ein Tag ohne Pause und dessen Folge (2/4)

Mein Weg führt mich nun zuerst wie geplant in ein Lebensmittelgeschäft um Obst und Gemüse einzukaufen. Paprika, Salat, Äpfel, Physalis, Clementinen, Melisse, Basilikum und Petersilie gehören  heute zu meiner Ausbeute. Gegen 8.20 Uhr bin ich wieder zu Hause, in meinen Gedanken jedoch bereits beim Beratungsgespräch, das ich heute um 10 Uhr habe.

Wie jeden Morgen schalte ich nach dem heimkommen den Laptop ein.

Da ich wegen Unwohlsein gestern sehr früh ins Bett gegangen bin muss ich noch einiges nachlesen und nacharbeiten, was ich eigentlich am Abend zuvor gemacht hätte. Schon jetzt komme ich ins rudern, denn durch das „nacharbeiten“ kann ich nicht die Seiten lesen, die ich normalerweise um diese Uhrzeit lese. In mir macht sich ein innerliches Chaos breit, die Buchstaben tanzen auf dem Bildschirm, obwohl sie doch sonst eigentlich immer Sicherheit geben. Es wollen sich zu den Wörtern einfach keine Bilder einstellen.

Wenn ich sehe welche Seiten ich noch lesen möchte und dann auf die Uhr blicke, erkenne ich, das es nicht möglich ist alles aufzuholen. Später muss ich das Haus verlassen ohne alles aufgearbeitet zu haben. Die Zeit bis 9.30 Uhr die ich am Laptop verbringe, ist sehr ineffektiv. Aufgrund der fehlenden Konzentration, den ständigen Gedanken und dem Gefühl der Überforderung, weil ich im Zeitplan hinke, nehme ich das gelesene nicht bewusst wahr. Es ist einfach nur ein Versuch die Seiten „abzuhaken“, obwohl ich weiss, das ich sie später noch einmal bewusst lesen werde. Doch öffnen muss ich sie jetzt und schauen, ob es etwas neues gibt. Aus dem Haus gehen mit der Gewissheit nicht  geschaut zu haben würde mich innerlich zerreissen. Ich benötige diese Ordnung, dieses Wissen, alle Seiten aufgerufen zu haben, zumindest das momentane Bild der Internetseite im Kopf zu haben .

Eigentlich wollte ich meine Aufschriebe für das Beratungsgespräch noch ausdrucken, doch die Uhrzeit sagt mir, das es dafür nun zu spät ist. Durch die inneren Verwirrtheit habe ich es vergessen. Es ist 9.30 Uhr und ich muss den Laptop ausschalten.

Über das kommende Gespräch mache ich mir schon sehr lange Gedanken und Notizen so das ich hoffentlich die nötigsten Worte  im Kopf gespeichert habe und  darauf zurückgreifen kann. Das es Anknüpfungspunkte gibt, die mir helfen meine Sätze hervorzubringen.

Der Weg zur Beratungsstelle ist mir sehr vertraut, da das Krankenhaus in dem ich stationär und tagesklinisch war und jetzt noch immer ambulant in Behandlung bin, gegenüber liegt.  Ganz in Gedanken gehe ich ihn, Routine. Der Eingang  der Beratungsstelle jedoch ist fremd und ich sammle mich kurz bevor ich hinein gehe, muss wieder im hier und jetzt ankommen.

Am Telefon erklärte mir meine Ansprechpartnerin wie ich sie im Gebäude finden könnte, doch ich habe den Zettel vergessen auf dem ich mir Notizen machte. Nur die Worte: „Treppe, Glastür, links, Wartebereich“ fallen mir ein, also gehe ich die Treppe hinauf. In der ersten Etage komme ich sogleich auf eine Glastür zu, dahinter stehen zwei Personen die sich unterhalten. Ich öffne die Tür und schaue nach links, sehe jedoch keinen Wartebereich. In dem Moment spricht mich der Herr an und fragt mich ob er helfen könne. Ich spüre meine Stimme in meinem Hals, weiß aber nicht ob sie nach aussen dringt. Im Kopf sammle ich Worte, Worte die ich benutzen könnte. Kurz darauf antworte ich: „Ich habe bei Frau S. einen Termin.“  Die Dame die sich gerade noch mit dem Herrn unterhielt sagt mit einer freundlichen Stimme: „Das bin ich.  Sie müssen noch eine Treppe höher, ich komme sofort nach.“

Erleichtert, das die Worte aus meinem Mund heraus gefunden hatten und das ich nun den richtigen Weg kenne gehe ich nach oben. Im Wartebereich stehen 3 Stühle mit roten Bezügen, ein Aufsteller mit diversen Prospekten, zwei Skulpturen und ein kleiner Tisch. Alles steht still, keine Ablenkung, keine weiteren Aussenreize. Ich bin allein und dies ist gut, denn den Moment benötige ich auch um wieder innerlich etwas Ruhe zu finden. Kurz darauf kommt Frau S. und bittet mich in ihren Raum. Ich darf  mich gegenüber des Fensters in einen schwarzen, jedoch sehr niedrigen Sessel setzen. Sie bietet mir ein Getränk an, welches ich freundlich ablehne, dann setzt sie sich in den zweiten Sessel und wir unterhalten uns. Während des Gesprächs sehe ich oft aus dem Fenster wo ich das Parkhaus der Klinik sehen kann. Auch auf die Fußleisten, sowie auf den Regenschirm, der unter dem Fensterbrett steht fällt mein Blick sehr oft. (Wie so oft, könnte ich nun jedes Detail dieses Raumes benennen, doch nicht sagen welche Kleidung die Dame an hatte, welche Haarlänge sie hat etc. ) Das Beratungsgespräch verläuft  erstaunlich gut und wühlt mich auch kaum auf. Die Vorbereitung auf dieses Gespräch, die innere Planung, die ruhigen Worte von Frau S.  bringen Sicherheit.  Als ich aus dem Raum trete bemerke ich  aber, dass ich doch sehr angespannt war. Der Nacken schmerzt und so schnell wie möglich möchte ich dieses Gebäude verlassen.

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Ein Kommentar zu “ein Tag ohne Pause und dessen Folge (2/4)

  1. Wenn ich Deine Blogeinträge lese frage ich mich immer wieder: wie konntest Du als Schülerin überleben?
    Passt nicht so richtig zu diesem Eintrag, aber fällt mir grade wieder ein.
    Ich habe 30 sehr lebhafte 16-17jährige, die mich an manchen Tagen (z.B. bei 4 Stunden Unterricht mit aktivierenden Methoden) schon irre machen weil es nie wirklich Stille gibt, der Pausenlärm nicht erträglich ist und es im Schulhaus keine echten Rückzugspunkte gibt.
    Nicht falsch verstehen: nicht, weil sie so schlimm sind, sondern so ativ und interessiert.
    Aber als Struktur brauchende Schülerin wäre diese Reizüberflutung doch völlig unmöglich zu ertragen.

    nachdenkliche Sonntagsgrüße,
    murmel

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