# Geräusche # Hilflosigkeit # Arztbesuch

Freitagmorgen 5.55 Uhr: Ich wache auf schon bevor der Wecker mich aus dem Schlaf reißt und schon 5 Minuten später geht der Vibrationsalarm meines Handys los. Das Fenster wird geöffnet, ich lasse frische Luft herein und gehe ins Bad, anschließend in die Küche zum Schulbrot machen und Frühstück vorbereiten. Alles nach üblichem Plan, naja fast, denn heute ist Chaostochter schon wach liegt aber noch im Bett. Es ist Karneval – da ist sie aufgeregt und aus Angst zu verschlafen lässt sie die Augen lieber gleich offen, selbst wenn es erst 5 Uhr wäre.
Als wir dann am Tisch sitzen und ich meinen Kaffee  trinke bemerke ich,  das heute alles wieder extrem laut für mich ist. Schon jetzt viel zuviele Geräusche die ich nicht filtern und ausblenden kann. Der Kühlschrank summt, der Gefrierschrank summt, im Radio berichtet der Moderator über die Ereignisse der vergangenen Nacht. Die Zwerge tapsen über den Laminatboden und plötzlich klingelt bei den Nachbarn auch noch das Telefon. Chaostochter hört das summen der Elektrogeräte erst als ich ausspreche, das sie heute extrem rauschen. Das Telefon bemerkt sie nachdem ich sage „Oh nein, nicht das auch noch?“ und mir meinen Schal höher ziehe um ihn über die Ohren zu legen und dabei ein wenig die Ohren zuzuhalten.

Um mich von all den Geräuschen irgendwie abzulenken  fange ich (anfangs unbewusst)  an zu singen. Karnevalslieder und es funktioniert ich konzentriere mich auf das Lied und die Melodie, verknüpfe sie mit Erinnerungen und blende die anderen Störgeräusche aus. Chaostochter stimmt irgendwann mit ein und dann legen wir eine CD mit Karnevalsliedern ein. Eigentlich hören wir nur zwei ausgewählte Lieder. Lieder die ich gut kenne, schon viele Jahre und die daher ein vertrautes Gefühl wecken. Ich möchte nichts neues hören, nichts was der Radiomoderator sagt, nichts was störend ist. Ich brauche etwas sicheres.

Als wir dann ins Bad gehen muss ich die Musik ausmachen, 2 Lieder reichen. Beim Zähne putzen habe ich das Gefühl meine Zahnbürste macht heute extra laute Geräusche. Ich nutze schon absichtlich nicht die elektrische , aber auch das putzen mit der einfachen Handzahnbürste dröhnt heute sehr im Kopf. Warum ist nur alles so laut? Selbst das bürsten meiner Haare macht Geräusche, jeder einzelne Bürstenstrich, ritsch, ritsch, ritsch.

Auf dem Weg in die Schule versuche ich mich auf den Boden zu konzentrieren, für den Rückweg habe ich meine Kopfhörer eingepackt. Diese sind an solchen Tagen nicht wegzudenken. Leider sind es aber auch Fremdkörper an mir was  immer wieder gewöhnungsbedürftig für mich ist, gerade im Kopfbereich. Zu Hause schalte ich den Laptop ein um nach Mails zu schauen und die üblichen Seiten nachzulesen. Ich weiss das ich jetzt nicht alle schaffen werde, da ich 70 Minuten später  einen Termin bei meinem Psychiater habe. Der Lüfter rauscht, die Pumpe des Aquariums rauscht, draussen zwitschern Vögeln und im Treppenhaus sind die Türen und Schritte der Nachbarn zu hören, ich bekomme Kopfweh.  Bevor ich zum Arzt gehe nehme ich bereits Medikamente gegen Kopfweh und Übelkeit (die bereits langsam aufsteigt), denn ich möchte einen absoluten Overload vermeiden.

