Wenn das Kind plötzlich verschwunden ist.

Am Montag bei Zwergrocker gelesen und mich wieder einmal daran erinnert, dass es auch bei uns diese Situation schon gab. Allerdings war ich anfangs überhaupt nicht nervös. Ob das nun der eigene Instinkt war, ob ich die Situation nicht richtig einschätzte, oder ob ich meine Ängste gar nicht wahrnahm weiss ich bis heute nicht. Merkwürdig war es in jedem Fall.

Zur Ausgangssituation:
Die Herzchaostochter war 3 Jahre und 2 Monate alt, ging seit 3 Monaten in diesen Kindergarten. Da Rosenmontag war, schloss die Einrichtung mittags (12.30Uhr). Im Regelfall blieb die Herzchaostochter über Mittag in der Einrichtung.  Alle Kinder waren verkleidet, die Herzchaostochter als Hexe mit buntem Kleid und großen Hexenhut. Werden die Kinder mittags abgeholt warten die Eltern vor der Einrichtung, da die Kinder sich anziehen und dann noch eine  kleine Abschlussrunde in der großen Halle vor der Eingangstür haben, bei der sie ihr Abschiedslied singen oder ähnliches. Anschließend (12.15Uhr) geht eine der Erzieherinnen mit den Übermittagskindern den Tisch decken, eine Erzieherin öffnet die Eingangstür, bleibt in der Tür stehen und achtet darauf welche Eltern anwesend sind. Eine dritte Erzieherin macht das Essen in der Küche fertig und Erzieherin Nummer vier ist bei den Kindern in der Halle. Die Kinder werden dann von der Erzieherin an der Tür aufgerufen und gehen selbständig nach draussen zu ihren Eltern.

Was geschah an diesem Tag:
Wie genau die Erzieherinnen an dem Tag eingeteilt waren kann ich nicht beurteilen, in jedem Fall waren die Kinder in der Abholphase alle noch sehr unruhig durch die Karnevalsfeier. Die Eltern sammelten sich vor und in der Tür, wollten noch Fotos machen etc.
Ich war an diesem Tag mit Mum in der Stadt, sie benötigte eine neue Kaffeemaschine die auch gekauft wurde. Anschließend gingen wir gemeinsam zu ihr und probierten diese aus. Irgendwie verquatschten wir uns ein wenig, bis ich 12.20Uhr auf die Uhr schaute und einen Riesenschreck bekam. Glücklicherweise ist die Einrichtung nur 5 Minuten entfernt, schnell zog ich mich an und machte mich auf den Weg in die Einrichtung.

Als ich bei der Einrichtung  ankam saß eine Erzieherin mit 3 Kindern auf dem Sofa und schaute mich fragend an. Ich entschuldigte mich das ich zu spät kam, als sie mir zu verstehen gab das dies die letzten 3 Kinder waren die noch abgeholt werden müssten und die Herzchaostochter war nicht darunter. Hektik in der Einrichtung brach aus. Die Erzieherinnen suchten die Einrichtung ab, schauten in alle Ecken ob die Herzchaostochter sich irgendwo versteckt hatte. Sie war nicht auffindbar. Während Erzieherin 1 bei den Kindern blieb, suchte Erzieherin 2 weiterhin die Räume an, Erzieherin 3 und 4 beschlossen ausserhalb der Einrichtung zu suchen jeweils in eine andere Richtung zu gehen. Ich antwortete jedoch, dass die Herzchaostochter sicher nach Hause gegangen ist, sollte sie wirklich selbständig aus der Einrichtung gegangen sein.  Leider kam ich genau an diesem Tag nicht aus dieser Richtung und habe somit nicht ihren Weg gekreuzt.

So machte ich mich also auf den Weg nach Hause, dabei muss eine große, nicht gut einsichtbare Straße ohne Ampelanlage überquert werden, der einzige sehr gefährliche Punkt. Dort gab es keinen Unfall was mich beruhigte. Vorher war ich schon etwas ängstlich ob sie es denn über diese Straße geschafft hat. Den weiteren Weg ging ich schnellen Schrittes war mir aber sicher die Herzchaostochter zu Hause anzutreffen. Die Angst kam dann wieder als ich um die Ecke bog und die Kleine nicht draussen vor der Tür saß. Wo könnte sie  hingegangen sein, nachdem sie bemerkte das ich nicht zu Hause bin? Zur Oma? Das wäre der nächste Gang den ich eingeschlagen hätte, was jedoch wenn sie auch dort nicht ist? In Gedanken sammelte ich Worte für den Polizeianruf. Irgendetwas in mir sagte, das ich nach oben gehen sollte, auch wenn die Tür unten immer zu ist und die Herzchaostochter somit ja nicht reinkommt.

