Das ist mein Platz!

Vor einigen Tagen war M. zum Kaffee hier. Während ich in der Küche den Kaffee aufbrühte setzte M. sich bereits ins Wohnzimmer. Das Herzkind, das extra für diesen Nachmittag auf dem Schulheimweg Kuchen mitbrachte deckte den Tisch ein.  Als sie ein zweites Mal zu mir in die Küche kam teilte sie mir mit, dass M. sich auf meinen Platz gesetzt hat.  Es war gut, das ich gleich  Bescheid wusste, nahm die Worte auf, atmete tief ein und aus und sagte dem Herzkind erstmal „Ist ok. Sie ist ja der Besuch.“
Ich habe mittlerweile gelernt das der Besuch „Vorrang“ in vielen Dingen hat. Der Spruch „der Kunde ist König“ zählt in diesem Fall wohl irgendwie auch.  Obwohl Besuch ja eigentlich kein Kunde ist. Wobei, vom eigenen Gefühl her, es ihm recht machen wollen etc. ist es schon fast ähnlich. Aber das ist ein anderes Thema. Zu oft wurde ich schon missverstanden wenn ich etwas beanstandete (wie beispielsweise die Aussage, dass ich einen Platz für mich beanspruche).  M. weiss, das ich meinen Platz habe und hat sich  bewusst dorthin gesetzt. Sie sagte: „Jetzt hat *das Herzkind*schon  *gepetzt*, ich wollte doch wissen, was du sagst.“
Ich hätte nichts gesagt. Ich hätte es auch dann ausgehalten. Wäre vielleicht nochmal kurz aus dem Raum gegangen um es gedanklich einsortieren zu können. Diese Dinge (Provokationen?) machen unsere Treffen manchmal schwierig.  Ich fühle mich dann in meinem Sein nicht akzeptiert. Höre innerlich Worte von früher in meinem Ohr:  „Du kannst es doch aushalten, also verstehe ich nicht wo das Problem ist.“
Ja, ich kann es aushalten, weil ich dann  schweige. Weil ich es aushalten muss. Aber es fordert Kraft. Es macht Begegnungen schwierig. Nimmt Sicherheit und  im Kopf beschäftigt es mich sehr stark.
In diesem Fall immer wieder die Gedanken „Sie sitzt auf meinem Platz Wann geht  sie wieder. Wann darf ich dort wieder  sitzen? Wird der Platz dann immer noch ein Sicherheitspunkt für mich sein oder verändert er sich?  Von hier aus ist mein Blickwinkel anders. Es fühlt sich nicht gut an. Ich fühle mich unwohl.  Es fordert Kraft. Sie soll gehen. Wenn sie aufsteht, möchte ich mich dorthin setzen. Auf meinen Platz. Aber ich darf nicht. Muss mich stark kontrollieren. Es fühlt sich nicht gut an. Ich MUSS es aushalten, muss konzentriert bleiben. Es fordert mich sehr stark. Gedanklich und  gefühlsmäßig. Es ist falsch. Es ist unsicher.“
Der Kopf war das ganze Treffen über mit meinem Platz beschäftigt, hinzu kamen neue Gesprächsthemen. Es war eine Doppelbelastung die sich hätte vermeiden lassen können. Soviel im Kopf. Soviel Gedankenschwurbel, fehlende Bilder, neue Bilder, falsche Bilder. Und dann muss ich aufpassen, dass ich da bleibe. Nicht im „in mir“  verschwinde, weil soviel Kraft erforderlich ist.
Und am Schluss sehen andere nur: „Es geht doch. Hab dich doch nicht immer so.“
Was ich dafür geben musste das es ging, das sieht niemand.
Sie schließen die Tür hinter sich und in mir platzt der Overloadknoten.
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12 Kommentare zu “Das ist mein Platz!

  1. Den Unterschied zwischen „aushalten können“ und „damit zurecht kommen/kein Problem haben“ fällt mir auch immer wieder auf bzw das Fehlen der Wahrnehmung dafür. Aber sag mal, ist M. eine Freundin von dir oder was? Ich finde es einfach frech, dass sie weiß dass es dein Platz ist und trotzdem dort sitzt.

