1 Minute

der alte Mann mir gegenüber mit der grünen Mütze der immer wieder nervös mit den Händen an seinem Krückstock spielt, die Dame mit den langen blonden Locken die vom Selbstmordversuch eines Bekannten erzählt der nun in der Klinik ist, die Gesten einer gehörlosen hochschwangeren Mutter die ihrem kleinen Sohn gebärdet das er sitzen bleiben soll, die Frau mit der schwarzen Jacke die stetig in ihr Handy tippt, der Mann mit dem gestutzten Bart der seinem Gesprächspartner am Handy erklärt das er gerade in der Bahn sitzt, das ständige Rauschen und Klackern des Funkgeräts vom Fahrer, ein kurzer Funkspruch von Kollegen, eine Frau die ihre Beine übereinander geschlagen hat und mit dem rechten Fuss auf und ab wippt, die Tür die sich öffnet, Füße die auf die Trittbretter treten und dabei ein klapperndes Geräusch verursachen, ein Baby im Kinderwagen am Ende des Abteils das vor sich hinbrabbelt, die Frau mit dem blauen Kopftuch die nervös von links nach rechts schaut, der Teenager mit dem riesigen Schlüselbund der an einer Kette an der Hose hängt und blechernd klingelt, das rappeln der Bahn auf den Schienen, der Fußballfan an der Tür dessen Biergeruch ich bis hierhin rieche, die Dame rechts neben mir die ein süßliches Parfüm trägt, der Mann mit den braunen Schuhen und offenen, Schnürsenkeln und ich habe Angst er könnte bei jedem Schritt fallen, die junge Frau mit der Reisetasche in der sie frischgewaschene Wäsche transportiert was ich anhand des Weichspülergeruchs erkenne, das Kleinkind im Buggy dessen Stofftier gleich aus dem Wagen fällt und ich dieses genau beobachte weil ich weiss wie es ist wenn ein Kind sein Lieblingsstofftier verliert, die zwei Teenager die sich in einer Fremdsprache wild gestikulierend unterhalten, die alte Dame mit der Brötchentüte in der Hand dessen Duft in meine Nase steigt, die Dame mit der orangen Plastiktüte auf dem Schoss die unentwegt knistert, der Herr mit den gegelten Haaren der mit einem Plastikstift etwas im Handy notiert was kleine „Klack-Geräusche“ verursacht, der Junge mit Kopfhörern im Ohr und dem  im Takt wackelndem Kopf, Chaostochter die eine Feder in der Hand hält über die sie immer wieder von oben nach unten streicht

all das und noch viel mehr nehme ich wahr in 1 Minute
zu laut, zu nah, zuviel Geruch, zuviele Eindrücke
die ungefiltert auf mich herein prasseln
und wenn ich aussteige
nach 10 Minuten
schnappe ich nach Luft

atme tief durch
sammle mich
und gehe meinen Weg
mit neuen Wahrnehmungen
und dem gleichzeitigen Versuch abzuschalten

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