Silvester – für den einen ein Fest, für den anderen unerträglich

Heute ist nun dieser Tag, an dem sich viele Menschen um Mitternacht in den Armen liegen werden, sie werden sich viele gute Wünsche zukommen lassen und das neue Jahr begrüßen. Wenn man es mal neutral betrachtet, ist es ein Tag wie jeder andere.  Jeder Tag beginnt um 0.00 Uhr und endet um 23.59 Uhr, jeder Tag bringt etwas Neues!  Natürlich ist es das Datum, dass den heutigen Tag zu etwas besonderem macht, ein kalendarisches Jahr ist vorüber.

Aber beginnt ein neues Jahr für einen Menschen nicht eigentlich an seinem Geburtstag? Erst am Geburtstag kann er sagen (wieder) ein Jahr geschafft. Dann kann ihm für ein weiteres Jahr alles Gute gewünscht werden, dann kann er zurück blicken was er im vergangenen Lebensjahr geschafft hat,  dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt.  Auch wenn der Rückblick auf das vergangene Lebensjahr alles andere als positiv ist, es ist jemand da. Denn an diesem Tag ist (fast) kein Mensch alleine. Andere Menschen sind bei ihm, weil es sein Tag ist, egal wie es ihm  geht.

Heute ist dies nicht so. Heute, an dem Tag an dem ebenfalls alle zurück blicken, weil es so sein muss, weil es dazu gehört.

Müssen wir eigentlich so oft zurück blicken?  Tun wir das nicht schon fast täglich, weil wir mit Dingen konfrontiert werden, die Erinnerungen in uns hervorrufen? Muss es denn noch einen offiziellen Tag geben, an dem zurück geblickt wird? Wie vielen Menschen wird es an diesem Tag nicht gut gehen, weil das vergangene Jahr weh tat, weil es Verletzungen gab, weil sie nun alleine da sitzen und niemanden haben, der sie in den Arm nimmt und ihnen alles Gute wünscht, gerade jetzt wo es noch mehr schmerzt, weil dieser Tag dafür bestimmt ist zurück zu blicken.

Menschen denen es heute gut geht, die erfolgreich waren, die vielleicht auf ein positives Jahr zurück blicken, werden heute nicht einsam sein. Sie werden feiern, sich auf das neue Jahr freuen. Ihnen werden persönlich Wünsche zugesprochen,  meist mit einer Umarmung. Was den Einsamen noch mehr schmerzt, weil er es weiss. Weil er weiss wieviele Menschen heute feiern, sich in den Armen liegen, heute wo er sich noch elendiger fühlt als sonst. Gerade jetzt nach den Feiertagen, die vielleicht schon schmerzhaft genug waren.

Der heutige Tag ist sehr zwiegespalten. Für mich muss es diesen offiziellen Tag des Rückblicks nicht geben. Gerne würde ich den Abend ganz normal verbringen, mit der täglichen Struktur. Aber schon allein die Prägung von Kindheit an, dass dieser Tag etwas Besonderes ist, macht dies nicht möglich.  Viel zu viele Erinnerungen hängen an diesem Tag. Wie oft musste ich schon mit zu Partys oder zu Hause wurde gefeiert, mit lauter Musik und viel zu viel Trubel. Wie oft saß ich in irgendeiner Ecke und hoffte, dass es endlich geschafft ist, dass dieser Lärm aufhört, dass alles wieder normal ist, dass ich endlich ins Bett kann. Ich wurde geprägt, dass dies dazu gehört und so arrangierte ich mich damit, der Jahreswechsel wurde gefeiert.

Auch bei mir gab es irgendwann Rituale, die ich ausführte. Die Wohnung war mit Girlanden und Luftschlangen behangen, es wurde reichlich aufgetischt, für die Kinder gab es stündlich einen Tischknaller, Blei wurde gegossen,  21.00 Uhr sowie 23.00 Uhr gingen wir nach draussen um Fontänen und andere Lichtspiele anzuzünden, Mitternacht verbrachten wir am Fenster und betrachteten das bunte Schauspiel am Himmel.  Gegen Knaller war ich schon immer, denn sie sind mir viel zu laut und sie ergeben für mich keinen Sinn. Die bunten Farben faszinieren mich viel mehr und diese schaue ich auch sehr gerne an. Sie berühren mich emotional aber sehr stark.

