die Bank unter der Trauerweide

Ein grauer Wolkenschleier bedeckt den Vormittagshimmel, der Wind streicht leise pfeifend durch mein Gesicht. Er fühlt sich kalt an. So kalt, das er in kurzer Zeit die Nase und die Lippen färben kann.

Meine Augen sind nur einen Spalt weit geöffnet, weil er weh tut, der Wind.  In meiner rechten Hand halte ich  den Knauf des Regenschirm, ich halte ihn so fest, das die Finger schmerzen. Es regnet nicht mehr, nur noch ein paar vereinzelte Tropfen fallen vom Himmel herab. Aber der Schirm ist auf diesem Spaziergang zu meinem Begleiter geworden. Direkt vor der Haustür habe ich ihn aufgespannt und er bleibt so. Er bleibt an meine Schulter gelehnt, gehört jetzt dazu, zu diesem Spaziergang. Ich möchte ihn weiterhin spüren, den Knauf in meiner Hand und die Strebe an meiner Schulter, dieses Gefühl, es würde fehlen, wenn ich den Schirm jetzt einstecke.

Ich beobachte wie meine Füße mich über den Asphalt tragen. Er schimmert durch die Regentropfen, die ihn bedecken. Eine kleine glänzende Schicht die in vielen Farben funkeln kann. Aber das funkeln kann auch weh tun, wenn es zuviel ist, wenn zuviel Licht auf den Boden fällt. Zuviel Sonne oder ein vorbeifahrendes Auto, kann den schönen Glanz zerstören. Der Asphalt wird dann zu einem Monster, das sich in meine Augen brennt. Helles Licht, das die Augen blendet. Doch hier fährt kein Auto vorbei, hier  auf dem Weg in den Park bin ich sicher vor dieser Gefahr. Noch 200 Meter, dann  bin ich an meiner Bank. Die Bank unter der Trauerweide. Die Bank, die so viele Erinnerungen in sich trägt. Schöne Momente, traurige Momente, stille Momente und Momente voller Sehnsucht habe ich auf dieser Bank verbracht. Sie kennt meine Tränen, mein stilles Lächeln, meine Gedanken die ich ihr und der Trauerweide manches mal erzählte. Diese Bank ist eine Vertraute, still steht sie da, immer einladend, schaut  auf den See und wartet. Wartet darauf, das Menschen etwas Zeit bei ihr verbringen, weil sie einsam ist. Alt und einsam.

Schritt für Schritt gehe ich auf sie zu, streiche mit meiner Hand über die Oberkante der Rückenlehne, sie fühlt sich weich und vertraut an. Heute kann ich mich nicht setzen, der Regen hat bereits Platz genommen.  In Gedanken versunken gehe ich zur Trauerweide, lege meine linke Hand an ihren dicken Stamm. Meine Handinnenflächen spüren jede Rille der Rinde, die so manchen Sturm schon getrotzt hat und standhaft den Kern des Baumes schützt. Ich drehe mich um, lehne meinen Rücken an den Baum und schaue auf die Bank. 3 kleine Tropfen fallen auf die Vorderseite der Lehne, sie suchen sich langsam den Weg nach unten. Es sieht aus, als würde die Bank weinen. Als hätte sie Kummer, vielleicht weil sie gerade in dieser Jahreszeit so selten besucht wird. Niemand wärmt ihre Holzstreben, niemand berührt sie. Es ist als könnte ich ihre Traurigkeit spüren. „Ich komme wieder“, sage ich still und gehe fort.  Sie tut mir leid, die Bank die dort steht tagein tagaus unter der Trauerweide. Vielleicht erzählen sie sich gemeinsam Geschichten. Es ist ein schönes Paar, ein einladendes Paar, so viele Jahre schon

.  Ich mag ihren Anblick, wie sie dort stehen vor dem kleinen See.

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2 Kommentare zu “die Bank unter der Trauerweide

  1. Welch wundersame, stille, zu Herzen gehende Betrachtung 😉
    So schön, da berühren deine Worte meine Seele.
    Hab Dank!
    Euch vieren einen richtig schönen Sonntagsausspanntag mit ganz lieben Grüßen von uns.
    Herzlichst tüftelchen

  2. Pingback: dann sitze ich da … « das Leben einer etwas anderen Kleinfamilie

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