Schultorgespräche

Jeden Morgen bringe ich die Chaostochter zur Schule. Meistens bleibe ich bis zum Klingelzeichen bzw. bis die Kinder von der Lehrerin abgeholt werden am Schultor stehen. Es gibt Tage da ist mir dies nicht möglich, weil die ungefilterten visuellen und akustischen Reize (Verkehr, Kinder, Gespräche der Mütter ….) zuviel für mich sind. Heute morgen war ein guter Morgen und so konnte ich am Schultor stehen bleiben. Zwangsläufig bekommt man natürlich Gespräche zwischen den Eltern mit. So auch heute. Was ich hörte machte mich sehr ärgerlich. Da ich nie weiss wie ich mich in ein Gespräch einbringen kann stehe ich meist stumm daneben. Ein „Guten Morgen“ zur Begrüßung sind meist die einzigen Worte die aus meinem Mund kommen. Selbst die Verabschiedung fällt mir häufig schwer, da sich die Mütter unterhalten weiss ich nie ob und wann ich sprechen kann.

Heute nun sagte eine Mutter: „Ich sage meiner Tochter immer sie soll zurückschlagen, aber sie macht es nicht.“ „Das sagen wir auch immer, aber S. macht das auch nie.“ war die Antwort der zweiten Mutter. „Das ist echt ärgerlich, sie muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Sie kann sich ruhig mal wehren.“  So ging das Gespräch weiter, die Kinder sollten ermuntert werden zurückzuschlagen.

Was bitte ist das für eine Erziehung? Müssen Kinder so erzogen werden? Gibt es denn keine anderen Argumente ausser schlagen? Diesen Müttern würde ich am liebsten einen Erziehungskurs empfehlen. Kinder aufzufordern körperlich agressiv zu werden ist für mich völlig unverständlich. Es ist gut, das die Kinder dieser Aufforderung (noch) nicht nachgehen, aber wie sollen sie lernen Konflikte gewaltfrei zu lösen, wenn die Eltern mit solchen Worten argumentieren?

Advertisements

Redewendungen übersetzen

Nicht selten kommt es vor, das Chaostochter mich nach der Bedeutung einer Redewendung fragt. Da mir selbst Redewendungen immer sehr suspekt waren und ich sie nie verstand, gab es eine Zeit in der ich mich durch viele Bücher las die mir einigermassen Erklärungen boten.  Dieses angeeignete Wissen hilft mir nun auch Chaostochter Redewendungen verständlicher zu machen.  Jedoch gelingt mir dies nicht immer und ich kann ihr in diesen Fällen nur Beispielsituationen nennen in denen diese Redewendung angewendet wird.
Heute nun stand ich wieder vor dem Problem, das ich eine Aussage nicht erklären konnte. Sie fragte mich: „Mama, was heisst eigentlich leck mich?“ Ersteinmal war ich etwas sprachlos, aber Kinder gerade im Schulalter hören eben doch sehr viel, vor dem man sie gerne schützen würde. Viel erstaunlicher jedoch fand ich, dass sie es in einem Kindercomic gelesen hat.  
Ich erklärte ihr das dies eine Abkürzung für einen verlängerten Satz ist. Warum er jedoch gesagt wird konnte ich ihr nicht erklären. Für mich ist dieser Satz sehr unschlüssig und ich finde keine Logik warum er angewendet wird.
Bei Redewendungen wie „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ habe ich gelernt das die genetische Zugehörigkeit gemeint ist. Aber zu dem von Chaostochter genannten Satz, fiel mir kein Zusammenhang ein. Gibt es eine logische Erklärung wie dieser Satz entstanden ist? Es gibt ja Redewendungen die aus früherer Zeit stammen und dort ihren Sinn finden. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, das diese Aussage tatsächlich irgendeinen Ursprung hat. Meines Wissens nach wird diese (sehr negative) Aussage angewendet, wenn ich keinen Kontakt mehr mit meinem Gegenüber wünsche. Wenn jemand mir aus dem Weg gehen soll, mich in Ruhe lassen soll, dann fordere ich ihn doch nicht auf mir körperlich näher zu kommen. Diese Aussage ist einfach zu widersprüchlich. „Lass mich jetzt bitte in Ruhe.“ oder „Ich möchte darüber jetzt nicht mehr reden.“ wäre doch in diesem Fall wesentlicher sinnvoller.  So habe ich es zumindest an Chaostochter weiter gegeben.

es gibt solche Eltern und auch solche!

vor wenigen Tagen:

Gemeinsam ging ich mit Chaostochter in ein Geschäft in dem es Spielekonsolen, dazugehörige Spiele und Zubehör neu sowie gebraucht gibt. Wir benötigten ein neues Kabel für die Wii, denn einer der Zwerge (Kaninchen) hat in einem unbeobachteten Moment das Scartkabel entzweit.
Ich war bereits in der Absicht das Geschäft zu verlassen, da trat ein junges Päärchen hinein. Sie vielleicht 19 Jahre, er ebenfalls?  Offensichtlich bereits Eltern von 2 Kindern, eines vermutlich noch sehr klein, da mit sehr dickem Federkissen versteckt im Kinderwagen, das zweite etwa 2,5 Jahre alt. Der Kinderwagen wurde in einer Ecke des Geschäfts abgestellt, die Eltern gingen Richtung Spiele und das zweite Kind? O-Ton Mutter: „Da geh zu die X-Box und spiel da. Lass uns hier gucken ey.“ 
Die zweieinhalbjährige steuerte auf die  am TV installierte  X-Box zu, bemerkte das die Controller zu hoch angebracht sind (etwa 20cm über ihrem Kopf) und ging zurück zu ihrer Mutter. „Boah lass mich gucken hier, dann geh zu Nintendo man.“ Das Kind steuerte jetzt die  Nintendo-Ecke an, bemerkte auch hier eine zu hoch angebrachte Konsole und schlich nun zu Papa.  Papa ist scheinbar ziemlich „schlau“ und weiss einen Rat. Kurzerhand schiebt er den Kinderwagen samt Baby in Richtung X-Box Controller, setzt die zweijährige auf das dicke Federkissen und lässt sie  dort ein „tolles“ Kampfspiel spielen um seelenruhig zurück zu gehen und zu schauen welche neuen Spiele wohl in seine heimische Sammlung passen. Meine Pädagogen- und auch Mutterseite regte sich innerlich dermaßen auf, als Chaostochter mich darauf aufmerksam machte, das wir gehen wollten. 
Manchmal ärgere ich mich wirklich sehr, das ich oft nur stummer Beobachter sein kann und mir die Stimme im Halse stecken bleibt, das ich mich nicht äussern kann, nicht zeigen kann was mich innerlich bewegt.

ausbrechen

Es ist merkwürdig, schon als Kind hat mich dieses Lied fasziniert, es beschrieb genau meine Empfindungen. Ich wollte ausbrechen, sagen können wie es mir geht, aber es gelang mir nicht.  Damals hatte ich noch keine Diagnose, konnte nicht ahnen, warum mich dieses Lied so ansprach. Warum es so sehr meine Empfindungen wieder spiegelte. Niemand sah damals wie sehr ich kämpfte, welche Probleme ich mit dieser Welt hatte.  Das schüchterne, zurückgezogene, stille kleine Mädchen war ich. Wenn ich tobte und damit versuchte mich verständlich zu machen, wurde es als Trotzverhalten abgehakt. Irgendwann gab ich auf, tobte nicht mehr sondern zog mich zurück und versuchte mich irgendwie durchzukämpfen. Lernte durch Beobachtung wie die Menschen miteinander umgehen, konnte es aber selbst nie anwenden. Ich war anders, das wusste ich schon damals, ein Grund warum mich dieses Lied ansprach. In mir herrschte der Wunsch auszubrechen, teilnehmen zu können an der Welt da draussen, so sein wie die anderen.  Das ich Autist bin, kam mir trotz des Liedes nicht in den Sinn.

Heute wünsche ich mir manchmal wieder in diese „Kerkerwelt“ zurück zu gehen. Niemals sprechen gelernt zu haben. Irgendwie gab es mir auch Sicherheit.  Niemand wollte eine Erklärung, wenn ich auch merkwürdig war .  Nun, da ich lernte mich einigermaßen anzupassen muss ich mich viel zu oft erklären, erklären warum dies gelingt und das wiederum nicht. Muss ständig auf der Hut sein um nicht auffällig zu wirken. Versuche meine eigene Art zu unterdrücken um so normal wie möglich zu wirken.  Ja,manchmal wünsche ich mir zurück zu kehren, in die eigene Welt, Sicherheit spüren und nicht überfordert sein. Nicht erklären zu müssen und nicht kämpfen müssen für ein „normales“ Leben.

Missverständnisse

Ein Merkmal des Autismus ist, dass Sprache wörtlich  interpretiert wird.  Autisten können nicht  „zwischen den Zeilen“ lesen. Viele haben (gerade im Kindesalter) Schwierigkeiten Ironie, Floskeln, Metapher und Redewendungen zu verstehen.    Ich erinnere mich gut daran, das es in meiner Kindheit viele Aussagen gab, die ich nicht verstand.
Ein Ereignis geschah im Kindergarten, als ich etwa 5 Jahre alt war.  Ich saß wie so oft am Rande des Hofes unter einer Hecke,  plötzlich hörte ich wie ein anderes Kind rief:  „Julia hat ein Loch im Kopf.“  Ein Loch ist etwas tiefes, rundes, es wird gebohrt oder gegraben, das wusste ich, dementsprechend musste an Julias Kopf ein schwarzes Loch sein in das man hinein sehen kann. Ich vermutete es wurde gebohrt, denn ein Kopf ist sehr hart und an ihm kann nicht gegraben werden.  Also musste es ein Loch sein, wie es entsteht, wenn man mit der Bohrmaschine  in die Wand bohrt, solche Löcher hatte ich schon oft gesehen.  Ich ging zu der Bank auf der die Erzieherin mit Julia saß, was ich dann sah enttäuschte mich. Julia hatte kein  rundes, schwarzes Loch im Kopf.  Was ich sah, war ein roter, etwa 3cm langer Strich am Hinterkopf ziemlich verdeckt mit Haaren. Es war eine Wunde, vielleicht eine tiefe Wunde, aber  kein Loch.