„der Einkauf“ oder „fehlender Joghurt“

Bereits zu Hause steht fest, was ich kaufen möchte. Alles genau Punkt für Punkt in der Reihenfolge, in der ich die Produkte im Markt finde. Bevor ich den Supermarkt betrete kann ich also abschätzen ob ich nur einen Tragekorb oder einen großen Einkaufswagen benötige. Heute brauche ich nur einen Tragekorb.

Doch sie stehen nicht mehr dort vor dem Eingang. Ich muss kurz neu sortieren. An der Kasse werde ich einen Korb holen müssen, mein Weg wird nun also ein anderer sein, als der den ich wähle, wenn es Körbe gibt. Ein kurzer Weg-Plan entsteht im Kopf während ich wie angewurzelt vor der Schwenktür stehe. Gerade als ich meinen Weg im Kopf abgegangen bin fordert mich eine ältere Dame auf doch endlich den Markt zu betreten oder an die Seite zu gehen. Erschrocken gehe ich also vorwärts. Meinen Kopf-Einkaufszettel habe ich nicht mehr parat.

Nur noch der Weg ist wichtig, das ankommen bei den Körben, dann der Rückweg zum Ausgangspunkt. Die Reize überfordern  mich schon jetzt, so viele Farben, Musik die aus den Lautsprechern ertönt, die unterschiedlichsten Gerüche alles zuviel und in falscher Reihenfolge.

Endlich habe ich es geschafft, habe einen Korb unter den Arm geklemmt und stehe wieder am Ausgangspunkt. In der Obst-Gemüseabteilung gehe ich zu den üblichen Früchten, die ich einkaufen möchte.  Schaue ob der Preis stimmt. Nur wenn er die Grenze nicht überschreitet, kaufe ich das Produkt. Vor den Möhren steht ein Einkaufswagen. Was soll ich jetzt tun? Ich muss die Möhren holen. Der Fenchel ist schon im Korb und jetzt sind die Möhren dran. Bevor ich zu den Tomaten gehe brauche ich die Möhren. Ich laufe das Regal auf und ab und hoffe, das der Wagen endlich beiseite geschoben wird. Wieder überfordern mich all die Reize, wieder ist alles anders, wieder verschwindet mein Kopf-Einkaufszettel. Zahlen beruhigen, ich betrachte die Preisschilder, rechne und meine Fingernägel pressen sich tief in die Handinnenfläche.

Endlich, endlich ist der Wagen weg und ich lege die Möhren in meinen Korb. Jetzt die Tomaten. Problemlos. In dieser Abteilung  kann ich nun ohne weitere Einschränkungen der Reihe nach meine Produkte einpacken. Als nächstes ist die Kühltheke dran, Milch und Joghurt. Die Frischmilch ist kein Problem aber mein Joghurt fehlt. Ich muss nun alle Sorten anschauen, sehen welchen ich bereits kenne, mich an den Geschmack erinnern bevor ich eine Entscheidung treffe. Wieder laufe ich das Regal ab. So viele Sorten, so viele Farben, so viele Namen. Wie soll ich mich da entscheiden? Mein Blick immer wieder zu den Zahlen. Zahlen beruhigen, sie bedeuten immer das selbe und sie können mir sagen wo ein Stop ist. Es gibt eine Grenze. Jedes Produkt hat eine Grenzzahl die nicht überschritten werden darf. Heute kein Joghurt. Überfordert. Alles reizt.

Das Bild möchte nicht verschwinden. Mein Joghurt nicht da, all die anderen Sorten.  Im Kopf gehe ich sie ständig durch. Zum Teeregal, das ist der nächste Schritt. Nach der Kühltheke kommt das Brotregal, dann der Tee. Aber in meinem Kopf ist noch immer der letzte Blick. Noch immer die Frage was mache ich jetzt? Welchen Joghurt? Kein Tee, weil eine Entscheidung nicht getroffen werden kann. Weil der Joghurt fehlt.

So geht es durch die nächsten Abteilungen, die Frischetheken lasse ich aus, auch alle Regale die noch quer stehen. Keine Nudeln, kein Mehl, kein Thunfisch, keine Frischwurst, kein Käse. An der Theke nicht mehr bestellen können, weil alles falsch ist, weil der Joghurt fehlt. Keine Auswahl mehr möglich. Nicht sortiert, nicht routiniert. Raus, ich muss raus. Heute Nachmittag ein neuer Versuch.
Jetzt geht es nicht mehr. Nur noch bezahlen und raus.

Am liebsten würde ich alles zurück legen, doch schon zuviel ist in meinem Korb. Ich muss bezahlen. Bezahlen und raus.

Advertisements

2 Kommentare zu “„der Einkauf“ oder „fehlender Joghurt“

  1. Liebe Herzchaosmama,

    Thor hat mir diesen Bericht empfohlen und ich muss sagen er hat Recht damit, dass dieser Einkauf die Ängste und Nöte des „Kunden“ sehr gut beschreibt. Für uns Außenstehende sieht man nur eine Preson welche gerade „im Wege steht“ oder „stört“. Dieser Bericht zeigt aber das wir alle noch viel toleranter werden müssen.
    Als ich mit einer frischen Wirbelsäulen-OP-Narbe im Einkaufstrubel stand, hat mich die Omamama immer von hinten beschützt, damit mich die hektischen Menschen nicht wieder am Rücken verletzen, in ihrem Eifer. Dieser Bericht läßt mich alles viel besser verstehen und ich möchte Ihnen sagen, bleiben Sie weiterhin stark, geben Sie niemals auf, schon wegen Ihrem so tollen Herzchaoskind.

    LG der Opapapa

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s