den Schulalltag überstehen

Murmel fragte mich: „Wenn ich Deine Blogeinträge lese frage ich mich immer wieder: wie konntest Du als Schülerin überleben?
(…) Ich habe 30 sehr lebhafte 16-17jährige, die mich an manchen Tagen (z.B. bei 4 Stunden Unterricht mit aktivierenden Methoden) schon irre machen weil es nie wirklich Stille gibt, der Pausenlärm nicht erträglich ist und es im Schulhaus keine echten Rückzugspunkte gibt. Nicht falsch verstehen: nicht, weil sie so schlimm sind, sondern so aktiv und interessiert. Aber als Struktur brauchende Schülerin wäre diese Reizüberflutung doch völlig unmöglich zu ertragen.“

Ich muss ganz ehrlich sagen, manchmal frage ich mich das auch.  Jedoch muss ich wohl auch zugeben, das die Unterrichtsstruktur „damals“ in meiner Heimat, auch wenn es die Mauer nicht mehr gab,  noch anders war als heute. Vermutlich war dies ein Faktor, der förderlich für mich war diese Zeit zu überstehen. Es gab aber auch oft Tage an denen ich nach der Schule draussen auf der Treppe hinter unserem Haus saß und nicht mehr leben wollte, weil mir einfach alles zuviel war. Damals wusste ich noch nicht genau was es ist, das mich überforderte, es war einfach nur das Gefühl nicht mehr zu können. Oft führte dies auch zur Autoagression, die ich dann einfach nicht mehr unter Kontrolle hatte. Gerade durch Stereotypen  verursachte Selbstverletzungen traten häufig auf.

Im Unterricht saß ich immer vorne, möglichst nah am Lehrertisch, damit ich die Aussenreize hinter mir weniger mitbekam. Die  Reizüberflutung konnte so also nur über die akustische Wahrnehmung erfolgen, die optische Wahrnehmung beschränkte sich auf den Lehrer, meinen Arbeitsplatz sowie die Tafel.  Auffällig ist, das gerade in der „Pubertätszeit“ meine Noten etwa schlechter sind (Durchschnitt von 2,5) , dies kann womöglich daran liegen, das in dieser Phase auch die Mitschüler recht unruhig waren und somit die Reizeinflüsse etwas stärker waren. Ich kann mich erinnern, das ich mich oft in mich zurück zog, wenn es mir zu laut wurde, wenn  beispielsweise Diskussionen geführt wurden.

Da der Unterricht größtenteils Einzelarbeit erforderte, konnte ich in meinem Rhythmus und mit meinen bildlichen Gedankengängen arbeiten und lernen. Das in Bildern denke, war auch hilfreich beim lernen, da ich nur Bilder aus dem Unterricht (Tafelbild, Heftführung, Anschauungsmaterial, Wörter, Sätze etc.) in Gedanken aufrufen musste.  An Gruppenarbeiten in der Realschulzeit kann ich mich nicht erinnern, ich weiss nicht ob dies damals im Unterricht überhaupt angewendet wurde. In meiner ersten  pädagogischen Ausbildung war ebenfalls vorwiegend Einzelarbeit gefragt, was mir zugute kam.

Die Studienzeit jedoch musste ich abbrechen, weil die Anforderungen für mich unmöglich auszuführen waren. Die Tische standen in U-Form im Raum, ich saß direkt vorne, jedoch konnte ich die optischen Reize die im gesamten Raum vorhanden waren nicht ausblenden, da sie durch die Tischstellung in meinem Blickwinkel waren. Ebenso konnten die akustischen Reize nicht gefiltert werden. Wenn im Raum ein Kugelschreiber gedrückt wurde, so lenkte mich dies ab. Auch das Rascheln von Papier oder Füße die sich bewegten wurden zur akustischen und visuellen Ablenkung. Hinzu kam, das vorwiegend in Gruppen gearbeitet wurde, was mich oftmals überforderte.

