Kontrolle verloren

Freitag. Nach der 11.00 Uhr Kaffeepause lasse ich das Abwaschwasser laufen.

Um mich dabei ein wenig abzulenken stelle ich das Radio ein, denn der Abwasch kann in vielerlei Hinsicht ein Trigger sein. Sei es nun das heiße Wasser in dem ich mich dann verliere und es einfach nur noch fühlen will oder die Erinnerungen die beim Abwasch aufkommen. Ersteres ist weniger schlimm, aber es nimmt auch Zeit weg, weil ich dann in mir versinke und es irgendwann nicht heiß genug sein kann (was dann wieder gefährlich wird).  Die Erinnerungen sind viel anstrengender und können die unterschiedlichsten Folgen haben von Abbruch der Aufgabe bis selbstverletzendes Verhalten. Doch darum soll es jetzt gar nicht gehen.

Gegen 11.30 Uhr fange ich also an abzuwaschen. In der gewohnten Reihenfolge.  Als erstes die Gläser. Eins nach dem anderen landet  zum trocknen in der Spülmaschine. (Da diese defekt ist dient sie nur noch als Ablage für das saubere Geschirr bis die Herzenstochter es dann später verräumt.) Beim fünften Glas anggekommen höre ich plötzlich ein knacken und ein großes Glasstück steckt längs im unteren Bereich des Ringfingers. Die andere Hand lässt nach der kurzen Schrecksekunde das gerade gespülte Glas los und entfernt das Glasstück. Das Wasser ist bereits rot eingefärbt. Sofort weiss ich intuitiv das dies ein Fall für die Notaufnahme ist. Ich schnappe mir ein Stück vom Küchenpapier drücke es auf die Wunde und laufe ins Bad zur Verbandstasche. Ohne mir die Wunde überhaupt wirklich ansehen zu können auf Grund der enormen Menge Blut, mache ich einen Druckverband und ziehe anschließend die Jacke an. Nachdem das erledigt ist, schaue ich noch kurz an die Pinnwand auf die Öffnungszeiten meines Hausarztes vielleicht kann ich einer fremden Situation doch irgendwie entgehen. Wie erwartet, weil ich es so in Erinnerung habe, hat mein Hausarzt seine Praxis jedoch um 11 Uhr geschlossen also doch zur Klinik.
Auf dem Weg lese ich mir die Timeline durch, das beruhigt mich innerlich, alles ist normal, ich kenne den Weg und ich kenne dieses Handybild. In der Notaufnahme angekommen schildere ich mit 3 kurzen vorher im Kopf formulierten Sätzen was passiert ist, (im übrigen die einzigen Worte die ich während der ganzen Zeit im KH sagen kann) meine Personalien werden aufgenommen und ich muss mich ins Wartezimmer setzen bis ich aufgerufen werde. Anfangs ist das noch wenig belastend es sitzen lediglich 2 weiteren Patienten dort. Eine von ihnen wird kurz darauf aufgerufen und so ist es leer und ich kann mich auf den Raum konzentrieren. Als dann jedoch eine Mutter mit Kind und dessen Oma in den Bereich kommt ist die Ruhe vorbei. Es ist nur noch schwer aushaltbar. Die zwei Frauen unterhalten sich fremdsprachig, das Kind läuft umher. Ich weiss nicht ob ich meinen Namen hören werde, wenn ich jetzt aufgerufen werde. Die Geräusche und Bewegungen sind anstrengend und ich will nur noch weg, doch ich muss da bleiben.
Ich muss mich konzentrieren auf irgendetwas, aber das funktioniert nicht, denn wenn ich mich jetzt in Muster verliere höre ich meinen Namen nicht mehr. Ich möchte die zwei Frauen bitten aufzuhören zu reden, aber sie haben ja das recht sich zu unterhalten. 20 Minuten später erst werde ich aufgerufen und in den Behandlungsraum gebracht. Der Arzt schaut sich den Finger an, der nach ablegen des Verbands sofort wieder kräftig blutet. Ich weiss was er sagen wird, die Wunde muss genäht werden. Ich bin darauf vorbereitet und das tut gut. Es tut gut vorher zu wissen was passiert. Ich darf mich hinlegen und er bereitet alles vor, während ich die kleinen Details im Raum wahrnehmen kann. Die 2 offenen Packungen Handschuhe oben auf dem Schrank, der Rechtschreibfehler an der Tafel. Das Muster der Fliesen. Dann kündigt der Arzt die Betäubungsspritzen an, erklärt das diese sehr unangenehm sein könnten und setzt die Injektion an drei verschiedenen Stellen. Ja der Druck ist merkwürdig, aber aushaltbar.

Dann läutet sein Telefon und er verabschiedet sich kurz aus dem Raum. Die Betäubung müsste ja auch erstmal wirken sagt er. Kurz darauf stellt er mir eine Ärztin vor die nun die Behandlung übernehmen wird. Sie ist sehr nett und erklärt ebenfalls alles ganz ruhig. Während sie alles vorbereitet, schaue ich mir die gerade entdeckten Details weiter an. Dann möchte sie testen ob der Finger betäubt ist. Das ist er wie erwartet. Mich jedoch bringt es völlig aus der Fassung.  Sie wird nun an meinem Körper sein und ich werde es nicht mitbekommen. Sie ist so nah dran, wie keiner dran sein darf. Sie berührt mich, überschreitet eine Grenze. Innerlich tut das wahnsinnig weh und es ist der einzige Schmerz den ich spüre seit ich diese Verletzung habe.  Ich möchte schreien, weglaufen. Lasst mich gehen, ich will das nicht. Dieser innen empfundene Schmerz ist so stark, das nicht nur ich innerlich wegsacke, sondern auch mein Körper die Notbremse zieht und mein Kreislauf aufgibt. Die Ärztin ruft eilig eine Schwester herbei die sich dann darum kümmert (Puls und Blutdruck messen, Beine hochlagern …), während sie die Wunde weiter versorgt und mit 7 Stichen näht. Ich höre wie die Schwester sagt ich sei zu dick angezogen und das wäre der Grund. Nein, so ist es nicht. Diese Kleidung trage ich immer. Ich brauche meine Strickjacke, mein Tuch, meine Jacke. Erst als die Ärztin fertig ist, als die Wunde auch von der Schwester verbunden wurde und mein Körper wieder ganz mir gehört, geht es mir langsam wieder besser. Als die Schwester aus dem Raum geht, sich verabschiedet mich aber bittet noch 5 Minuten sitzen zu bleiben, ist die Anspannung etwas weniger. Ich gehöre wieder mir. Ich möchte nur noch weg. Raus hier. So gehe ich ohne zu warten.

(Artikel-Entwurf vom 17.10.2011)
Advertisements

5 Kommentare zu “Kontrolle verloren

  1. Puh, ich kenn den Streß dazu zur Genüge und finde, dass Du das super hingekriegt hast!
    Ich wünsch Dir gute Erholung und natürlich eine schnelle Heilung 🙂
    Liebe Grüße

  2. Hej, ich finde Du hast das total gut gemacht!
    Hoffe mittlerweile ist alles verheilt und nur noch eine blasse Erinnerung? Fäden raus, Narbe schön? (<– da spricht der Chirurg aus mir…)
    Ich wünsche Dir eine schöne Woche!

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s