die Frau mit den Hunden

Es ist 6.10 Uhr. Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Wie jeden Morgen öffne  ich das Fenster und lüfte das Bettzeug. Die Luft ist herrlich frisch und ich genieße diesen Augenblick am Fenster.

Draussen durch die Allee, läuft die Frau mit den beiden Hunden, deren Namen ich kenne aber hier nicht nenne. Sie geht immer um die gleiche Uhrzeit mit den beiden raus. Am Morgen immer diesen Weg. Sie weiss nicht das ich hier wohne und schaut nicht zu mir. Wenn wir uns um 7.40 Uhr treffen, dann begrüßen wir uns. Erst seit einigen Monaten ist das so, da wusste ich schon lange die Namen der Vierbeiner.

Seit etwa 3 Jahren laufen wir uns über den Weg, immer zur selben Zeit, nie haben wir einander gegrüßt. Durch die Therapie lernte ich, das grüßen „neu“. Ich hatte es „verlernt“ seit ich hier in der Stadt lebe. Früher auf dem Dorf hat jeder gegrüßt, alle kannten sich  wohl untereinander. Verstanden habe ich es nie, denn mir waren viele der Menschen einfach nur fremd. Einstudiert hatte ich die Grußformel, einstudiert auch das passende Gesicht. Zumindest habe ich es versucht, denn ich selbst habe nie gefühlt was mein Gesicht ausdrückt. Alles geschah irgendwann einfach, wenn ich genug Kraft hatte „aussen“ zu sein.

Es kam auch vor das ich nicht grüßen konnte, weil ich damit beschäftigt war mich auf Dinge zu konzentrieren. Sei es nun das Muster des Kopfsteinpflasters, die Struktur der Wand die ich beim laufen berührte oder das schwingen der Baumwipfel. Es erschreckte mich, wenn dann die Stimme einer fremden Person von aussen eindrang und mich unterbrach, fordernd einen Gruß zurück zu bekommen. Mein Gesicht erstarrte und nur manchmal fanden die einstudierten Worte den Weg nach aussen.

Hier in der Stadt war das grüßen nicht mehr so wichtig. Frisch zugezogen begrüßte ich noch Menschen die mir über den Weg liefen und erntete selten eine Rückmeldung. Da ich verbale Rückmeldungen benötige um sicher zu sein, das mein Gruß angekommen ist verwirrte mich das schweigen des Gegrüßten oftmals. Sie gingen einfach weiter, scheinbar ohne Reaktion. Diese Verwirrung war noch schlimmer auszuhalten und so wurde mein grüßen weniger bis ich es fast komplett aufgab. Ich konnte wieder innen sein, musste nicht mehr darauf achten alle zu grüßen, konnte wieder Muster und Bewegungen verfolgen ohne unterbrochen zu werden.

So geschah es aber oft auch, das ich mir bekannte Personen nicht mehr grüßte was als Ablehnung oder Ignoranz verstanden wurde. Der Grund hierfür war jedoch, das ich die Personen nicht wahrnahm. Sie waren nicht in einer Umgebung in der ich sie erwartete.

Seit der Therapie versuche ich nun wieder bewusster Menschen wahr zu nehmen, einzuordnen. Menschen die mir immer wieder zur gleichen Zeit am gleichen Ort begegnen. So kam es also, das ich diese Dame mehr und mehr wahrnahm und in meinen morgendlichen Weg einplante. Eigentlich ist es nicht mal die Dame an der ich mich orientierte sondern es waren die zwei Hunde. Und eines morgens fing ich an zu grüßen. Die ersten Male bekam ich nur ein zögerliches „Guten Morgen“ zurück und mittlerweile ist das „Guten Morgen“ laut und freundlich. Ein Klang der dazu gehört und mir vermittelt unter Menschen zu sein, die mich wahrnehmen.

Und wenn die Dame an manchen Morgenden plötzlich nicht unseren Weg kreuzt, plötzlich kein „Guten Morgen“ in meinen Ohren klingt, dann fehlt etwas. Ich denke nach ob ich zu spät bin oder zu früh, ob mein Tagesplan durcheinander gerät. Die Dame mit den beiden Hunden gehört jetzt in meine Struktur. Sie ist mir wichtig geworden.

Diese Gedanken begleiten mich während ich am Fenster stehe, die  Hunde beobachte und  mich gut fühle. Es ist ein guter Morgen, weil alles so ist wie immer.

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