„18 Uhr bin ich wieder da!“

18 Uhr hat sie gesagt. 18 Uhr ist sie wieder zu Hause. Jetzt ist es schon 18.01Uhr und noch immer fährt das Auto nicht vor die Tür. Der Parkplatz bleibt leer. Ein inneres Beben macht sich in mir breit und ich weiss nicht was ich tun soll. Warum ist sie noch nicht da? Warum können wir jetzt nicht wie jeden Abend am Tisch sitzen?

Schon als sie sagte 18 Uhr ist sie wieder da hätte ich am liebsten „Nein“ geschrien. Doch die Worte blieben innen, weil das Chaos im Kopf plötzlich ausbrach. 18 Uhr setzen wir uns doch zum Abendessen  an den Tisch . Wenn sie erst 18 Uhr wieder da sein wird, gelingt dies nicht. Alles gerät durcheinander. Ich muss Ordnung finden, irgendwo innen und auch aussen. Es darf nicht sein, das dieses Beben in mir ist. Weil es weh tut.

Noch bevor ich reagieren kann geht sie durch die Tür und ist fort. So unerreichbar und fern von mir. Gerade noch war sie nah und nun schauen meine erschreckten Augen eine geschlossene Tür an. Ich möchte in mir sein, weil ich nur dort sicher sein kann. Sicher vor diesem ungeplanten Aussen. In meinem Zimmer nehme ich meine Puppe in den Arm und wiege sie hin und her. Eigentlich beruhige ich mich nur selbst damit. Irgendwann bemerkte ich mal, das ich mit der Puppe im Arm schaukeln kann ohne das jemand mit mir schimpft oder mich unterbricht. Sie konnte Sicherheit bringen.

Wiegen, immer wieder vor und zurück.

Jetzt ist es 18.01 Uhr und das Beben in mir ist so stark, das selbst das wiegen nicht mehr hilft. Ich gehe vom Küchenfenster, durch den Flur ins Wohnzimmer, hoffe dabei das die Zeit sich einfach zurückdreht. Das es einfach noch vor 18 Uhr ist., damit wir  rechtzeitig am Tisch sitzen können, so wie jeden Abend. Immer und immer wieder gehe ich den Weg, mein Blick immer und immer wieder auf den Parkplatz doch er bleibt leer.

Tick, tick, tick macht die Uhr und läuft einfach weiter. 18.02Uhr, 18.03Uhr  jede Sekunde schaue ich auf die Uhr. Nichts hilft mehr um dieses falsche Aussen abzuschalten, auszublenden. 18.23 Uhr fährt endlich das Auto auf den Parkplatz. Am liebsten würde ich schreien, toben. Als sie zur Tür hereinkommt kann ich sie nicht ansehen. Ich bin enttäuscht, bitter enttäuscht. Sie hat sich nicht an die Regeln gehalten, sie bringt alles durcheinander.

Ich gehe in mein Zimmer. Als sie zum Essen ruft kann ich nicht reagieren. Essen geht jetzt nicht mehr. Es ist viel zu spät. Einmal, zweimal, dreimal ruft sie, doch ich spiele einfach weiter. Mit der Puppe im Arm lasse ich den Kreisel tanzen. Sie wird böse, tritt in mein Zimmer und ermahnt mich das ich nichts zu Essen bekommen würde, wenn ich nicht endlich in die Küche komme.

In die Küche gehe ich nicht, sondern genau um 19 Uhr ins Bad. Ich halte meine Struktur ein. Um 20 Uhr trinke ich ein Glas Tee und gehe anschließend zu Bett. Der Schlaf jedoch möchte nicht kommen, der Tag war nicht richtig. In mir schwirren ihre Worte „18 Uhr bin ich wieder da“, die Bilder und jedes Detail das ich wahrnahm während ich in der Wohnung auf und ab ging erscheint in meinem Kopf. Meine Fäuste schlagen gegen meinen Kopf immer und immer wieder und am Ende krallen sich meine Fingernägel tief in mein Gesicht. Morgen früh wird man es sehen und sie wird nicht wissen warum dies geschehen ist, woher die Verletzungen stammen.

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Ein Kommentar zu “„18 Uhr bin ich wieder da!“

  1. Das kenne ich sehr gut, dieses Gefühl, dass alles zusammenbricht, wenn eine festgelegte Zeit nicht eingehalten wird. Durch Unpünktlichkeit wird die gesamte Tagesstruktur zerstört. Ich finde dann den Rest des Tages keinen Halt mehr und möchte am liebsten alles Aussen abstellen und mich ganz in mich zurückziehen. Oft finde ich aber auch darin keine Ruhe und renne dann in der Wohnung auf und ab und fuchtele mit meinen Händen in der Luft herum, weil ich nicht weiß, woran ich mich festhalten soll.

    LG Sabine

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