 

Der  Wartebereich ist voll, 11 von 16 Plätzen sind besetzt, darunter auch mein Platz,  am liebsten würde ich wieder gehen, doch ich muss den Termin heute wahrnehmen. An der Tür zur Anmeldung bleibe ich stehen, denn es ist noch jemand dort der sich mit der MFA unterhält. Im Wartebereich sitzen 3 Frauen die sich in ihrer Muttersprache unterhalten, was mich sehr anstrengt. Eigentlich bin ich froh, das ich hier am Türrahmen stehen kann, denn so bin ich nicht so verloren weil „mein Platz“ besetzt ist. Normalerweise habe ich noch einen Ausweichplatz, aber auch dieser ist belegt. Am Boden versuche ich bekannte Muster zu entdecken und mich darauf zu konzentrieren, doch es ist so laut um mich herum. Als der Herr den Anmeldebereich verlässt spricht mich die MFA an. Ich bekomme kein Wort heraus und schaue irritiert umher, sie fragt ob ich zum Termin komme, wobei ich nur das Wort „Termin“ verstanden habe weil alle anderen Worte im Raum verschwommen sind und nicke mit dem Kopf.  Wieder sagt sie etwas, vermutlich das ich mich setzen kann, denn das sagt sie immer aber heute verstehe ich sie nicht.

Weil mein Platz belegt ist gehe ich nach vorne zur Eingangstür, dort steht ein Regal mit Prospekten bei denen ich so tun kann, als ob ich sie mir aus der Ferne anschaue. Bezwecken möchte ich eigentlich nur das man  mir meine Hilflosigkeit nicht ansieht und das ich aus der Geräuschkulisse und der Nähe der Menschen irgendwie heraus komme. Vor dem Regal stehe ich nun und frage mich was ich tun soll, zu weit weggehen kann ich nicht, was ist wenn ich gleich aufgerufen werde? Mich setzen kann ich auch nicht, denn die freien Plätze sind mir nicht vertraut. Die Tür des ersten Behandlungsraums geht auf und heraus kommt eine  junge Dame. Der ältere Herr, der auf „meinem“ Platz sitzt steht auf und geht mit ihr fort.  Nun kann ich mich zumindest setzen und stehe nicht mehr hilflos da, doch die Geräusche nehmen überhand.

Leises Gemurmel aus dem Anmeldezimmer, die 3 sich unterhaltenden Damen, ein Geräusch das sich anhört als würde ein Handy immer wieder vibrieren irgendwo links von mir, Türen die sich öffnen und schliessen, zwischendurch immer wieder Schritte links – rechts – über mir. Die Post wird abgeholt und das Schlüsselbund zur Tür klimpert, langsam steigen mir Tränen in die Augen. Es ist zuviel einfach zuviel. Nur noch wenige Minuten und ich muss hier raus, zur Toilette, mich zusammenzurollen und dann würde ich anfangen  zu weinen und zu wippen.

Da geht die Tür des zweiten Behandllungsraums auf, Arzt und Patient kommen heraus und der Arzt bittet mich sogleich in den Raum. Endlich, gleich habe ich es geschafft. Ich weiss nicht wie lange ich im Wartezimmer saß es kam mir vor wie Ewigkeiten. Im Behandlungsraum ist ein Stuhl zuviel, der steht sonst nicht hier. Die Maus auf dem Tisch liegt direkt vor mir und nicht neben der Tastatur, das passt nicht am liebsten würde ich sie zurücklegen, aber ich fasse fremdes Eigentum nicht an. Soll ich den Arzt bitten sie wegzulegen? Ich nehme es mir vor, lege die Worte gedanklich zurecht und weiss das ich sie doch nicht aussprechen kann. Der gebildete Satz bleibt innen. Diesen Raum mag ich nicht sehr, er ist zu groß zu unübersichtlich, zu kalt. Der kleine Raum gefällt mir besser. Aber das rot schwarze Bild mit den Elefanten über dem Schreibtisch gefällt mir, ich überlege es nachzuzeichnen. Dieses Bild schaue ich gerne an, wenn ich hier in diesem Raum bin.

