eine ungewöhnliche Begegnung (3/3)

Killian schaut auf das Auto und dann mich an. Beobachtet genau wie ich das Auto vor uns abstelle. Nach einer kurzen Pause wage ich einen weiteren Versuch, nehme ein zweites Auto und stelle es hinter das andere. Killian zeigt keine verbale Reaktion, seine Körperhaltung ist offen. Nur mit dem Tuch streicht er immer wieder sein Gesicht. Mutiger nehme ich ein drittes Auto und reihe es ebenfalls ein. So habe ich auch immer die Autos meines Bruders aufgestellt. Er schaut mich wieder an nun schon fast erwartungsvoll. Als ich nichts tue sagt er wieder “da”und zeigt  auf das Ende der Autoreihe.  Ich schaffe es 8 Autos hintereinanderzustellen, da treffen sich unsere Blicke in einer besonderen Art und Weise, er lächelt. Mir wird warm ums Herz, als wäre da etwas zwischen uns, als wären wir beide 2 Jahre alt und spielen miteinander.

Ab diesem Moment hilft Killian mit. Er steht auf, nimmt ein Auto aus der Tüte und stellt es nach hinten. Dann wartet er darauf das ich es ihm gleich tue.  Abwechselnd nehmen wir ein Auto nach dem anderen aus der Tüte und es entsteht eine lange Autoreihe. 23 kleine Autos hintereinander. Um uns herum nehme ich nichts wahr, nur diesen Jungen, der mit mir spielt. Autos aufreiht. Abwechselnd. Das ganze hat eine Struktur.

Als die Reihe aufgebaut ist schauen wir sie uns noch einmal an. Dann lächle ich ihm zu und möchte zurück auf die Bank. Er scheint es zu spüren, greift nach meiner Hand. Ich bin sprachlos. Meinen Zeigefinger hält er ganz fest und nimmt mich mit bis zur Mitte der Autoreihe.  Dort lässt er sich auf seinen Po fallen und mich los. Killian schmust wieder mit seinem Tuch und betrachtet die Autoreihe. Ich gehe zurück auf die Bank und sehe dabei wie die Mutter mir zunickt. “Wie haben sie das geschafft?” fragt sie nachdem ich mich gesetzt habe. Er hat noch nie hier auf dem Spielplatz mit seinen Autos gespielt. Sie waren immer nur in der Tüte. Ich habe es ihnen ja vorhin schon gesagt, wenn ich ihm die Autos gegeben habe, hat er geschrien. …. “

“Sie haben ihm die Autos ausgeschüttet” sage ich, “er war vermutlich  überfordert damit.” 

“Hm. Meinen sie? Aber er hätte sie doch dann einfach aufbauen können.  Das macht er ja zu Hause auch. Er nimmt sie aus der Kiste und baut sie auf.  Seine Geschwister haben immer ein paar Autos genommen und damit gespielt. Das macht Killian nicht, er reiht sie nur auf er spielt nicht damit.”  

Ich antworte: “Wie kommen sie darauf, das er nicht spielt? Er spielt auf seine Weise. Das aufreihen ist sein Spiel.”

“Woher wussten sie das? Ich meine kennen sie sich da aus? Haben sie eine Ausbildung?”

“Ja, unter anderem.” erwidere ich.

“Und warum hat er die Autos hier sonst nicht einfach aufgebaut? Hier auf dem Spielplatz? Ich habe sie ihm doch immer wieder gegeben.  Er will sie ja auch immer mitnehmen.”

“Sie haben ihm die Autos dort hingeschüttet. Sein Bild muss langsam entstehen. Schritt für Schritt.  Oder finden sie es gut, wenn ihnen jemand alles was sie toll finden ins Wohnzimmer schüttet?”

“Hm.” sagt die Mutter und scheint nachzudenken.

In dem Moment kommt Killian zu uns. “Da,Mama,da” sagt er zu seiner Mutter und zeigt auf die Autos. “Ja Killian, das hast du ganz toll gemacht.” erwidert sie stolz. “Da”, Killian zieht  an ihrem Finger, sie soll aufstehen. Er führt sie zur Autoreihe. “Danke” sagt sie zu mir und geht mit ihm mit. Ich schaue mich um, ob ich irgendetwas auf der Bank liegen ließ, nehme meine Tasche und hole die Herzchaostochter. Mein Blick fällt noch einmal auf Mutter und Sohn. Killian sitzt auf ihrem Schoß und schmiegt sich an seine Mama, mit dem Tuch streichelt er seine Wange, seine Augen sind auf die Autos gerichtet. Er scheint zufrieden. Vielleicht sein erster zufriedener Spielplatzbesuch.

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14 thoughts on “eine ungewöhnliche Begegnung (3/3)

  1. Wunderschön, wie Du das beschrieben hast, ich habe Tränen in den Augen.
    Was mich wundert: warum hast Du nicht mehr mit der Mutter geredet und ihr mehr erzählt?
    LG

    • Hallo Michaela,

      ich habe mich sehr auf den kleinen Jungen fixiert, daher fielen Worte meinerseits wohl etwas spärlich aus. Auch die Informationsflut der Mutter musste erst einmal verarbeitet werden. Mein Gesprächsverhalten ist zudem für Nicht-Autisten oft schwierig. Nach ihrem Dankeschön, war für mich der Gesprächsverlauf beendet.

      Ich hoffe sehr, dass ich die beiden einmal wieder sehe. Ein mögliches erneutes zusammentreffen ist der Spielplatz. Was mir sehr lieb wäre, da dies für mich der Ort ist, an dem mir der Kontakt mit ihr bereits bekannt ist und wir dort womöglich auch Zeit hätten uns zu unterhalten. Wenn sie es vielleicht genauso sieht, dann “provoziert” sie eventuell ebenso ein wiedersehen.

      Herzliche Grüße
      Herzchaosmama

  2. Meine Gedanken dabei: Vielleicht hast Du dem Jungen das Leben für die nächste Zeit etwas erleichtert, weil die Mutter sein Verhalten nun anders sieht und besser einordnen kann, so daß sie besser auf ihn eingehen und Überforderungen vermeiden kann? Das wäre doch schön!

    • Das hoffe ich sehr und ihre Nachdenklichkeit (so interpretiere ich jetzt einfach mal ihre Wortlosigkeit am Ende) scheint ein Zeichen zu sein, das sie es sich zu Herzen genommen hat.

  3. ich bin gerade so gerührt – von der begebenheit, von deiner art, sie aufzuschreiben und wie du es geschafft hast auf die mutter zuzugehen und den kleinen jungen zu erreichen. toll!

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