Wenn ich vor diesem Lichterzauber stehe, dann ist dies mit Emotionen verbunden. Die Überforderung die an diesem Abend herrscht nimmt ein Ende, das Lichterspiel kündigt an, das alles wieder normal wird. Es ist heute auch mit glücklichen Momenten verbunden. Momenten wo ich jemanden im Arm hatte, glücklich war, dass es diesen Menschen gab. Froh war, dass er diesen Moment mit mir teilt.  Mit mir und meinen Emotionen. Wenn ich auch stumm war und man mir die Emotion nicht ansah, aber ich fühlte sie.

Im letzten Jahr gab es keine Girlanden, keine Luftschlangen und keine Musik. Diesem ganzen Trubel wollte ich ein Ende setzen. Da es mir zu dieser Zeit auch nicht sehr gut ging, war es für mich wichtig eigene Wege zu finden mit diesem Tag umzugehen. Ich wünschte mir es wäre ein Abend wie jeder andere, aber es gelang nicht die Besonderheit des Tages auszublenden.  So verbrachte ich gemeinsam mit Chaostochter den Abend auf dem Sofa, wir schauten uns 2 DVD´s an, machten es uns gemütlich bis wir um Mitternacht das Schauspiel am Himmel bewundern konnten. Schon da war ich emotional sehr angeschlagen, musste es aber verbergen. Nachdem Chaostochter gegen 1 Uhr ins Bett ging, geriet ich sehr ins Schleudern.  Ich war allein! Mit den Gedanken daran, wen ich in den vergangenen Jahren an diesem Abend immer in die Arme geschlossen habe, weil ich glücklich war, dass es diese Person gab. Mir ging es schlecht, weil die Erinnerung an die Vergangenheit weh tat, Erinnerungen die sich aufdrängten, weil dieser Tag dafür bestimmt ist.  Beherrscht von der Angst was die Zukunft bringt, die plötzlich so ganz anders aussah.

In diesem Jahr würde ich dieser emotionalen Achterbahn am liebsten gerne komplett entgehen, doch da ich nicht alleine bin wird dies nicht funktionieren. Chaostochter möchte aufbleiben an diesem Abend.  Sie hasst die Knallerei, hat Angst um Mitternacht und  möchte doch wach bleiben, weil es so sein muss, weil es zu diesem Tag gehört, weil ihre Freunde dies auch tun. Mir wäre es lieber, sie würde um die gleiche Zeit wie jeden Abend ins Bett gehen und ich würde anschließend -medikamentös unterstützt- ins Bett gehen um vom Feuerwerk nichts mitzubekommen. Vor der emotionalen Achterbahn möchte ich fliehen, vor den Lichtern die mich an so viele emotionale Dinge erinnern, doch es ist nicht möglich. Den Abend muss ich gemeinsam mit Chaostochter wach bleiben,  sie freut sich auf „Dinner for One“ und Salzgebäck vor dem TV , bis zum Feuerwerk wird sie sich wachhalten auch wenn es ihr viel zu laut ist. Nur um später sagen zu können, ich bin wach geblieben und habe den Jahreswechsel miterlebt. Weil es so sein muss.

Sie wird das neue Jahr begrüßen.
Hoffnungsvoll.
Es ist ein neuer Anfang.

Von was ?
Nun, ich sage – von neuen Höhen und Tiefen.
Sie werden kommen, ganz bestimmt!
So wie jeden Tag.

Advertisements

8 Kommentare zu “Silvester – für den einen ein Fest, für den anderen unerträglich

  1. Kannst Du Dir irgendwas schönes kochen?
    Damit es auch für Dich ein bißchen angenehmer wird?

    Ich fiebere gerade selbst dem heutigen Abend entgegen: ein Freund kommt vorbei. Meiner Mutter ließ es gestern keine Ruhe, danach zu fragen, was ich tue – als ich es dann erzählte, kam nur zurück: na, das kann ja lustig werden. Bäh!

  2. Mir geht es ganz ähnlich wie dir. Am liebsten würde ich heute Abend auch ganz früh ins Bett gehen, aber das geht nicht, weil mein Sohn feiern möchte und sich am meisten auf das mitternächtliche Feuerwerk freut.
    Für mich ist die Knallerei unerträglich. Sie macht mir Angst wegen der vielen lauten und plötzlich einsetzenden Geräusche. Das war schon in der Kindheit so. Ich habe mir immer gerne das Feuerwerk angeschaut. Das hat mich fasziniert – aber nur hinter dem geschlossenen Fenster. Die Böllerei versetzte mich jedes Jahr in Panik und ich bin jetzt schon froh, wenn sie vorbei ist.

