Sie

Vier Tage ist dieses Mädchen schon auf der Station. Die Schwestern, Pfleger und Ärzte  sagen junges Mädchen, weil sie zerbrechlich erscheint, schüchtern. Sie sagt kein Wort. Sie isst nichts. Wenn es dunkel wird,  Stille einkehrt, der Flur leer, dann öffnet sie vorsichtig die Zimmertür, schleicht zum Bad um auf die Toilette zu gehen. Das Mädchen ist kaum wahrnehmbar. Liegt im Bett, die Decke bis über die Schultern gezogen. Die Wasserflasche leert sich kaum.

Morgens kommt sie als letzte zur Medikamentenausgabe, wenn alle anderen schon im Frühstücksraum sind. Wortlos nimmt sie die ihr gereichten Tabletten. Gehst du dann bitte auch frühstücken, hört sie. Reagieren kann sie nicht, es fehlt die Kraft. In ihr ist keine Kraft für Worte, für Hunger, für Durst. Sie ist einfach nur leer und müde. Ein dicker schwarzer Schleier  liegt über ihr. Ein Schleier, den auch hier niemand anhebt. Niemand versucht darunter zu sehen.

Niemand hat ihr erklärt was sie hier tun soll, was geschehen wird. Am ersten oder zweiten Tag hat man ihr kurz den Tagesablauf gezeigt, der an einer Tafel stand, aber sie war viel zu weit fort um diese Informationen aufzunehmen. Niemand hat sich wirklich Zeit genommen sie ankommen zu  lassen.

Wenn jemand mit ihr spricht, gibt er Anweisungen. Du musst essen. Du musst trinken. Du musst aufstehen. Komm aus dem Bett. Wenn du nicht isst, gibt es Konsequenzen. Diese Worte hört sie, wenn sie morgens geweckt wird, ihre Medikamente holt, vorsichtig zur Toilette schleicht aber plötzlich doch jemand vor ihr steht.

Ausgang darf sie nun haben, aber nur in Begleitung.  Sie wird abgeholt von einer sehr nahestehenden Person und geht durch den Park. Die Hose die sie trägt, ist ihr schon viel zu weit, aber sie bemerkt es nicht. Ihre Hände sind versteckt in den langen Ärmeln des Pullovers. Schritt für Schritt entfernt sie sich vom Klinikgebäude, ist in ihrem vertrauten Park. Fängt langsam an  über einige Gedanken zu sprechen oder schweigt. Und während des schweigens spürt sie Nähe und Halt.

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2 Kommentare zu “Sie

  1. Ich hab das schon gestern gelesen. Und mit dem Kommentar gewartet, weil ich dachte, mir fällt noch was ein. Aber mir geht es heute so wie gesteren: Der Text macht mich unheimlich traurig

  2. Da ich auf ihrer Seite stehe, macht es mich mehr traurig, dass sie zwar nun an einem Ort ist, an dem sie Hilfe bekommen könnte, aber doch nicht wirklich bekommt. Wenn sich niemand die Mühe macht, feinfühlig mit ihr umzugehen und einfühlsam zu sein, so dass sie langsam vertrauen fassen und sich öffnen kann, wird ihr diese Zeit nichts bringen. Vorschriften, Verweise, Konsequenzen… Das kennt sie „da draußen“ zur Genüge… Das Problem liegt nicht im Bauch, sondern im Kopf. Will heißen es nutzt nichts, wenn sie zum essen gezwungen wird, weil… Das wird sie von alleine tun, irgendwann, wenn der seelische Schmerz langsam aufhört, sie verhungern zu lassen und l/leben wieder irgendeinen kleinen Funken Hoffnung und Zuversicht bekommt.

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