  2. Also.
    Nein, das verstehe ich nicht.
    Sie kommt, sie provoziert Dich und Du lässt es zu und hältst es aus.
    Warum?
    Immerhin kommt sie zu Dir.
    Wenn ich Gäste habe (bin NT), dann gelten meine Regeln, wie zB, es gibt keinen Saft beim Essen und man zieht seine Strassenschuhe aus. Selbst der Handwerker tut es.
    Wieso solltest Du da nicht Deinen Platz haben dürfen bitteschön? Wenn sie es auch noch WEIß??? Da ist nichts mit Trainieren, „wenn Du es soundsoviel Mal geschafft hast, dann macht es Dir nichts mehr aus“, das ist reine Schikane…
    Im ernst jetzt, wenn Du aus dem Haus gehst, dann gelten die allgemeinen Regeln und Du musst Dich meistens anpassen,weil die anderen nicht wissen, dass Du so bist, wie Du bist. Unter Deinem Dach bist Du der Bestimmer. Wenn Dich die Leute kennen sowieso. Und wenn es jemandem nicht passt, dann hat dieser Jemand zu gehen…

    Auch nicht-Autisten haben so ihre Lieblingsgewohnheiten und solange die Freiheit des Einzelnen die Freiheit des Anderen nicht verletzt, dann ist es ok. Für alle Menschen. Immer.
    Wenn ich also eine Lieblings-Teetasse und eine Lieblings-Kaffeetasse habe, dann möchte ich, dass sie mir bitte keinen anderen Familienmitglied wegnimmt. Wenn es doch einer tut, dann sage ich was und sie nehmen sich eine andere; die Welt ist auch so für sie in Ordnung. Wenn es doch passiert, mein Gott, ja, es wirft mich nicht aus der Bahn. Aber es ist mir wichtig, dass die anderen daran denken. Mir dadurch zeigen, dass sie Rücksicht nehmen. das ist eine Form der Zuneigung. Und wenn ich weiß, dass es meiner (AS)Tochter total wichtig ist, als Erste aus der neuen Sprudelflasche zu bekommen, dann tue ich das, einfach weil es nichts kostet und ihr viel bedeutet, auch wenn an dem Tag Gäste da sind, den ich eigentlich als erste einschenken müsste. Dann sage ich eben was Nettes dazu und alle haben Verständnis.

    Trau Dich.
    Sag was.

  3. Ich finde es mehr als unverschämt (ist vielleicht nicht das richtige Wort). M ist doch eine Person die euch nahe steht, gehe also davon aus, dass sie einiges weiß und kennt. Warum macht sie das ? Ich will und kann manches Handeln nicht verstehen. Du musst dich durchsetzen, denn es geht nicht dass du leidest.
    Liebe Grüsse

    Antonietta

  4. Das finde ich echt frech von M. Aber vermutlich ist zu sagen: „genau, das ist mein Platz und ich möchte bitte dass du aufstehst“ noch schwieriger als das Aushalten, oder? Wäre das etwas, was du mit deiner Assistenz üben könntest?

    Denn ich finde es eine Grenzüberschreitung – wenn es gewusst wird und dann trotzdem – bewusst! – getan.

  5. Du lässt Dein Herzkind für den nächsten Besuch von M. … Tischkarten malen!
    (ich finde M. nicht nett, es ist sehr gemein Dir das anzutun!)
    liebe Grüsse
    Elisabeth

  6. Auch wenn M. einen „guten“ Vorsatz hat.

    Das geht nicht.

    Ich kenne sowas ähnliches von den Therapeuten, die hier hin kommen.

    Ich habe das abgestellt!

    Es ist dann nämlich nicht möglich, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren. Wie Du beschrieben hast, der Kopf ist nicht aufnahmefähig!

    Auch Tage danach nicht.

    Du darfst begrenzen, was Dir nicht gut tut!

  7. Ich bin erstaunt über M, dass sie sich bewusst an Deinen Platz gesetzt hat. Was ist denn ihr Antrieb dafür?
    Wie die anderen auch, finde ich das nicht angemessen.

  8. Ein fester Platz ist auch für mich sehr wichtig. Das kann ich sehr gut verstehen. Auch was du beschrieben hast, dieses verlorene und ängstliche Gefühl, wenn man die räumlichen Begebenheiten nun in einer anderen Perspektive betrachten muss. Da geht auch mir eine ordentliche Portion an Schutz verloren. Sogar in dem zu Hause meiner Mutter habe ich so einen festen Sitzplatz, (am Kopf). Außenstehende finden es oftmals lächerlich, dass ich so sehr darauf bestehe dort zu sitzen. Sie verstehen nicht, wie lebensnotwendig sich das für mich anfühlt.

    Gruß, Aada.

  9. Ich glaube annähernd dein Gefühl zu kennen. Hier ist es ähnlich mit dem Stiefsohn…. der reisst mich auch immer wieder aus meinen mir aufgbauten Sicherheiten heraus, mit Absicht. Und es ist nicht ein Aktzeptieren können, sondern ein Aushalten ohne zu explodieren und sich vergessen. Selbst der Mann versteht mich nicht.

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