„Liebst du mich noch?“

„Du hast mich schon so lange nicht mehr in den Arm genommen!“ sagst du vorwurfsvoll zu mir. „Liebst du mich überhaupt noch?“ Und ich kann dir keine Antwort geben, weil Liebe nicht greifbar ist.

„Du bist mir sehr wichtig. Ich möchte nicht das du gehst. Ich möchte dich in meiner Gegenwart wissen. Möchte wissen wie es dir geht und was du tust. Es ist ein gutes Gefühl, wenn wir hier zusammen sind.“ denke ich in mir. Der erste Satz ist eine Erkenntnis und sie stimmt. Also kann ich dem nur zustimmen. Deine Frage ist nicht beantwortbar. Was ist Liebe? Warum fragst du das? Diese Frage ist für mich so ungreifbar. Deine Worte muss ich erst fühlen können, aber ich fühle sie nicht. Sie sagen mir nichts.

Du gehst aus dem Raum und ich bleibe zurück.  Mit dir geht auch die Frage. Plötzlich ist für mich alles wieder normal und ich führe meine Tätigkeit fort, bin gedanklich und körperlich völlig bei dieser Aufgabe die ich sehe und fühle.

Die Kinder möchten raus. So war es auch geplant. Nach der Mittagspause gehen wir immer raus. Du kommst wieder zu mir in die Küche fragst mich ob ich mit komme und da ist plötzlich wieder diese unbeantwortete Frage die mit deinem Bild wieder auftaucht.  Wieder überfordert sie mich. Wenn ich dich sehe wie du da jetzt stehst, dann spüre ich das du eine Antwort benötigst  aber ich kann dir keine geben und dieses innere Gefühl ist fast unerträglich. Ich versuche mich auf die jetzige Frage zu konzentrieren. Es entstehen Bilder von draussen. Wie ist es draussen? Und ich spüre, ich kann jetzt nicht den Kindern beim laufen und toben zu sehen, ihre fröhlichen Stimmen hören, die in mein Ohr dringen. Dich sehen, wie du eine Antwort erwartest. Es wäre mir zuviel. Zuviele Reize, visuell und akustisch, denn noch immer ist diese ungreifbare Frage in meinem Kopf, weil zu ihr  kein Bild entsteht außer deines und ich weiss nicht wohin ich diese Wörter stecken soll.

Um einem Overload vorzubeugen und ich nicht ungewollt gereizt bin oder scheinbar unhöflich reagiere, verneine ich deine Frage. Du bist sauer, das erkenne ich an der Art wie du deine Sachen nimmst und dich anziehst. Ich benötige einen Moment um zu erfassen, das ihr nicht mehr in der Wohnung seid. Ihr habt die Tür hinter euch geschlossen, etwa eine Minute noch höre  ich die Stimmen der Kinder im Hausflur, sehe euch vom Fenster aus wie ihr geht.  Dann bist du fort. Die Kinder sind fort. Ich bin allein mit mir und plötzlich ist auch diese Frage fort.  Du hast sie mitgenommen. Diese Frage gehörte zu dir, zu deinem Bild und weil du nun nicht mehr sichtbar bist, ist auch diese Frage ausgelöscht.

Es ist Zeit hinaus zu gehen. Nach der Mittagspause gehen wir immer hinaus. Ich ziehe mich an, fühle meine Jacke, ihre Knöpfe, kontrolliere die elektrischen Geräte und die Sicherungen, schaue das überall das Wasser aus ist und die Fenster geschlossen sind. Alles ist in Ordnung nur ihr fehlt. Eure Stimmen, eure Bewegungen. Ich fühle Einsamkeit. Dann gehe ich hinaus, laufe einfach.  Zu meiner Bank, ans Wasser, durch den Park.

Als ich nach Hause komme bist du noch ärgerlicher und ich höre: „Du hast gesagt, du möchtest nicht raus. …. Jetzt warst du doch draussen. … Sei doch ehrlich, du wolltest nicht mit MIR raus. …. Liebst du mich überhaupt noch?“  Wieder sind da Worte die ich nicht einsortieren kann. Habe ich wirklich gesagt ich möchte nicht raus? Das habe ich doch gar nicht gesagt, oder? Was hat dies mit Liebe zu tun? Warum fragst du gleichzeitig Dinge, die so unabhängig voneinander sind.  Ich bekomme diese Fragen nicht sortiert. Wo ist der Zusammenhang. Was möchtest du wissen? Was ist Liebe? Wie soll ich diese Frage beantworten?