Beim lernen, was das aufrufen von einzelnen Bildern aus dem Unterricht ebenso gestört, da es viel mehr Bilder waren die ich im Raum wahrgenommen hatte als wenn ich nur nach vorne hätte schauen können, das Filtern war nicht möglich.
Die Pausenzeiten waren für mich eher störend, da dies immer zum Abbruch einer Aufgabe führte, gerade wenn ein Fach bis zu  5 Stunden hintereinander unterrichtet wurde. Für mich ist es sehr schwer eine Aufgabe zu unterbrechen, da ich bildlich die Aufgabe löse und dies dann schriftlich formuliere. Die Pause unterbrach also meine Bildfolge, nicht selten arbeitete ich doch weiter oder blieb möglichst an meinen Platz sitzen und versuchte mich visuell einzig und allein auf meinen Arbeitsplatz zu konzentrieren. Musste ich den Raum verlassen, so suchte ich einen stillen Platz an dem nur wenige Aussenreize vorhanden sind. Diese Plätze waren immer die gleichen, die ich bereits vorher für mich als Rückzugsort erkundschaftet hatte.

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4 Kommentare zu “den Schulalltag überstehen

  1. Danke für Deine ausführliche Antwort!

    Von den Pausenplätzen hattest Du ja schon mal erzählt.
    OK, wenig Gruppenarbeit… Klingt nach viel Frontal- und Einzelunterricht. Beides gibt’s bei mir nur sehr selten.

    Inzwischen schaue ich schon viel genauer hin wenn Schülerinnen ruhiger sind, sich zurück ziehen. Bei den 100 Varianten, die so eine Klasse in sich birgt muss man erstmal Erfahrungen sammeln, um möglichst viel zu erkennen. Und dann vorsichtig, vertrauenserweckend reagieren…

    Habe grade eine Schülerin mit Burnout-Syndrom: 16 Jahre alt, massive psychosomatische Störungen, erdrückende Eltern. Nicht einfach für sie.

    Viele Grüße,
    murmel

  2. Hi Du,
    Elisabeth hat mir neulich schon deine Blogadresse gegeben und gemeint, hier soll ich mal lesen, hier werde ich meine „Angst, Scheu und Unsicherheit“ vor dem Wort Asperger, erklärt bekommen.
    Ich habe viel gelesen, musste dann erstmal wieder aufhören, nachdenken und in mich gehen.
    Nach diesem Post nun habe ich das Gefühl in meinen kleinen Mann hineinzu spüren. Evt. nachempfinden zu können, was ihn ihm vor geht. Dabei steht die 100% Diagnose noch aus, das erfahren wir erst am 11.
    Wird uns das weiterbringen, wird uns das „zufrieden stellen“? Keine Ahnung, ich weiß es nicht.

    Ich bin auch ein eher scheuer Mensch, so im realen Leben, ich brauche viel Zeit um „warm“ zu werden…dachte, bei Noah wäre es halt wie bei mir.
    Nun passt vieles aus den Fragebögen, manches aber eben so gar nicht. Wieviel Abweichung, wieviel Toleranz…wie schmal ist der Grad? Ich weiß es nicht, nicht wissen macht mich unruhig ;0)
    Ich werde wiederkommen, weiterlesen, mitnehmen, verstehen…

    Liebe Grüße
    die Steph

  3. Wir sind ja 1992 schon umgezogen, ich würde trotzdem auch sagen, daß der Unterricht im „Osten“ auf jeden Fall anders war. Irgendwie freundlicher …

    Ich habe übrigens auch immer in der ersten Reihe gesessen, weil ich damals schon eine Brille trug und man meinte, auf meine verminderte Sehkraft Rücksicht zu nehmen. Ob ich dadurch konzentrierter war, kann ich heute nicht mehr sagen. Auch an spezielle Rückzugsorte in den Pausen erinnere ich mich nicht. Wir gingen halt alle auf den Schulhof und fertig. Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, hatte ich aber gelegentlich auch, vor dem Einschlafen.

  4. So treffen sich 3 Ossis hier „wieder“ 🙂

    In meiner Schulzeit fand ich es auch wesentlich ruhiger und strukturierter als jetzt in meiner Schule.
    Mein Rückzugsort war die Milchecke – da waren nur ganz wenige Schüler und alle hatten den Mund voll…

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