in einer fremden Welt