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6 Kommentare zu “„Liebst du mich noch?“

  1. Danke für diese sehr gute Schilderung.

    Das „er liebt mich nicht mehr“-Gefühl kenne ich auch, wenn es um meinen Aspie-Mann geht. Ich WEIß inzwischen, dass es an mir liegt, wenn ich es nicht immer bemerke, dass er mich noch immer liebt, weil dann oftmals so viel bei ihm „innen los ist“, dass er das nicht mehr zu mir nach „außen“ transportieren kann. Ich denke es ist sehr wesentlich, dass man als Nicht-Aspie lernt, Dinge mehr rationell und weniger gefühlsmäßig zu erfassen. Die Worte „Ich liebe Dich“ sagt ein Aspie nicht einfach so daher, wie es bei Nicht-Aspies oft der Fall ist. Das sollte einem als Nicht-Aspie klar sein.

    Aber was ist nun eigentlich Liebe? Woher weiß man, dass man jemanden liebt? Ich denke die Grundvoraussetzung ist, dass der andere einem sehr wichtig ist. Wie groß wäre der Verlust, wenn der andere nicht mehr da wäre? Wäre er rein auf der organisatorisch / rationellen Ebene groß oder auch irgendwo anders? Klar, es geht immer irgendwie weiter, alleine schon, weil es weitergehen muss. Da hat man nicht wirklich eine Wahl, insbesondere wenn Kinder da sind.

    Ich denke, es muss nicht immer ein „Ich liebe Dich“ sein. Es kann auch eine längere Erklärung sein, was einem am anderen wichtig ist.

    Was die Umarmungen betrifft, so merke ich ganz genau, wenn mein Aspie-Mann gerade nicht umarmt werden möchte, auch wenn er es von mir zulässt. Ich weiß dann, dass irgendwas „los ist“. In der Regel hat das aber nichts mit mir zu tun. Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, den der Nicht-Aspie-Partner lernen muss.

    • Hallo Petra!

      Danke für deinen ausgiebigen Kommentar. Genau so wie du es beschreibst ist es. Innen ist einfach zuviel los.
      Deine Worte: „Die Worte „Ich liebe Dich“ sagt ein Aspie nicht einfach so daher, wie es bei Nicht-Aspies oft der Fall ist. Das sollte einem als Nicht-Aspie klar sein.“ sind genau die,
      die ich immer versucht habe zu erklären.
      Auch das: „Was die Umarmungen betrifft, so merke ich ganz genau, wenn mein Aspie-Mann gerade nicht umarmt werden möchte, auch wenn er es von mir zulässt. Ich weiß dann, dass irgendwas „los ist“. In der Regel hat das aber nichts mit mir zu tun.“ War oft ein Punkt der nicht verstanden wurde.

  2. Oh, sehr schwer, sehr anders ….
    kannst Du das dann schreiben. Ein schöner Zettel mit dem Satz „ich hab Dich lieb“?
    Robert macht auch grad eine neue Entwicklung, er wird einfach älter. Da geht es mir dann umgekehrt…ich komm nicht so schnell mit. Ich behandle ihn zu „normal“….
    Das ist meine Frage…immerwieder. „Was ist normal“
    Du kannst Dich mit Sätzen sehr gut ausdrücken, denn ich hab wirklich verstanden wie Du das nun meinst.
    Schlaf gut
    Elisabeth

    • Ich habe desöfteren kleine Zettel gemacht, Botschaften wie „eine Tafel der Lieblingsschokolade mitgebracht“ oder einfach mal den Tisch besonders gedeckt u.ä.. Doch ich muss auch zugeben, in den Akutphasen war dies weniger.
      Magst du mal per Mail schreiben welche Entwicklung der Robert gerade durchmacht?

  3. Was ist normal? Ich musste lernen, dass es für die Männer, mit denen ich zusammen war normal ist, diesen Satz nicht zu sagen. Quasi nie. „Normale“ Männer.
    Aber, dass es Blicke gibt, die das sagen; kleine Gefälligkeiten im Alltag; der Kaffee, der gemacht wird; daran denken, etwas Gewünschtes mitzubringen; den Arm, der sich lieb um mich legt, …

    Wie zeigst Du, dass Du lieb hast? Kannst Du im Alltag solche oder andere kleinen Dinge für ihn tun? Und evtl. sagen, dass sich darin Deine Liebe zeigt? Wie zeigst Du es Chaostochter? Woran merkt sie es?

    Er denkt „Sie will nicht mit mir zusammen sein, also liebt sie mich nicht.“ Nachvollziehbar. Ihr braucht ein Wörterbuch!

    Aber das Problem entstand früher, oder? Wäre es gut, ein Signal für „Overload“ auszumachen? Das Du auch geben kannst wenn sonst nichts mehr geht? Ein „Gib mir 10 Minuten Zeit“ oder so.

    Grüße,
    Biki

    • Wie ich bei Petras Kommentar schon schrieb. Die kleinen Botschaften gab es.
      Du hast recht, die Dinge wurden mir vor der Dignose oft vorgeworfen, weil meine Erklärungsversuche nicht richtig verstanden wurden. Es wurde erst klarer, als die Diagnose im Raum stand. Da wurde auch verstanden das ich „anders denke“ und was ich oftmals damit meinte.

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