vom springen und der Angst den Halt zu verlieren

Die Sportstunde beginnt wie immer mit dem Aufwärmen. „Ihr lauft jetzt bitte alle 5 Runden durch die Halle!“ lautet die Aufforderung der Lehrerin.  Alle laufen los, ich halte mich immer aussen, denn das Gewusel innen ist mir zuviel. Dieses ungleichmäßige Tempo, der ständige Wechsel. Ich bleibe in meinem Tempo, nicht schnell, denn ich muss mich darauf konzentrieren nicht über meine eigenen Füße zu stolpern.  Immer wenn ich an der Tür vorbei komme zähle ich ab. Nach der 5. Runde setze ich mich auf die Bank. Merkwürdigerweise bin ich die Erste, obwohl viele meiner Mitschüler viel schneller laufen. Die Lehrerin kommt zu mir und fragt mich ob alles in Ordnung sei, was ich bejahe. „Warum läufst du dann nicht weiter?“ fragt sie. „Ich bin fertig.“ ist meine Antwort. Sie fordert mich auf demnächst bitte so lange zu laufen bis sie abpfeift. Ich verstehe sie nicht, denn ich bin 5 Runden gelaufen und genau dies war von ihr gewünscht. Warum sollte ich weiterlaufen? Meine Hände kneten mein T-Shirt-Saum und die Worte schaffen es nicht mehr aus meinem Mund. Ich suche mit meinen Augen Halt in der Holzstruktur des Fußbodens.

Die Lehrerin pfeift ab, die Mitschüler werden langsamer. In jeder Woche gibt es Helfer, die beim Aufbau der Geräte mitarbeiten. Ich war noch nie Helfer, weil ich nach dem Aufwärmen eine Pause benötige. Das durcheinander in der Halle während des Aufbaus ist mir zuviel. Kleinste Anweisungen verstehe ich nicht, weil die Worte im Stimmengewirr verschwinden, weil die Gerüche in der Gerätehalle überfordern.

Die Helfer müssen nach der Aufwärmphase in die Gerätehalle und alle anderen Mitschüler gehen grüppchenweise, miteinander redend zu den Bänken. Ich sehe wie die Hochsprunganlage aufgebaut wird. Mir wird übel. Springen, den Boden unter den Füßen verlieren, keinen Halt mehr haben lässt mich die Orientierung verlieren. Ich brauche Verbundenheit zum Boden. Meine Hände kneten immer mehr das Shirt, ich möchte weglaufen, verschwinden. Ich benötige die Berührung zu einem Teil dieser Welt um hier zu bleiben. Beim Springen verliere ich diesen Halt. Es ist nichts mehr da ausser Leere. Ewige Leere, das Ziel nicht sichtbar, weil ich es nicht berühren kann.  Alles verschwindet.

Die Mitschüler springen nacheinander, als wäre nichts dabei. Dann bin ich an der Reihe. Schritt für Schritt laufe ich auf die Stange , spüre jedoch kaum noch etwas, kann meinen Lauf nicht korrigieren, weil das *verschwinden* immer näher rückt. Im letzten Moment bremse ich ab. Ich kann den Boden nicht verlassen, nicht abspringen, nicht den Halt verlieren.  Die Stange ist doch nicht hoch, das schaffe ich locker höre ich die Lehrerin, die versucht mich aufzumuntern. Sie versteht nicht, das es nicht die Stange ist die mich bremsen lässt, es ist die Bodenlosigkeit. Ich muss die Verbindung zu diesem Raum verlassen, habe keine Berührung und verliere die Orientierung. Schon der Gedanke daran ist kaum aushaltbar.  Ich muss raus, durch die Garderobe zu den Toiletten, mich setzen, mich spüren. Die Beine anwinkeln, umschlingen, schaukeln. Bis es nicht mehr hilft und ich mehrmals mit den Fäusten gegen meinen Kopf schlage. Irgendwann höre ich die Stimme einer Mitschülerin. Sie ist gekommen um nach mir zu schauen, ruft mehrere Male meinen Namen, bis ich endlich reagieren kann. Ich betätige die Spülung, teile ihr mit, das ich gleich fertig wäre, gehe zu den Waschbecken und spüre das kalte Wasser durch die Finger rieseln, zum Abschluss kühle ich mein Gesicht um dann wieder in die Halle zu müssen. In die Halle die solch ein Chaos in mir verursacht, die mich wieder einmal an meine Grenzen gebracht hat. Die Kraft reicht nur noch dazu auf der Bank zu sitzen, meine Beine anzuwinkeln, zu umschlingen und mit den Augen der Holzstruktur zu folgen. Die Stimmen, Schritte und Geräusche dröhnen in den Ohren, Übelkeit spüre ich. Nur Übelkeit, weil ich den Halt verlieren sollte. Mich verlieren sollte.