Klopfenden Herzens schloss ich also die Haustür auf und ging die Treppe hinauf. Oben auf der Treppe saß die Herzchaostochter mit Rucksack, Hut und Jacke im Arm und ich spürte wie die Angst und Nervosität von mir abfiel. Sie jedoch schaute mich nur vorwurfsvoll an. „Du hast mich nicht abgeholt.“    Ich konnte ihr nicht böse sein, für sie war es selbstverständlich nach Hause zu gehen. Sie war sauer auf mich, weil ich zum abgesprochenen Zeitpunkt nicht da war.  Ich frage mich wer unserer Nachbarn ihr die Tür öffnete und nicht stutzig wurde, das sie mit 3 Jahren alleine unterwegs war.  (Natürlich sprach ich mit der Herzchaostochter später über den Vorfall, erklärte ihr, das sie bitte immer in der Einrichtung bleiben soll bis ich da bin, auch wenn ich die vorher abgesprochene Zeit nicht einhalten kann. )

Wir gingen dann gemeinsam zurück zur Einrichtung, noch immer herrschte dort Panik. Die Erzieherinnen entschuldigten sich, wussten nicht wie das geschehen konnte. Ich erklärte das alles ok sei, das ich mir sicher war das sie nach Hause gegangen ist. Das ich ihre Entschuldigung annehme. „Sie waren so ruhig….“ „Aber die Strasse…“ „Nein das darf nicht passieren…“ „Das ist noch nie passiert…“ „Es tut uns sehr leid…“ „Sie muss irgendwie durchgeschlüpft sein, als sich die Eltern hier so geknubbelt haben um Fotos zu machen …“  „Sie hätte mit ihrem großen Hut doch eigentlich auffallen müssen….“, „Wir werden das im Team auf jeden Fall nochmal besprechen…“ „Nein, das darf nicht passieren…“ „Es tut uns so leid..“ 

Ich habe den Erzieherinnen keinen Vorwurf gemacht, war nicht böse. Wie hätten andere Eltern reagiert? Würden sie der Einrichtung Konsequenzen androhen? Hätten sie den Erzieherinnen die Schuld gegeben?

Ich bin anschließend mit der Herzchaostochter zu meiner Mum gegangen, weil wir gemeinsam zum Rosenmontagsumzug gehen wollten und erfuhr am nächsten Tag, dass die Erzieherinnen nach schließen der Einrichtung gemeinsam noch einmal bei uns zu Hause waren. Sie wollten sich noch einmal entschuldigen. Ich wäre damit wahrlich überfordert gewesen, haben sie sich doch in der Einrichtung schon entschuldigt. Auch erfuhr ich später, das ein Bekannter der Kitaleitung die Herzchaostochter bepackt mit all ihren Sachen an der großen Straße am Straßenrand stehen sah und sich wunderte warum sie dort allein stand.

Ja, es ist ein Erlebnis das mich immer wieder staunen lässt. Mit 3 Jahren und 2 Monaten reagiert die Herzchaostochter so selbstverständlich und geht eben selbst nach Hause, wenn ich nicht vor der Einrichtung bin um sie abzuholen. Auch überrascht mich noch heute meine innere Ruhe in diesem Moment, die ich aber noch heute nicht habe, wenn die Herzchaostochter beispielsweise in der Innenstadt verschwindet.

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5 Kommentare zu “Wenn das Kind plötzlich verschwunden ist.

  1. Meine Mama würde jetzt sagen: „Oh, das kenn ich!“.
    Ich bin mit 2 regelmäßig aus der Krippe ausgebüxt und hab im Park nebenan auf meine Mama oder meinen Bruder gewartet. Das war viel interessanter als oben im Haus zu bleiben. Hab wohl auch gar nicht verstanden, warum ich nicht schon mal loslaufen sollte …
    Und ab 3 Jahre bin ich mehrfach aus dem Kindergarten nach Hause gegangen wenn ich meinte, es reiche jetzt. Das war dann 30 Min Weg, dabei auch über die größte Straße der Stadt, ohne Ampel. Aber meine Mama sagte, ich hätte immer jemanden gefunden, der mich mit rüber genommen hat.
    Und ich fand das wohl toll und völlig normal. Meine arme Mama 😉 Und die armen Erzieherinnen. Ich fand wohl immer ein Schlupfloch. Freiheitsliebend halt – so wie jetzt noch.

  2. Okay, jetzt weiß ich auch, warum ich heute plötzlich so viele Leser habe.

    Kinder sind erstaunlich, ich hätte nicht unbedingt erwartet, daß Matze zu unserem Wagen geht und diesen auch findet, denn wir standen erst zum zweiten Mal in dieser Seitenstraße, all die Monate und Jahre vorher haben wir auf der anderen Seite des Flohmarktes auf einem Supermarktparkplatz gestanden. Ich wurde erst nach ein paar Minuten ernsthaft unruhig, weil ich ja vor lauter Menschen nichts sehen konnte. Männe war sich aber, wie er hinterher sagte, absolut sicher, daß der Lütte zum Wagen laufen würde – und so war es ja auch *uff*

    Und das Deine Tochter erstaunlich ist, daß muß man Dir ja nun wirklich nicht sagen. Grüß sie mal ganz lieb von mir!

    Liebe Grüße auch an Dich natürlich

    Petra

  3. Das kenn ich ja auch…leider!
    Das sind die Ereignisse, die nie passieren dürften.
    Schön, das es gutging, und heute ist sie schon so gross und Du musst keine Angst mehr haben.
    Elisabeth

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