Nun betritt der Arzt den Raum und fragt nach meinem Befinden. Auf dem Weg hierher habe ich so viele Sätze gebildet, so vieles wollte ich heute sagen weil soviel ansteht und wir uns jetzt 2 Monate nicht gesehen haben  aber nur ein leises „naja“ kommt über meine Lippen. Dabei habe ich doch im Kopf alles durchgespielt, warum fehlen diese Sätze jetzt? Ich wusste doch vorhin noch genau was ich erzählen wollte, wie ich antworten wollte aber jetzt geht es nicht. Ich muss ihm doch soviel sagen.  Hat er die falsche Frage gestellt? War ich auf eine andere vorbereitet? Ist die Überforderung schon zu stark durch die Wartesituation? Warum kommt die Antwort die ich doch vorhin genau festgelegt hatte jetzt nicht über meine Lippen. Nun weiss er wieder nicht wie es mir wirklich geht und ich kann es ihm nicht sagen, weil die Worte fehlen. Im Kopf gesagt aber nicht ausgesprochen. Warum kann eigentlich niemand in den Kopf hinein schauen, da sind die ganzen Antworten drin. Alle Antworten die erklären was ich denke, fühle, empfinde. Dann erzähle ich monologartig über mein Körperempfinden am Wochenende wobei es auch hier schwer ist eine Erklärung zu verbalisieren (gedanklich hatte es doch aber funktioniert). In meinem Abschlussatz bitte ich ihn um Auskunft ob dies tatsächlich an den fehlenden Tabletten liegen könnte, was er bejaht und erklärt. Dann greift er zu seiner Maus, die zum Glück bereits wieder an seinem Platz liegt und wendet sich dem PC zu. Nun gebe ich ihm die Information über die Auflage des Arbeitsamtes, er fragt mich etwas, was ich aber nicht wirklich verstehe. Er bietet mir dann seine Hilfe an bei der Beschaffung der Unterlagen, was ich erstmal ablehne, weil es so überraschend kommt und ich nicht wirklich verstehe, welche Hilfestellung er mir gerade geben möchte.

Nun erzählt er mir noch von seinem Urlaub im letzten Monat und meint die Krankenkasse sollte dies für Autisten möglich machen, es sei wesentlich effektiver als eine Kur oder Reha mit vielen anderen Menschen.  Beim letzten Satz steht er auf und begleitet mich zur Tür, bzw. er geht vor ich gehe nach. An der Anmeldung gibt er mir den ausgedruckten Krankenschein sowie den Folgetermin und verabschiedet sich höflich von mir.  Ich gehe nach draussen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, das ich mich insgesamt 28 Minuten im Gebäude aufgehalten habe. Wirklich nur so wenig? Die Fußgängerampel draussen an der Strasse piept und ich wünsche mir, das es schnell grün wird, damit ich dieses piepen nicht mehr hören muss.

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4 Kommentare zu “# Geräusche # Hilflosigkeit # Arztbesuch

  1. Wäre es eine Möglichkeit für Dich, die Fragen bzw. Antworten, die Du Dir gedanklich ja vor einem Termin bereits zurechtgelegt hast, schriftlich festzuhalten? Dann könntest Du ihm beim nächsten Termin, falls die richtigen Worte nicht kommen wollen, den Zettel rüberschieben?

    Ich habe einen solchen Zettel in der Hosentasche für den Fall, daß ich im Büro oder anderswo einen Sprachaussetzer habe. Dort steht kurz und knapp, daß ich krankheitsbedingt für einen Moment nicht in der Lage bin, zu sprechen oder gesprochene Worte zu verstehen und das man einfach einen Moment warten möchte, es ginge gleich wieder.

    Du mußt ihm ja nicht Deine Blogadresse verraten, aber Du hast einen tollen Schreibstil, vieleicht hilft es, wenn Du etwas vorbereitest. Ich hoffe, Du weißt, was ich meine, mir fehlen gerade mal wieder die richtigen Worte…

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