“Sport ist Mord” oder mindestens grausame Folter

Während fast alle Kinder sich jeden Donnerstag morgen auf den Sportunterricht freuten, sah ich diese Stunde mit großer Angst auf mich zukommen. Schon am Tag zuvor, als die Schultasche für den nächsten Tag vorbereitet wurden, wuchs die Anspannung.  Abends im Bett: stundenlanges Grübeln wie ich dieser Stunde ausweichen könnte.  Es war bei allem so, das vom strikten Unterricht im Klassenraum abwich: Wanderungen, Ortsbegehungen, Kunstunterricht im Freien, schwimmen und vor allen Dingen Sport. Alles was andere Kinder herbeisehnten, an all dem hatte ich keine Freude.  In diesem Artikel soll es aber nur um den Sportunterricht gehen.
Während ich mit meinen Mitschülern zur Halle ging, zog ich mich in mich zurück um die Gedanken an die bevorstehende Stunde auszublenden. Am liebsten wäre ich ganz in meiner Welt verschwunden, habe mir gewünscht einfach so vor der realen Welt fliehen zu können. Im Gebäude gab es den Vorraum, darin standen mittig 4 nussfarbene Bänke mit darüber liegenden Kleiderhaken, zudem gab es 5 Sammelumkleiden: links zwei für die Mädchen, rechts 2 für die Jungen, an der Frontseite, vor dem eigentlichen Eingang in die Halle, die Kabine für die Lehrer/in. Ich ging immer in die Umkleide zwei und setzte mich dort an den vordersten Platz an der linken Wandseite. War dieser  bereits besetzt stellte ich meine Tasche neben diesen Platz und ging durch die hintere Tür in den Toilettenbereich. Dort schloss ich mich in einer Kabine ein und musste mir einen neuen Plan zurecht legen, mich beruhigen.

Meistens kam ich erst zurück, wenn der Großteil der Klassenkameraden bereits in der Halle waren.  Dies hatte den Vorteil, dass ich gleichzeitig der extremen Geräuschquelle die meine Klassenkameraden verursachten entgangen bin. Erst kurz vor dem Klingelzeichen betrat ich die Halle, ich hasste den Geruch dort. Obwohl es erst die zweite Stunde an diesem Tag war, wir die erste Klasse an diesem Tag, roch diese Halle sehr streng (zumindest für mich). Am schlimmsten war es, wenn die Schiebewand zu den Geräten geöffnet war. Es roch nach Leder, Schweiss und sonstigem unangenehmen undefinierbarem. Die Lehrerin besprach die Stunde und klärte uns auf, welche Übungen heute auf dem Plan standen. Ich hatte immer Angst davor etwas nicht zu verstehen, weil ich mich von den Gerüchen, den Geräuschen der Turnschuhe und dem Genuschel meiner Mitschüler so sehr beeinflusst fühlte, das ich kaum ein Wort verstand. Alles strömte ungefiltert wie ein einziger Wust auf mich ein, es war fürchterlich. Zudem war ich nicht sehr sportlich, ungeschickt und tollpatschig, dass ich Angst hatte den Anforderungen nicht zu entsprechen. Das darauffolgende Aufwärmen war mir zuviel, das herumgewusel und herumgehampel der anderen dröhnte in meinen Ohren, ich lief dann meist ganz aussen an der Wand entlang und drehte so einige Runden durch die Halle. Jedes Mal, wenn ich an der Ausgangstür vorbei kam dachte ich darüber nach einfach wieder zu gehen. In einigen Sportstunden ging ich bis zu 3mal auf die Toilette, weil mir übel wurde oder ich einfach diesem durcheinander von Stimmen und Schritten entfliehen musste.
Extrem angespannt war ich, wenn Mannschaftssportart auf dem Stundenplan stand, die Mitverantwortlichkeit für das Ergebnis der Mitschüler, wo ich doch weiss wie schlecht ich im Sportunterricht bin, machte mir extreme Angst. Meinen Mitschülern ist dies natürlich nicht entgangen und ich wurde immer als eine der Letzten in eine Gruppe gewählt. Man musste mich dann ja nehmen. Nicht selten setzte ich mich einfach auf die Bank und sagte das es mir nicht gut ginge. Bestand der/die Lehrer/in dennoch auf eine Teilnahme hielt ich mich in der hintersten Ecke auf und versuchte so wenig wie möglich mitzuwirken. Bezog sich der Mannschaftssport auf vorgegebene Regeln, beispielsweise einem Parcour, so beobachtete ich zuerst meine Teammitglieder um die Regeln bildlich zu verstehen und erledigte dann zielgerichtet meine Aufgabe, sofern es mir möglich war. Sportarten jedoch wo ich den Boden unter den Füssen verlor meidete ich. Hierzu gehörten beispielsweise Übungen am Reck oder Bock springen. Mein Kreislauf *fuhr regelmäßig in den Keller*, wenn diese Aufgaben nur ausgesprochen wurden und sobald ich an der Reihe war versagte er oft gänzlich. Zum Abschluss der Unterrichtsstunde wurden oftmals Spiele gespielt. Ich konnte mich kaum in ein Spiel  hineinfinden, weil mir einfach alles viel zu schnell ging. Das Verhalten meiner Mitschüler änderte sich von einer Sekunde auf die andere, sie gaben sich Befehle per Gestik und Mimik, aber ich verstand nichts.
Nach dem Sportunterricht war ich oftmals so erschöpft, dass ich die restliche Zeit in der Schule nur mit Mühe und Not  weiter absolvieren konnte. An diesen Tagen brauchte ich viele Rückzugsmöglichkeiten und war froh, wenn jeder für sich alleine arbeiten konnte, die Lehrerin nur wenig sprach und es somit recht still im Klassenraum war.

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One thought on ““Sport ist Mord” oder mindestens grausame Folter

  1. Schade, daß Du Sportunterricht so negativ erlebt hast.
    Ich war bei Ballspielen und Sprüngen auch eine absolute Niete, aber habe schon immer alles geliebt, was in Richtung Gymnastik und Gelenkigkeit ging, also auch Schwebebalken, Barren usw. – Stufenbarren ging auch, aber schon wieder nicht ganz so gut.
    Läuferisch war ich auch immer eine Niete.

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