„…sie hat noch nie viel gesprochen.“

Ein Stofftier setze ich neben das andere, sie müssen sich berühren. Auf der Sofalehne stehen. Angelehnt an der Wand, mit Blick ins Zimmer. 12 Stofftiere. Gerade bin ich dabei das siebte aufzustellen, da fällt durch die Berührung das sechste wieder herunter.  Die Kette ist unterbrochen. Ich muss alle Stofftiere wieder auf das Sofa fallen  lassen und erneut beginnen. Die Reihenfolge wie sie nun zurück auf das Sofa purzeln ist auch genau vorgegeben. Genau in umgekehrter Weise. Erst Nummer 5, dann Nummer 4, Nummer 3, Nummer 2 und Nummer 1.

Das aufstellen beginnt abermals. Von rechts nach links. Von der Tür-Richtung zur Fenster-Richtung. Der kleine braune Teddy ganz an den Anfang, dann der kleine Hund, der rote Teddy,  der gelbe Bär, die Katze, so geht es Stofftier für Stofftier weiter und immer wieder wenn eins hinunterfällt beginne ich von vorne.

Gerade ist es der fünfte Versuch, da klingelt es an der Haustür. Ohne mich von meiner Aktivität unterbrechen zu lassen höre ich die Schritte meiner Mutter. Es sind genau 7 Schritte die sie im Flur setzt, dann wird sie die Klinke anfassen und die Tür öffnen.

Während ich den kleinen Teddy auf die Sofalehne stelle begrüßt sie an der Tür jemanden und bittet ihn hinein. Nun wird es akustisch laut im Flur. Die Schritte sind zwar trennbar aber nicht mehr zählbar, da sie sich überschneiden und ich nicht gleichzeitig zählen kann. Auch werden sie unterbrochen, da der Gast vor der Garderobe stehen bleibt um seine Jacke abzulegen. Es sind Worte zu hören, doch ich verstehe sie nicht, ein Knäuel an Buchstaben die durch die Luft fliegen und sich nicht setzen so das ich sie nicht betrachten und aufnehmen kann.
Gleichzeitig stellt der Gast seine Tasche auf den Boden wobei er kurz gegen den Schuhschrank schlägt. Dann öffnet er den Reissverschluss, vermutlich von einem Mantel, da dieses Geräusch länger dauert als bei einer normalen Jacke. Ich höre wie er sein Kleidungsstück aufhängt, während noch immer Buchstaben und Wörter vom Flur durch das Schlüsselloch in meinen Raum fliegen. Wie können sie sich unterhalten während der Gast sich auszieht? Wie können sie die Wörter aufnehmen, wenn schon viele andere Geräusche den Raum durchdringen? Noch immer bin ich dabei meine Stofftiere zu sortieren. Meine Mutter geht mit dem Gast in die Küche, öffnet die Schranktür um eine Kaffeetasse herauszuholen. Das Porzellan stößt aneinander.

Nachdem ich es geschafft habe meine Stofftiere aufzusetzen, so das sie sich berühren, geradeaus schauen und gerade in einer Linie stehen, beschließe ich nach draussen zu gehen. Den Geräuschen entfliehen und nicht spüren müssen, das jemand der nicht hier wohnt in der Küche sitzt. Auf einem Platz der nicht ihm gehört. Fremde Gerüche, fremde Geräusche in der Wohnung, ich mag das nicht.

Leise öffne ich die Zimmertür, schaue noch einmal zurück zu den Stofftieren um sicher zu sein, das hier alles richtig ist. Ich gehe in die Küche und sehe das der Gast auf dem Platz meines Bruders sitzt. Es sieht fremd aus. Die falsche Hose, die falschen Schuhe. Mein Blick wandert zu meiner Mutter, kurz schaue ich auf und gebe ihr Bescheid das ich nun nach draussen gehe. Sie stimmt zu bittet mich aber auch den Gast zu begrüßen. Kurz schaue ich in seine Richtung, doch ich bekomme keinen Ton heraus. Darauf bin ich nicht vorbereitet, ich finde keine Worte. Meine Lippen öffnen sich nicht.

Ohne etwas zu sagen gehe ich in den Flur um mich anzuziehen. „Sie ist immer noch ganz schön schüchtern nicht?“ sagt der Gast zu meiner Mutter „Ein stilles Mädchen. Sie hat ja noch nie viel gesprochen.“  Meine Mutter bejaht und die beiden unterhalten sich weiter. Ich öffne noch einmal meine Zimmertür, die ich beim verlassen des Zimmers nur angelehnt hatte, schaue zu den Stofftieren. Gehe noch einmal zu ihnen, berühre 3  und schaue sie an. Dieses Bild würde ich gerne mitnehmen, mit nach draussen, da es verloren geht sobald ich die Tür schließe. Es ist einfach weg und scheint so unerreichbar fern.

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