ein Tag mit der schwarzen Lady (1/3)

Vor etwa 4 Stunden bin ich eingeschlafen und nun teilt mir der Wecker mit, dass es Zeit zum aufstehen ist. Nur mühsam öffne ich die Augen um sie gleich wieder zu schliessen.

Wer jedoch bereits wach ist, ist die schwarze Lady. Sie ist Frühaufsteherin, kaum öffne ich die Augen ist sie auch schon da. Sie umschlingt mich mit ihren Armen und versucht mich im Bett zu halten: „Steh nicht auf, was es da draussen zu sehen gibt schmerzt zu sehr. Bleib lieber hier drin, da kann dir nichts geschehen. Wenn du da raus gehst, komme ich mit und du weisst was das bedeutet.“

Wie gerne würde ich ihr heute gehorchen, aber ich darf nicht. Chaostochter muss in die Schule, also schleppe ich mich 10 Minuten später ins Bad. Sie begleitet mich. Im Spiegel schaut mir ein grausiges Gesicht entgegen, die schwarze Lady hat mich gezeichnet.  Mit etwas Wasser versuche ich ihre Spuren zu verwischen, aber es mag nicht recht gelingen.  Stützend halte ich mich am Waschbecken fest und frage mich, ob ich nicht doch wieder ins Bett gehen sollte. Mühsam ist der Weg zum Kleiderschrank, ich glaube das letzte Mal, war ich vorige Woche hier. Unterwäsche hab ich seit einer Woche immer vom Wäscheständer genommen und um die restlichen Sachen aus dem Schrank zu holen fehlte mir die Kraft.  Zimmertür  öffnen, das Chaos sehen, zum Schrank gehen,  Schrank öffnen, Sachen suchen, auswählen, in die Hand nehmen, Schrank schliessen – viel zu anstrengend.  Heute schaffe ich es, auf dem Wäscheständer ist nichts mehr.

Es folgt der gewohnte Griff – Unterwäsche und Socken aus der Schublade, Pulli und Hose aus dem oberen Regal und eine Strickjacke, die darf nicht fehlen. Wie warm ist es eigentlich draussen? Egal, ich friere sowieso, die schwarze Lady ist kalt. Wenn sie so bei mir ist, mich festhält spüre ich ihre Kälte. Kalt wie der Tod, der mich manchmal zu sich ruft. Die schwarze Lady und der Tod sind sicher Freunde nicht selten hat die schwarze Lady schon Menschen in den Tod getrieben.
Zurück aufs Sofa geht es schneller. Mit der Kleidung im Arm lasse ich mich darauf fallen. Noch sitze ich, aber die schwarze Lady flüstert mir zu „Leg dich wieder hin, schau die Decke ist noch warm. Hat doch keinen Sinn, wozu willst du dich anziehen?“
Die Mutter in mir kämpft mit der schwarzen Lady, sie spricht dagegen: „Komm schon, eine Stunde schaffst du, dann ist Chaostochter in der Schule.“ Sie hat Recht. Nachdem ich mich mühsam meiner Nachtkleidung entledigt habe überlege ich wann ich das letzte Mal geduscht habe. Mir kommt es vor, als sei es Ewigkeiten her. War es vor zwei Wochen, vor einer? Die Haare sind gewaschen, alle 3 Tage hänge ich mit dem Kopf in der Wanne und erledige das nötigste. Morgens reicht der Waschlappen für die wichtigsten Körperstellen.  Zumindest nach aussen muss ich stabil wirken sagt die Mutter in mir.
In diesem Augenblick hat sie mich im Griff und versucht die schwarze Lady von mir fern zu halten.  Sie sorgt dafür, das die Routine eingehalten wird und Chaostochter pünktlich in der Schule ist. Der  Kopf ist ausgeschaltet, alles geht automatisch. Ich ziehe mir meine Sachen an, die wieder einmal sehr dunkel sind wie ich bemerke. Wann hatte ich das letzte Mal etwas farbiges an? In der Küche ist es, wie in der gesamten Wohnung, still und dunkel, das gefällt mir. Nur das Licht der Abzugshaube wird angemacht irgendwie muss ich ja was sehen. Das Schulbrot wird zubereitet und die Cornflakes für Chaostochter bereit gestellt.  Die Rollos sind noch unten, „Lass sie unten“ sagt die schwarze Lady, „viel zu mühsam sie zu öffnen. Lass de Welt da draussen“ Ich gebe ihr recht!  Auf dem Weg ins Kinderzimmer schalte ich die Senseo ein und lege ein Tab nach. Chaostochter wird liebevoll geweckt, irgendwie schafft es die Mutter in mir für eine Stunde die schwarze Lady in den Urlaub zu schicken. Alles läuft nach Plan, meine Hände unterstützen beim anziehen. Eigentlich ist Chaostochter schon zu gross um sie noch anziehen zu müssen, aber sie geniesst diese Minuten in denen wir uns körperlich etwas näher sind. Ich weiss das sie sich selbst anziehen kann, aber warum soll ich ihr diese Nähe und diese Minuten verbieten? Gemeinsam sitzen wir am Frühstückstisch. Um die Stille zu unterbrechen haben meine Finger es irgendwie geschafft das Radio leise einzuschalten.  Auf dem Tisch brennt unsere Kerze, ich versinke in ihren Flammen. Chaostochter löffelt ihre Schüssel leer und meine Hände umschliessen die heisse Tasse Kaffee. Die Wärme zu spüren tut gut. Ich erkundige mich wie die Nacht von Chaostochter war und bin beruhigt, das es ihr scheinbar momentan gut geht. Sie erzählt frei und bemerkt nicht wie anstrengend das zuhören für mich ist. Zumindest lässt sie es sich nicht anmerken. Um 7.15 Uhr gehen wir ins Bad, putzen uns die Zähne, kämmen die Haare etc. – alles Routine, es läuft. Pünktlich um 7.40 Uhr verlassen wir das Haus. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass der Mülleimer voll ist, habe aber keine Kraft den Beutel aus dem Eimer zu nehmen und  mit nach unten zu tragen. Er bleibt wo er ist. Die Luft draussen tut gut, ich friere, aber die Luft ist klar. Chaostochter hält meine Hand, das ist beruhigend, denn so weiss die Mutterseite in mir das sie noch gebraucht wird. Am Schultor verabschieden wir uns, zuerst geht Chaostochter und kurz darauf  auch die Mutter in mir und lässt der schwarzen Lady wieder den Vortritt.

