ein Tag ohne Pause und dessen Folgen (4/4)

Beim Einkauf werde ich von den vielen visuellen und akustischen Reizen überrannt, völlig planlos laufe ich durch die Gänge, das Brot vergesse ich natürlich. Ich ziehe mich innerlich zurück und lasse die Routine walten, lege 3 bekannte Dinge in den Einkaufskorb und gehe zur Kasse. Diese ist sehr voll und somit vergehen weitere Minuten. Mein Gefühl glaube ich nicht mehr wahrnehmen zu können. Ich spüre momentan nichts und funktioniere einfach.

Die Zeit ist vergangen und ich gehe hinüber zur Schule. Dort kann ich nur wenig mit der Lehrerin sprechen, da ich innerlich schon zu sehr zurückgezogen bin und auch ihre Worte kaum mehr bei mir ankommen. Meine äußere Fassade jedoch funktioniert so das die Lehrerin meine Überforderung nicht erkennen kann. Zum Glück ist Chaostochter kein Problemkind, sie ist in der Klasse eine der Besten und bei allen Kindern beliebt. Das einzige was momentan wohl auffällt ist, das sie sich manchmal ein wenig rauszieht und nicht mehr ganz so aktiv an allen Stunden teilnimmt. Die Klassenlehrerin meint es kann daran liegen, das sie sich schwer an neue Lehrer gewöhnt und in den letzten 7 Wochen eine Vertretung in der Klasse war. Meiner Einschätzung nach ist sie jedoch mit der Vertretung sehr gut klar gekommen, sie beschrieb sie zum teil netter als ihre eigentliche Klassenlehrerin. Sagen kann ich jedoch momentan nichts, denn diese Gedanken kommen mir erst viel später in den Sinn.

Nach 7 Minuten ist das Gespräch auch schon vorbei und ich gehe heim. Nehme den gewohnten Gang durch die Allee. Mein Blick wandert nach oben in die gebogenen Äste und Zweige, die noch kahl in den Himmel ragen. Diesen Anblick mag ich, dieses zusammenkommen. Ich finde die kahlen Bäume erzählen viel mehr von sich, als wenn sie behangen sind mit Blättern und man ihre Äste und Zweige nicht sieht. Die Strukturen die sie zeichnen, ihren Weg den sie sich in den Himmel gesucht haben, soviel Abzweigungen hat der Baum genommen, so viele verschieden Wege gibt es, manchmal ging es nicht immer nur geradeaus, die Äste sind gebogen und machen einen Knick erst viel später ging es weiter hinauf. So ist es wohl auch mit dem eigenen Leben. Es geht nicht steil nach oben.

Wieder zu Hause schalte ich den Laptop ein um mich abzulenken, um Gewohntes zu tun, um einfach in den Seiten zu verschwinden. Doch wieder stresst mich, das ich nicht im Zeitplan liege. Gerade so schaffe ich es alles nachzuholen.

Gegen 14.20 Uhr setzt die Müdigkeit ein, doch nun kann ich mich nicht mehr hinlegen, in 30 Minuten muss ich bereits wieder los um Chaostochter abzuholen. Langsam spüre ich wie mein Kopf anfängt zu rebellieren. Überreizt. Die ersten Anzeichen eines Overloads. Ich habe mir keine Pause gegönnt.

Geplant habe ich am Nachmittag noch Fotos zu machen für das Projekt zwölf2011. Schon vor einigen Tagen war ich dort, aber die  Umgebung ist nun anders, es wurden Bäume gefällt, was mich an diesem Tag sehr beunruhigt hat. Heute möchte ich noch einmal versuchen Fotos zu machen. Die Kopfschmerzen werden immer stärker,  die Schritte fallen mir schwer und auch das reden fällt nicht mehr so leicht. Geplant ist geplant und ich kann die Planung nicht einfach umwerfen, selbst wenn nicht einmal Chaostochter wirklich Lust hat in den Park zu gehen.

