sei bitte pünktlich²

Früher wohnte ich gemeinsam mit einer Freundin in einer WG, ich habe sie immer gefragt, wann sie denn nach Hause kommt. Nicht weil ich sie kontrollieren wollte  (wie es vielleicht aussah), sondern weil ich vorhersehen, planen wollte. Ich musste wissen wie ich meinen eigenen Alltag weiter strukturiere und wann sie wieder in der Wohnung sein wird, wann wir essen werden etc.
Wenn ich nicht wusste, wann sie nach Hause kommt, so war ich die gesamte Zeit angespannt, konnte nicht handeln, da ich nicht wusste ob ich nicht vielleicht in meiner Tätigkeit unterbrochen werde, was wiederum die Struktur durcheinander bringen würde.
Zeitangaben waren wichtig, klare Angaben und keine ungefähre Zeitspanne. Natürlich gab es Momente wo keine klare Zeitangabe gemacht werden konnte, dies bedeutete für mich eine große Nervosität in besagter Zeitspanne. Ich konnte meinen Tag nur bis zum Beginn der Zeitspanne planen und mich auf die aktuelle Tätigkeit konzentrieren. Sobald die Zeitspanne des ‚heimkommens‘ begann, lief ich unkontrolliert durch die Wohnung, die Nervosität schien mich zu zerreissen, ich lief zum Fenster, setzte mich aufs Sofa, stand wieder auf. Meine Hände kneteten die Taschentücher, jeder Aussenreiz wurde zu einem weiteren Stich. Das ticken der Uhr war laut wie ein Düsenflugzeug,  jeder Schritt auf der Treppe glich dem Schritt eines Elefanten,  jeder Luftzug tat weh auf der Haut, alles wurde unerträglich und je mehr die Zeit verging, je empfindlicher und gereizter wurde ich. Es glich einem Marathonlauf. Vielleicht vergingen nur 10 Minuten, mir schien es wie eine halbe Ewigkeit, mein Inneres war überreizt. Natürlich spürte meine Mitbewohnerin dies wenn  sie ins Haus kam, nicht selten reagierte ich gar nicht oder unfreundlich auf ihre Begrüßung. Es brauchte eine gewisse Zeit bis ich wieder ein inneres Gleichgewicht herstellen konnte, meistens erst, wenn wieder Routine eingekehrt war. Wenn beispielsweise der Tisch so eingedeckt war wie immer, wenn wir am Tisch saßen, jeder auf seinem Platz und ich die heisse Tasse Tee in der Hand hielt. Damals konnte ich ihr nicht erklären, warum ich oft so überreizt reagierte, für sie war die Situation nicht erkenntlich, heute könnte ich es vermutlich verdeutlichen, denn heute habe auch ich eine Erklärung für mein Empfinden.
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5 Kommentare zu “sei bitte pünktlich²

  1. Sehr interessant, Deine Beschreibungen zu lesen. Da kann man sich immer sehr gut reinversetzen.
    Klingt unheimlich stressig. Hast Du auch Zeiten, Situationen, in den Du Dich wirklich entspannen kannst und wohl fühlst?
    Gruß,
    murmel

  2. Ich kenn es anders rum – bin selbst sehr pünktlich und wenn ich es nicht auf die Sekunde schaffe – hab ich ein Problem – rufe auch sofort an und entschuldige mich und wenn es noch ein wichtiger Termin ist – dreh ich ab.

    Eigentlich bin ich früher da – weil ich Zeit brauche „anzukommen“ – steh also dann 5 Min vor der Tür und warte bis meine Uhr (natürlich Funkuhr, die andere könnte ja falsch gehen gg) die richtige Zeit zeigt – mittlerweile ist es die halbe Minute vorher, früher war es wirklich auf die Sekunde genau.

    Zu spät kommen bringt für mich alles durcheinander und ich brauch lange um das wegzustecken (auch wenn funktionieren dann meist klappt mittlerweile).

    Ist jemand anderer unpünktlich kommt es drauf an – ist das bei demjenigen „üblich“, geht es – solange es nicht mehr als 15 Min werden (außer er/sie hat angerufen – dann geht es), sonst werd ich dann sehr unruhig.

    Ungenaue Zeitangaben machen mich kirre – „kommen Sie am Nachmittag vorbei“ – geht nicht – ich brauch eine Zeit oder ein Zeitfenster (das dann sei es von 14 – 16 Uhr für mich bedeutet um 14 Uhr da sein gg).

    Ja ich kenn das – wobei ich das bei anderen besser ab kann als bei mir selbst.

    • Das kenn ich auch! Nehme beispielsweise immer ein/e Bahn/Bus eher, wenn ich irgendwo hin muss.
      Brauche auch Zeit zum ankommen und gehe dann immer noch nen Umweg, damit ich auch nicht zu früh komme. 🙂

  3. Ich bin auch eher überpünktlich. Das eine Bahn früher fahren habe ich mir aber bei Strecken die ich regelmäßig fahre, also kenne und einschätzen kann, abgewöhnt. Zur Therapie und zu meinen Ärzten fahre ich meist so passend, dass ich 10 Minuten vorher da bin. Unruhig werde ich dann aber natürlich trotzdem, wenn die Bahn mal Verspätung hat. *g*

    Gestern bin ich fast ausgerastet, obwohl ich für meine Fast-Verspätung nicht mal was konnte. 10.30 Uhr Termin bei der Allgemein Medizinerin. 11.45 Uhr beim Orthopäden. Massig Zeit sollte man meinen. Um 11.25 war ich in der Allgemeinen endlich dran… um 11.35 wieder raus. Ein Segen, dass die Ärzte nur eine Etage auseinander liegen. Unten um 11.40 gewesen… direkt in den Raum gewunken worden und um 11.55 wieder rausgewesen. ^^ Aber die 1,5 Stunden haben mich für den ganzen Tag gestresst…

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