die Umwelt begreifen

Ich habe mir oft die Fragen gestellt: Warum kann ich in meinen Gedanken keine Bilder von Personen aufrufen? Warum fällt mir das Erinnern so schwer? Warum ist eine Person gleich verschwunden sobald ich sie nicht mehr sehen kann? Plötzlich  fort und ich bin allein, als wäre nie jemand da gewesen. Von jetzt auf gleich – Leere.“
Wenn ich mir Situationen vorstelle oder mich zurück erinnere, sind Personen nur schemenhaft dargestellt, ein schwarzer Schatten. Gegenstände jedoch sind deutlich sichtbar.

Meine Erklärung dazu: (ob sie stimmt, weiss ich nicht): Im Gehirn gibt es eine Verknüpfung vom „begreifen“ zum erinnern. Schon kleine Kinder lernen ihre Umwelt durch den Tastsinn (Hände, Haut, Mund) kennen. Für mich ist er noch immer sehr wichtig. Neue Gegenstände möchte ich erfühlen, „begreifen“, sie in der Hand halten und Form und Beschaffenheiten kennenlernen. Durch das „begreifen“ wird verknüpft und erinnert. Somit ist es mir auch möglich gedanklich einen Gegenstand aufzurufen wenn ich ihn nicht sehen kann, da ich ihn „begreifen“ konnte. Der Tastsinn ermöglicht mir hier eine Fähigkeit, die mir das einfache sehen nicht ermöglicht.

Gesichter kann ich nicht begreifen. Nicht jedes Gesicht! Nicht in all seinen Bedeutungen und Funktionen! Chaostochters Gesicht kenne ich gut, habe es oft fühlen können und es ist mir daher möglich dieses Gesicht auch gedanklich aufzurufen, wenn zumeist auch nur nach langer Überlegung und unter großer Anstrengung . Um ein komplettes Bild von ihr zu bekommen, versuche ich mich zu erinnern was sie an diesem Tag für Kleidung trägt. Da ich die Kleidung zumeist aus dem Schrank nehme, konnte ich sie erfühlen. Schwierig wird es, wenn sie selbst Kleidung auswählt. Wie oft gingen mir schon Gedanken durch den Kopf, wenn sie jetzt verschwindet und ich eine Personenbeschreibung aufgeben müsste, könnte ich es nicht. Was wäre dann? Diese Gedanken machten mir Angst.

Das nicht „begreifen“ können einer Person, ist vermutlich ein Grund warum ich nie ein Bild einer gewissen Person im Kopf habe. Ein weiterer Grund könnte sein, das eine Person zu unbeständig ist. Immer wieder neue Bewegungen, neue Worte, neue Kleidung,  ein „Objekt“ das da ist, aber das durch viele Bewegungen und Worte die Wahrnehmung überreizt,  vermutlich aus diesem Grunde auch irgendwie zum Schutz wieder ausgeblendet wird. Weil es keine Wiederholungen gibt kann die Information zu dieser Person nicht gespeichert werden,  es ist immer wieder neu, immer wieder anders und plötzlich ist die Person weg und mit ihr dieses Bild.

 

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@Svea: Ich weiss beispielsweise nicht mehr welche Kleidung Du getragen hast, ob Du Deine Haare zusammen hattest , wie Deine Tasche aussah etc. Einzig das Du etwas kurzärmliges an hattest weiss ich, da wir das Thema Wärme besprochen haben. Die Umgebung kann ich Dir genau beschreiben, welche Tische mit wie vielen Personen besetzt waren, welche Lampen an und welche ausgeschaltet waren, welche Parkplätze von unserer Sicht aus noch frei waren, deine Kleidung jedoch ist nicht abrufbar so sehr ich es auch versuche. Es bleibt in meiner Erinnerung eine Lücke, die erst wieder komplett ist wenn Du tatsächlich da bist.

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3 Kommentare zu “die Umwelt begreifen

  1. Wie gut, dass ich es selbst auch nicht mehr sagen kann *lach* Ich kann mich auch nur wegen Tatsachen erinnern… die Haare hatte ich als zwei Zöpfe, weil ich auf den meisten meiner Bilder 2 Zöpfe habe… – auch die bei Facebook – und dann beim ersten Treffen meistens so aussehe *g* Ich kann mich zwar weder erinnern wie ich mir die geflochten habe oder wie ich an dem Tag aussah… aber ich bin mir sicher, dass ich sie hatte *gg*

    An deine Haare erinnere ich mich allerdings, weil ich sie heller erwartet habe. An deinen Schal erinnere ich mich, weil ich dich drauf angesprochen habe. Deine Handstulpen und was langärmliges, weil ich mich die ganze Zeit gefragt hab ob du nicht schmelzen müsstest. Tasche? Keine Ahnung.

    Wenn das so mit den Gesichtern erinnern ist, wundert es mich aber auch nicht, dass du Zukunftsblind bist. Gerade Streit ist doch eigentlich eher mit der Person verbunden als mit einem Gegenstand. Wenn man jetzt nicht gerade mit Tassen oder Fernbedienungen wirft 😉

  2. Hallo Herzchaosmama!
    Du hast doch schon ab und zu von Deiner Schwierigkeit erzählt, Gesichter zu betrachten – eben weil sie sich ständig verändern, und daß Du statt dessen Deine Augen auf der Umgebung ruhen läßt. Vielleicht fällt das Erinnern deshalb schwer, weil Du das Gesicht eben nur so kurz angesehen hast? Man sagt ja, daß sich das Gehirn eher die Dinge merkt, die man länger angesehen hat.
    Und die leeren Parkplätze und an- und ausgeschalteten Lampen, von denen Du erzählst, hast Du wahrscheinlich nicht „begriffen“, oder? Oder reicht es schon, einmal mit etwas ähnlichem zu tun gehabt zu haben?
    Herzliche Grüße von JeNe

    • Diese Theorie des nicht erinnern könnens, weil ich das Gesicht nur kurz gesehen habe, hatte meine Therapeutin auch. Sicher ist es ein Aspekt, doch ich kann auch beispielsweise meine Mutter nicht gedanklich sehen oder sagen wie sie aussieht.
      Bei Gegenständen reicht es tatsächlich sie bereits vorher mal „begriffen“ zu haben, denn die Funktion und Art eines Gegenstandes ändert sich nicht.

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