Zahnarztbesuch³

Noch 40 Minuten habe ich. Diese 40 Minuten sind eingeplant um noch einige Dshins zu sammeln. Die Zeit schreitet voran, viel zu schnell, ich kann sie nicht aufhalten. Schon ist es 9.40 Uhr, ich fahre den Laptop runter, gehe ins Bad und dann los. Der Weg ist bekannt – Routine. Ich gehe einfach, fühle mich abgetrennt von meiner Umwelt, es scheint, als wäre um mich herum eine große Glasglocke. Alle Menschen sind mindestens 3 Meter von mir entfernt, egal aus welcher Richtung sie kommen.  Ich bin allein für mich, allein mit mir.

Kurz vor der Haltestelle fällt mir auf, dass ich den Namen der Zielhaltestelle vergessen habe, werfe einen Blick auf den Fahrplan. Hoffe das mir beim lesen der einzelnen Anfahrtsziele wieder einfällt wo ich aussteigen muss. Keine Chance, bekannte Wörter aber keines bildet eine Assoziation meiner Haltestelle, kein Wort gibt mir ein Zeichen wo ich aussteigen muss. Noch 3 Minuten bis die Bahn einfährt, Angst spüren, mich verschließen.

Zeit vergeht, die Bahn kommt, ich steige ein, schaue ob ein Platz frei ist, ein Platz an dem ich mich sicher fühle, einen bekannten Platz. Nichts. „Meine“ Plätze sind belegt. Bei den Stehplätzen ist noch frei , in die Ecke dränge ich mich, hinter mir die Fensterscheibe, links neben mir eine Glasscheibe, rechts neben mir -mit etwas Abstand- steht eine weitere Person. Immer tiefer dränge ich mich unbewusst in die Ecke,  spüre die Scheiben.  Hinhocken würde ich mich gerne, verschwinden in dieser Ecke, mein Gesicht gegen die Knie pressen, die Ohren zuhalten, nichts sehen, nichts hören, weinen.

Ich weiss genau, wenn ich jetzt nach unten sacke, meinem Gefühl dort unten  „sitzen“ zu wollen nachgebe, schaffe ich es nicht da zu bleiben. Im Geschehen zu bleiben, dann verschwinde ich, in mir und verpasse auch alle Haltestellen. Dann fehlt die Kraft wieder aufzustehen. Eine Träne sucht sich langsam den Weg nach draussen, still und leise unbemerkt, eine Träne, meine Träne.

Um mich abzulenken nehme ich mein Telefon aus der Tasche, versuche mein Empfinden zumindest ein wenig mitzuteilen, es irgendwie ein wenig loszulassen. Für einen Moment etwas sicheres sehen, den bekannten Bildschirm meines Telefons.

Etwas später sind wir  zumindest schon  im richtigen Stadtteil, ich muss aufpassen, draussen Punkte finden, Punkte die mir sagen das meine Haltestelle naht, das diese Umgebung die richtige ist. Am Ziel angekommen steige ich aus, gehe den Weg, der nun wieder bekannt ist, inklusive bekanntem „Umweg“. 10.25 Uhr – ich betrete die Praxis, reiche der Angestellten meine Karten, versuche den Mund zu öffnen, etwas zu sagen, doch meine Stimmbänder machen nicht mit, kein Ton, vielleicht ein leises Flüstern. Ein „ja“ als sie mich bittet im Wartezimmer Platz zu nehmen. Still öffne ich die Glastür, 1 Platz der 4 Plätze ist besetzt, mein Platz! Einen Moment versuche ich mich zu sammeln, überlege was ich nun tun soll, setze mich dann auf den Sitz gegenüber, ein Tisch mit Zeitschriften steht vor mir, innerlich zittere ich, weiss nicht ob man dies auch äusserlich sieht.

10.30 Uhr – eine Angestellte holt mich ab, führt mich in einen Behandlungsraum, wieder einen anderen. Fremd, nur die Gardine stimmt, das Muster, die 2 Glasvasen mit den Steinen auf der Fensterbank, die stehen auch im anderen Behandlungsraum.  Ich setze mich spüre die Fransen meines Halstuchs, knete meine Taschentücher, die Tränen wollen schon wieder fliessen, der Arzt betritt  den Raum. Ob er meine Angst erkennt weiss ich nicht, doch beruhigend spricht er mit mir, sagt mir das wir die letzten Behandlungen sehr gut durchführen konnten, dass wir das geschafft haben. Dann gibt er mir die Spritze und alle verlassen wieder den Raum. Meine Augen folgen dem bekannten Muster der Gardine, es gibt irgendwie ein wenig Sicherheit, Rechteck für Rechteck, Wechsel zwischen matt und klar, immer im gleichen Abstand, immer in gleicher Anordnung. Irgendwann fliessen sie doch wieder, die Tränen, meine Tränen.

Als der Arzt mit der Angestellten wieder eintritt wische ich gerade die letzten Tränen fort, still. Die Behandlung wird begonnen, zügig aber einfühlsam arbeiten alle. Der Arzt spricht immer wieder ein beruhigendes Wort. Dann verabschiedet er sich, meine Stimme ist noch immer nicht zurück gekehrt, wieder nur ein stocken und dann ein leises Flüstern. Noch einmal zum röntgen, ein Kontrollbild erstellen, dann darf ich gehen. Einen neuen Termin bekomme ich am Empfang, die Verabschiedung – wieder nur ein leises, kaum hörbares Wort: „tschüss“.  Es ist 11.02 Uhr.

 

Geschafft- bis in 2 Wochen.

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2 Kommentare zu “Zahnarztbesuch³

  1. Das ist so einfühlsam geschrieben … man geht förmlich mit dir.

    Gratulation zum: Geschafft! Und in zwei Wochen wird es ähnlich, nein, besser sein! Du schaffst auch das!

    Herzliche Grüße und ich wünsche dir ein schönes Wochenende!
    Heike

  2. Weißt du… ich bin so stolz auf dich, dass du es durchziehst. Obwohl es so unwahrscheinlich schwer für dich ist. Und du weißt, dass ich mir genau diese Angst so gut vorstellen kann… Aber irgendwann wird es besser werden… Auch wenn es noch sehr lange dauern mag… Irgendwann wirst du auch merken, dass du da was ganz großes tolles geschafft hast. Und es nicht zwischendurch abgebrochen hast, sondern dran geblieben bist. Und dran bleiben ist so wichtig 🙂

    Ich bin wirklich, wirklich stolz auf dich. Unglaublich!

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