16.30 Uhr sind wir wieder zu Hause, die Kopfschmerzen setzen mich bereits so ausser Gefecht, das ich mich aufs Sofa lege. Langsam setzt auch die bei einem Overload bereits bekannte Übelkeit ein. Chaostochter setzt sich neben mich und darf am Laptop arbeiten. Die Augen schließen kann ich kaum, da ich ein schlechtes Gewissen Chaostochter gegenüber habe. Schon gestern lag ich den ganzen Nachmittag auf dem Sofa, weil es mir nicht gut ging. 17.20 Uhr dusche ich Chaostochter ab, das stehen fällt mir schwer. Jede Bewegung strengt an, aber ich darf es mir nicht anmerken lassen. Nach dem duschen decken wir gemeinsam den Tisch und nehmen anschließend unser Abendessen ein. Wie an jedem Abend setzt Chaostochter sich auf meinen Schoss nachdem wir das Essen beendet haben. Wir geniessen diese Nähe für einen Moment und dann darf sie um 18.20 Uhr ins Wohnzimmer gehen um ihre Tricksendungen einzuschalten. Ich räume den Tisch ab und bringe den Zwergen ihr Abendessen. Nun setze ich mich zu Chaostochter auf das Sofa, wickle mich in meine Decke ein und bis 19.00 Uhr schauen wir wie jeden Tag auf dem Sofa kuschelnd Tricksendungen. Die Übelkeit und das Kopfweh sind noch immer zu spüren, aber ein wenig muss ich noch durchhalten auch wenn ich mich völlig überladen von Aussenreizen fühle.

Nach den Sendungen geht Chaostochter die Zähne putzen und sich waschen, danach darf sie etwas lesen. Ich schalte den Laptop ein um mich noch ein wenig wach zu halten, noch ein wenig im hier und jetzt zu bleiben bis ich 20.00 Uhr ins Kinderzimmer gehe um eine gute Nacht zu wünschen und das Licht auszuschalten. Chaostochter braucht dieses Ritual um ruhig in die Nacht zu kommen. Endlich ist der Tag vorbei und ich kann mich hinlegen. In meinem Kopf spielen jetzt jedoch alle Aussenreize vom Tag verrückt und ich benötigte eine ganze Stunde um endlich zur Ruhe zu kommen.

Dies war ein sehr anstrengender Tag. Ein Tag ohne Pause, ein Tag ohne Rückzug. Für mich eine sehr große Belastung, denn ich habe  wieder einmal versucht „normal“ zu sein. „Normal“ was einfach nicht funktioniert und mich bis über meine Grenzen bringt. Und immer wieder nehme ich mir an solchen Tagen vor nie wieder auf meine Pausen zu verzichten! Das hält jedoch nur bis zum nächsten Mal, an dem der Tag durch verschieden Termine völlig aus der Bahn geworfen wird.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Mehrteiler veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu “ein Tag ohne Pause und dessen Folgen (4/4)

  1. Ich frage mich ja manchmal, ob es mir an ähnlichen Tagen helfen würde, wenn ich Entspannungstechniken praktizieren könnte. Also einfach mal gezielt und ohne Absenz 2-3 Minuten in mich gehen und abschalten.
    Leider habe ich weder mit progressiver Muskelentspannung noch anderen Techniken Erfahrung.
    Aber vielleicht ist das was, was Du Dir vorstellen könntest, zu lernen und dann auch anderen zu vermitteln? *die Idee mal so in den Raum werf*

    • PMR, Achtsamkeitstraining und autogenes Training habe ich bereits mehrmals ausprobiert (Kur und Klinik).
      Die ersten beiden Varianten sind gar nichts für mich. Autogenes Training darf ich alleine (ohne Therapeut) nicht machen (aus Erfahrung).

  2. Mhm… der Tag klingt für mich nicht „normal“ sondern total stressig und vollgepackt. Da wäre ich auch total durch. Aber garantiert.

    Allein das Beratungsgespräch ist doch schon emotional so anstrengend, dass alles andere schon „Bonus“ ist. Kein Wunder, dass du danach völlig überreizt bist.

    Würde die Kurze es denn nicht verstehen, wenn du beim Trickfilm schauen einschläfst?

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s