    Trotz allem auch dir einen guten Start ins neue Jahr.
    Ich lese gerne hier.

    Sabine

  3. Ich war gerade einkaufen und bin jetzt froh, dass ich nicht mehr vor die Tür muss. Knaller sind für mich auch die persönliche Hölle. Das Feuerwerk und die Geräusche davon mag ich allerdings sehr gerne und ich hoffe ich bekomme hier heute was zu sehen.

    Für mich ist Silvester auch ein Tag des Rückblicks. Einfach weil ich mir selbst immer wieder Daten setzen muss an denen ich was änder. Ich schaff das ohne Zeitbezug meist noch weniger. 😉

    Für die meisten ist Silvester der traditionelle Tag des Rückblicks, weil sie einfach nicht so reflektiert durchs Leben gehen wie wir. Wir „anderen“… müssen das ganze Jahr über schauen wo wir stehen, was wir erreicht haben, was wir ändern können und so weiter… die „normalen“ Leben einfach… und besinnen sich nur einmal im Jahr…

    Meine Wortwahl gefällt mir nicht… aber irgendwie ist es ja schon so, dass man „anders“ ist, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht. Da muss man nicht mal Autist oder anderweitig psychisch krank sein…

    Ich hoffe, dass du den Jahreswechsel irgendwie gut über die Bühne bekommst und glaub mir ich werde ganz fest an dich denken! Das ist zwar sicher nicht mit einer Umarmung des geliebten Menschen gleich zu setzen… aber so ganz allein ist man ja dann irgendwie doch nicht.

  4. Ich möchte gar nicht viele Worte über Silvester verlieren.. vieles, was du beschreibst, kenne ich sehr gut.

    Ich wünsche euch, daß ihr gemeinsam den Abend gut übersteht, und hey… weißt du, was meine Uroma immer gemacht hat an Silvester?

    Sie ging immer, wirklich immer, eine Viertelstunde vor Mitternacht ins Bett. Mit dem Spruch: „So’n Dummheitskrom, das bruch‘ ich nich!“ 😉

    Liebe Grüße, bleibt schön gesund.

  5. Hm, ich kann dich verstehen. Wenn du unterm Jahr oft genug zum Zurückschauen kommst, ist so ein Tag wirklich unnötig. Viele andere sind sonst nur in ihrer Hektik gefangen und brauchen einen ganz offiziellen Tag dafür.
    Ich wünsche dir trotzdem, dass du dich heute nacht nicht so einsam fühlst *virtuelldrück*

  6. Ich mag das Knallen auch nicht. Da wir ja morgen was vorhaben und ganz früh aufstehen müssen gehen wir heute einfach ganz normal ins Bett.
    Ok, Dinner for one haben wir geschaut und ein Gläschen gibt’s heut auch noch: Baileys, keinen Sekt.

    Ich hoffe, Mitternacht nicht auf zu wachen. Knallen, saufen, auf Zuruf lustig sein mag ich alles nicht. Feuerwerk schauen schon – bei geschlossenem Fenster.

    Ich denk an Dich und Chaostochter. Ihr macht es Euch bestimmt schön zusammen.

    Bis nächstes Jahr!
    murmel

  7. liebe chaosmama, ich hoffe du hast sylvester gut überstanden… auch wenn es nicht leicht war….

    du hast ja geschrieben das du das farbspiel geniesst… da musste ich daran denken wie oft hier in hamburg feuerwerke sind…. wenn der hamburger dom ist…. beim kirschblütenfest… beim alstervergnügen…

    irgendwie sieht man das ganze nach deinem blog-eintrag aus einer anderen perspektive…. ich geniesse es, trotz einem harten jahr, die farben zu sehen… gespannt den raketen zuzusehen wie sie hochjagen in den himmel…. innerlich rätselnd welches farbspiel sie mir präsentieren…. und vergesse einfach einmal alles um mich herum… einfach nur ich und die farben….

    trotz aller hindernisse alles gute für 2011

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s