Abendspaziergang

Schon 2 Stunden schläft die Chaostochter und ich beschliesse noch ein wenig nach draussen zu gehen um die Abendluft zu genießen. Von der Garderobe nehme ich meine Jacke und mein Halstuch, denn ich befürchte das die Luft sich mittlerweile abgekühlt hat.  Wie gewohnt ziehe ich die Jacke erst über den rechten Arm, dann über den linken. Nachdem ich den Reissverschluss zugezogen habe schliesse ich die Knöpfe. Jeden Knopf, den ich mit Daumen und Zeigefinger durch das Knopfloch schiebe, kontrolliere ich anschließend indem ich mit dem Daumen über die Oberfläche streiche. Ich muss sicher sein, das die Struktur des Knopfes nicht beschädigt wurde. Als ich komplett angezogen bin, gehe ich den üblichen Weg durch die Wohnung. Im Wohnzimmer sehe ich nach ob die Geräte ausgeschaltet sind, ob das Licht der Kerze tatsächlich aus ist und auch keine Glut mehr zu sehen ist. Ich berühre den Docht um ganz sicher zu sein. Lege meine Decke noch einmal zurecht. In der Küche verschaffte ich mir Sicherheit, das der Herd und das Radio aus sind, auch wenn diese seit dem Mittag nicht mehr in Betrieb waren, der Kontrollblick muss sein. Im Flur schaue ich in den Sicherungskasten, denn die Sicherung von Herd und Spülmaschine müssen aus sein. Die Spülmaschine ist defekt und wird seit Monaten nicht genutzt und doch ist der Blick wichtig.
Heute habe ich nicht gebügelt, also muss ich nicht ins Schlafzimmer um es zu kontrollieren. Einen kurzen Blick werfe ich dennoch hinein um nach den Zwergen zu sehen. Nun kann ich nach draussen gehen.

Langsamen Schrittes gehe ich durch die Allee, sehe wie die Sterne durch die Baumkronen blitzen. Noch vor kurzem waren die Baumkronen kahl und man konnte den ganzen Himmel sehen. Jetzt verdecken ihn die frischen Blätter. Es riecht herrlich nach Frühling. Ich gehe meinen üblichen Abendweg und genieße die Stille. Die Dunkelheit verschluckt Reize, so dass das draussen sein weniger anstrengend ist als tagsüber. Keine grellen Farben mehr, die Geräusche sind wesentlich verringert. Nur vereinzelt hört man ein Auto. Ich kann spazieren gehen und genießen.

Am Ende der Runde setze ich mich vor unserer Tür auf den Steinabsatz, lehne mich an die Hauswand, betrachte die Bäume und den sternenklaren Himmel, fühle die Enden meines Halstuch in den Händen, erkenne Bilder und Strukturen im Sternenbild und in den Wegen der Äste. Ein Gefühl der Leichtigkeit macht sich in mir breit. Ein stilles Bild, ein beruhigendes Bild das ich dort beobachten kann. Ein Bild gezeichnet von der Natur. Ich fühle mich frei, angekommen an diesem Punkt und doch weit genug weg von den anderen Menschen. Ich kann sie fühlen, weiss das sie in meiner Nähe sind und der Hintergrund das ich nicht mit ihnen interagieren muss, nicht kommunizieren muss und sie dennoch da sind gibt mir das Gefühl „so soll es sein“.  Menschen spüren, sie beobachten, ohne Reizüberflutung wahrnehmen, das ist es was das Leben einfacher machen würde. Nicht mehr kämpfen müssen mit all den vielen Bildern, Gerüchen und Geräuschen und dadurch das wesentliche, das wichtige nicht wahrnehmen können. Kann es nicht auch tagsüber so sein?

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3 Kommentare zu “Abendspaziergang

  1. Ich bin froh diese Seite gefunden zu haben… ich bin auch Aspie, anders als Du – anders als andere 🙂

    Ich denke an Dich!

  2. Hallo Herzchaosmama 🙂
    ich habe deine Seite gefunden und mich „festgelesen“ irgendwie und wollte nur sagen, dass ich es bewundernswert finde, wie du Worte findest. Das, was du schreibst ist für mich unglaublich lebendig und nachfühlbar.

    Liebe grüße
    Wortsucherin

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