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8 Kommentare zu “ein Tag mit der schwarzen Lady (1/3)

  1. Ganz ehrlich?
    Es ist eine wunderschöne Darstellung etwas nicht ganz so wunderschönen. 😉 Ich frag mich wieso ich selbst nie auf die Idee gekommen bin. *g* Depressionen als Lady an sich zu betrachten ist schon sehr passend. Steht sie doch arrogant über (fast) allem und belächelt uns arme Würmer nur abfällig.

    Du hast Glück mit deiner Mutterrolle. Auch wenn sie das ganze noch mal so anstrengend macht. Sie reißt dich wenigstens immer wieder raus. So eine Verpflichtung hätte ich manchmal gebrauchen können.

    Insgesamt bin ich aber ganz froh, dass die schwarze Lady bei mir im Moment auch nur tageweise auftaucht. Und eigentlich auch nur, wenn bestimmte Leute beschließen auszuwandern. :/ (Oder in meinen Träumen erscheinen.. oder oder oder.. ;))

  2. Mhm… ich glaub die beiden Monster verkraften mehr als eine Kinderseele 😉 In ihrem Inneren sind es ja doch irgendwie… Katzen.. Jagdtiere… Ganz platt gesagt… würde ich das fressen vergessen, würden sie nen paar Fliegen mehr fangen. Oder eben alleine die Schranktür öffnen (auch schon gesehen ^^ ), sich durch Plastik fressen (Leckerlis verpackt lassen? Haha ^^) etc.

    Ich kann die beiden ohne Probleme 2 volle Tage allein lassen… Futterspender, Wasserbrunnen… und sie haben so wie ich das sehe keinen Schaden davon getragen. 😉

    Mach das mal mit deiner Tochter… ich schätze das sieht übler aus. Sie steckt vermutlich eher mal zurück, oder? Meine Katze springt mir zur Not auf den Bauch, wenn ich sie missachte. *g*

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