Schulzeitverkürzung = Freizeitverkürzung ?

Die Zeit hat im Juni einen  Artikel zur Schulzeitverkürzung veröffentlicht in dem Henning Sußebach versucht seiner Tochter in einem Brief zu erklären warum die Freizeit für Kinder immer weniger wird. Auf 6 Seiten versucht er Worte zu finden und vergleicht die damalige Schulzeit mit der heutigen.

Auszüge des Briefes:
„(…) Und dass Du verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was wir Erwachsenen daraus machen. Ich werde Dir von Schülern berichten, die krank werden vom dauernden Üben. Von Bildungsexperten, die Euch vorm Lernen warnen. Und von Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Von Zeile zu Zeile werde ich wütender werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land, das Euch alle zu Strebern macht (…)“

„(…) Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein könnte? Oder wie die Erwachsenen gelebt haben, als die noch klein waren? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln müsst: »Was wäre, wenn…?« Aber es macht Euch auch da fügsam, wo Auflehnung angebracht wäre. Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich abends nach Hause komme und sehe, wie Du über Grammatik-Arbeitsblättern sitzt (…)“

„(…) Hartmut Rosa sagt, er macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so »vernutzt« ist. Dass alles einen Zweck hat, einen Sinn erfüllen muss. Dass wir Euch sogar dann, wenn wir Euch Gutes tun wollen, bloß wieder auf ein Leben als Erwachsene vorbereiten. »Es ist wichtig, körperlich fit zu sein und musikalisch, gesund zu essen, Freunde zu haben – und sich entspannen zu können!«, sagt er. Hartmut Rosa will, dass wir Erwachsenen Euch endlich in Ruhe lassen. Ein Kind soll im Jetzt leben und nicht dauernd ans Morgen denken. Ein Kind soll ganz bei sich sein dürfen, nicht für andere da sein müssen. Ein Kind soll die Muße haben, mit etwas zusammen zu wachsen. Das kann ein Baum sein, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Tier. Vor allem fordert Hartmut Rosa: Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen. Denn irgendwann wird aus Langeweile Bewegung, ein Stromern und Streunen, das ziellos ist und doch an tausend Orte führt. Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. »Die allermeisten Menschen würden im Rückblick doch sagen: Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.« So sagt es Hartmut Rosa.(…)“

Mir treibt dieser Artikel immer und immer wieder Tränen in die Augen. Tränen der Angst. Es ist nicht nur dieser Brief, es ist auch das Wissen das es nicht mehr so lang ist, bis auch die Herzchaostochter auf eine weiterführende Schule geht. Im inneren weiss ich, das es zwei Ängste sind. Die erste resultiert daher, das ich befürchte  mit der Herzchaostochter nicht mehr diese kleinen Momente genießen zu können wie den Regen intensiv zu spüren und zu erleben, stundenlang Waldameisen zu beobachten oder über die kleinen Dinge dieser Welt zu philosophieren. Sehe ich doch jetzt schon an manchen Tagen wie der Schulalltag ihre Freizeit und damit auch ihre Stimmung beeinflusst. Gerade das dritte oben aufgeführte Zitat entspricht da genau meinen Gedanken.

Der zweite „Angst-Punkt“ ist eigentlich eine Interpretation mit meinem eigenen Erleben. Wenn ich mir die Schulgebäude in unserer Stadt ansehe, zieht sich mein Magen zusammen. Ich spüre heute  die Überforderung die ich damals nicht spüren konnte. Dieses große Haus mit so vielen Türen, so vielen Räumen. Immer wieder mussten wir einen Raum verlassen und den nächsten aufsuchen. Wie oft wusste ich nicht weiter, wenn ich die Mitschüler aus den Augen verlor. Jedes Mal hoffte ich, dass sie direkt zum nächsten Klassenraum gehen, nicht erst nach draussen oder in die Kantine. Die Wege überforderten mich. Dazu die vielen Schüler, der ohrenbetäubende Lärm, Stimmengewirr, ungewollte Berührungen, zu viele Gerüche.

Der Wechsel von einem zweigruppigen Kindergarten in eine viergliedrige Grundschule war für die Herzchaostochter anfangs auch schwierig. Sie brauchte einige Zeit bis sie sich eingewöhnte. Wie wird dies an einer weiterführenden Schule sein? Natürlich ist eine Eingewöhnungzeit normal, aber wird sie Halt haben, Ansprechpersonen? Es werden viele neue Eindrücke auf sie zukommen, neue Räume, neue Wege, neue Geräusche, neue Gerüche, neue Mitschüler/innen, neue Lehrer/innen. Ich wünsche mir für sie, dass sie ihren Platz findet, einen Platz an dem sie sich wohlfühlt und an dem sie sich entfalten kann. Ohne viel Druck und mit Freude am lernen.