Advertisements

9 Kommentare zu “vom springen und der Angst den Halt zu verlieren

  1. Du beschreibst meinen verhaßten Sportunterricht… genauso war es… Hochsprung… mir wird heute noch übel bei dem Gedanken daran… immer wieder anlaufen… noch einmal… und noch einmal… ohne abzuspringen… mit welchem Fuß ich abspringen würde, werde ich gefragt… woher soll ich das wissen? Ich spüre meine Beine kaum… weiß nicht, was meine Füße machen… Mal stehe ich bei den Linkshändern auf der anderen Seite (heute weiß ich, daß ich tatsächlich Linkshänder bin!), dann wieder bei den anderen. Mein Sportlehrer macht mich „zur Schnecke“… ich möchte versinken…

    Keiner versteht, warum ich nicht abspringen kann. Ich weiß es ja selbst nicht so richtig, damals… Bockspringen, der Sprung über den oberen Holm des Stufenbarrens, das Abspringen beim Basketball, um den Ball in den Korb zu werfen…nix geht… ich habe einfach nicht genug Kontrolle über meinen Körper…

    Öhm…ja… das waren eine Menge Erinnerungen… :/

    Liebe Grüße…

    🙂

  2. Ich wurde auch immer gefragt mit welchem Fuss ich abspringe, aber ich wusste es nicht, weil die Kontrolle fehlte.
    Jedes Springen war ein unüberwindbares Hindernis. Später versagte mein Kreislauf direkt, wenn er nur das Sprungbrett, den Bock, die Hochsprunganlage oder ähnliches sah.

    • Auch Weitsprung war so ähnlich.. die anderen wußten nach Monaten noch genau, wieviel Schritte Anlauf sie brauchen… ich wußte nicht einmal, mit welchem Fuß ich abspringe. Sollte ich dann den Anlauf neu „ausmessen“, kam ich jedesmal auf einen anderen Wert und am Ende trat ich doch wieder über oder lief einfach durch die Grube, weil ich den Absprung verpaßte… 😦

  3. Bei mir war es nicht das Springen – deswegen ging Weitsprung – sondern die Angst vorm „über Kopf“ oder das „rückwärts fallen“ oder die Angst vorm „hängenbleiben“. Letzteres beim Bockspringen z.b.

    Mir ist grad nur beim Lesen schlecht geworden… ich schätze ich brauche ne Sportunterricht Trigger-Warnung 😉

  4. Pingback: Blog:Read

      • NIx Danke 😀 der bot sich einfach an. Das ist nicht so schwierig, wenn ich mir ein wenig vorstelle, wie sich das anfühlt. Dann suche ich nur noch schnell Musik, die das Gefühl unterstützt und mische je nach Stimmung ab. Texte mit Streß wie Deinen zum Beispiel mische ich eher „schlecht“, also mit zu viel Musik, dann ist es anstrengender zu hören und paßt besser.

        • Das stimmt, es war teilweise anstrengend zu hören. Die Musik war an einigen Stellen sehr laut und übertönte den Text (aber ich kannte ihn ja). Passend ist es auf jeden Fall und super gelesen.

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s