Ja, es gibt Momente an denen ich bereue sie nicht an der freien Schule angemeldet zu haben. Es wäre das richtige für sie gewesen. Ihre Psychologin sagte dies schon vor der Einschulung. Individuelle Förderung, viel Bezug zur Natur, praktisches lernen und keine Unterforderung auf Grund ihrer Hochbegabung (Schwerpunkt im sprachlichen und logischen Bereich). Doch leider konnte ich es mir damals so wie heute nicht leisten und frage mich:  Ist lernen nach eigenem Entwicklungsstand, individuell, praxisnah und ohne Frust Luxus? Genau das sind doch Dinge bei denen Kinder am besten lernen. Durch ausprobieren und begreifen (sprich fühlen/anfassen). Schon Kleinkinder erlernen das laufen nicht weil wir ihnen erklären wie es geht, sondern weil sie es ausprobieren.

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6 Kommentare zu “Schulzeitverkürzung = Freizeitverkürzung ?

    • Da gebe ich dir vollkommen Recht. Ein Mensch allein muss mehr und mehr leisten, wenn er versagt wird er aussortiert. Freude an der Arbeit zählt nicht mehr. Menschen müssen Computer/ Hochleistungsroboter sein. Und das geht jetzt schon in der Schule los. Was sag ich, schon im Kindergarten, geht die „Selektierung“ (böses Wort ist aber leider so) los, da wird nicht gespielt sondern teilweise haben einige Kinder Stundenpläne.

      Ein Auszug aus dem letzten Praktikum:
      8.30 Uhr M. wird von der Mutter gebracht von den Erziehern wird er direkt aufgefordert zu frühstücken, da er sonst keine Zeit hätte
      9.00 Uhr M. geht zur Sprachfördergruppe
      9.40 Uhr M. kommt zurück und fängt an mit Lego zu spielen (10 Minuten freie Spielzeit)
      9.50 Uhr M. muss aufräumen, da 10.00 Uhr der Morgenkreis stattfindet, im Morgenkreis ist Konzentration und ruhig sitzen wichtig
      10.30 Uhr die Kinder gehen nach draussen, M. zur Musikschule
      11.15 Uhr M. kommt zurück und geht bis 11.45 Uhr auf den Hof (30 Minuten freie Spielzeit)
      11.45 Uhr die Gruppe geht rein um am Projekt weiterzuarbeiten (der Raum wird eine Zauberhöhle), wieder ist Konzentration und beim basteln Fingerfertigkeit gefragt
      12.15 Uhr Abschlussrunde M. ist unruhig und singt kaum mit
      12.30 Uhr Mittagessen
      13.15 Uhr bis 14.00 Uhr Mittagspause (ruhige Beschäftigung) M. schaut sich Bücher an und schläft fast ein
      14.00 Uhr die Mutter holt M. mit den Worten „beeile dich wir müssen zur Ergotherapie ab“
      Anmerkung: heute abend geht M. zum schwimmen da seine Bewegung beeinträchtigt ist und gefördert werden muss

  1. Pingback: Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

  2. Ja, so, wie ich den Artikel/Brief interpretiere, ist individuelle Lerngeschwindigkeit tatsächlich ein Luxusgut geworden.
    Könntest Du Dir denn ggf. vorstellen, sie fächerabhängig in verschiedenen Klassenstufen unterrichten zu lassen?

  3. Ich fand die Schule damals schon furchtbar, wenn ich um 14.30 Uhr ENDLICH (Erst) aus dem Unterricht durfte…und das war nur einmal die Woche. Jetzt ist es durchaus üblich die ganze Woche solang Schule zu haben (oder noch länger) und dann noch jede Menge Hausaufgaben machen zu müssen…ich käme mit der heutigen Schule nicht mehr zurecht. War ich doch damals schon immer überfordert, wenn ich zu viel Zeit für die Schule opfern musste. Ich konnte mich nicht mehr entwickeln…hatte keine Zeit mit meinen Gedanken und meiner Neugier zurecht zu kommen, denn Zeit um die Neugier zu befriedigen und meinen Gedanken dazu nachzugehen gab es einfach nicht mehr.
    Ich habe jetzt schon Angst, dass meine Kinder irgendwann (noch habe ich keine) wirklich von 8-18 Uhr in der Schule sitzen, danach nach Hause kommen, was essen und ins Bett gehen…wo bleibt da Zeit für Entwicklung?
    Ich hoffe sehr, dass Herzchaostochter damit gut klar kommt und ihren Weg findet! Warum die Schule, die freies Lernen anbietet, aber Geld dafür nimmt, verstehe ich nicht. Das finde ich nicht gut…so was sollte jedem angeboten werden (aber vermutlich müssten sie dann zu vielen absagen).

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