Hilfe, wir brauchen eine Regenjacke! (1/2)

Normalerweise vermeide ich es in kleineren, vor allen Dingen mir unbekannten, Geschäften einzukaufen. Dort besteht die höhere Gefahr von einem Verkäufer angesprochen zu werden und sobald das geschieht  habe ich keine Chance mehr in Ruhe einzukaufen.  Antworte ich auf die Frage: „Kann ich was für sie tun?“ oder „Suchen sie etwas Bestimmtes?“ mit   „Nein Danke, ich schaue mich erst einmal um!“ werde ich zum potentiellen Ladendieb erklärt. Mir ist nicht ganz erklärlich warum das so ist, ob es bei jedem so ist, ob es an meinem Tonfall liegt, an meiner Unsicherheit beim antworten durch die für mich unangenehme Situation, an dem fehlenden Augenkontakt bei der Antwort,  oder an was auch immer,  ich werde von dem Moment an nicht mehr aus den Augen gelassen. Der/die Verkäufer/in schleicht mir hinterher und beobachtet jede Handbewegung die ich ausführe. Nein, ich bilde mir das nicht ein! Mit einer Mitstudierenden habe ich dies getestet und auch ihr ist aufgefallen, dass der/die Verkäufer/in mich immer sehr argwöhnisch beäugt hat und mir selbst noch hinterher geschaut hat, wenn ich das Geschäft verliess.

 

Heute MUSSTE ich in ein kleineres Bekleidungsgeschäft! Chaostochter brauchte eine neue Regenjacke. Leider sehr kurzfristig,  dadurch wurde die Möglichkeit der Bestellung, Auktion oder der Besuch eines Kleidermarkt`s ausgeschlossen.  Üblicherweise kaufe  ich bestimmte  Kleidungsstücke nämlich im Internet oder auf dem Kinder-Kleidermarkt und wir probieren sie in Ruhe zu Hause an oder ich gehe in mir bekannte Geschäfte, in denen ich nicht angesprochen werde ohne selbst auf eine/n Verkäufer/in zuzugehen.

Am Vormittag schrieb ich  nun fein säuberlich  untereinander  alle Anforderungen an  die gewünschte Jacke auf.  Atmungsaktiv sollte sie sein, hell (um im Dunkeln oder der Dämmerung schnell erkennbar zu sein), wenn möglich mit Reflektoren, hautsymphatisch, bequem und angenehm zu tragen, keine störenden Knöpfe oder Reißverschlüsse, keine Kordeln,  dünn und ohne Innenfutter , strapazierfähig muss sie sein und  einen guten Kälteschutz sollte sie ebenfalls aufweisen, Größe 146, …, maximaler Preis 20 Euro. (Ich weiss das ist nicht viel für eine gute Jacke, aber für uns eine Menge, üblicherweise kaufe ich reduzierte oder gebrauchte Artikel! dicke Winterjacke max. 10 Euro )

Zu guter Letzt kamen noch ein paar Notizen oben aufs Blatt: das ganze musste ja einigermaßen formuliert werden. Wozu braucht Chaostochter die Jacke?   Morgen macht die Klasse eine Wanderung und daher sollte die Jacke gut verstaubar sein, sie   muss in einem Kinderrucksack  Platz finden . Hauptsächlich brauchen wir sie für Spaziergänge in der Natur! Regenschirme sind im Wald sehr unpraktisch ebenso beim laufen, skaten oder Roller fahren.

Gut, ich fühlte mich vorbereitet. Am Nachmittag ging es also in ein bekanntes Sportfachgeschäft um das Objekt der Begierde zu beschaffen. Nicht ganz durch die Tür getreten, einmal umgeschaut, um die Lage und die Situation einschätzen zu können, schon trat ein Verkäufer auf uns zu:
„Guten Tag, mein Name ist XY kann ich etwas für sie tun?“

Uff – Das ging aber schnell.  Ok nicht wieder in mich verkriechen vor lauter Überforderung, ich bin vorbereitet. Es war zwar nicht ganz der Satz den ich mir vorgestellt hatte,  denn das ein Verkäufer seinen Namen nennt ist mir noch nicht untergekommen, aber trotzdem ist es im Endeffekt die Situation die ich „geübt“ hatte. Der Notizzettel lag  in meiner Tasche,  aber er wurde nicht benötigt, nur in ungeplanten Momenten und einer dadurch entstandenen  „Überforderungssituationen“ würde er zum Einsatz kommen.

Ich suchte einen Fixpunkt, fand eine Rolle am Kleiderständer die ich fixieren konnte und gab alles was ich vorher schriftlich festgehalten hatte, mündlich wieder.
„Guten Tag, meine Tochter macht morgen eine Wanderung und wir benötigen noch eine Regenjacke  mit folgenden Eigenschaften   …(Aufzählung)….!  Können Sie uns in der Preiskategorie etwas anbieten?

Mir ist bewusst, dass es höflich ist jemanden mit seinem Namen anzusprechen, wenn er sich namentlich vorgestellt hat.  Theoretisch hätte dementsprechend folgen müssen: „Guten Tag Herr XY (mein Name ist YX) meine Tochter macht morgen…..“)  So habe ich es zumindest in der Autismus-Therapie gelernt.
Den Namen des Herren habe ich jedoch bei seiner Begrüßung nicht wahrgenommen, da ich nicht damit gerechnet habe und die Situation innerlich erst neu sortieren musste. Natürlich trug er auch ein Namensschild, aber das fiel mir erst viel später auf, eigentlich erst kurz vor der Verabschiedung,  da ich im Verlauf viel zu sehr auf die Situation konzentriert war.

„Kommen sie mit ich zeige ihnen gerne einige Modelle in dieser Preisklasse.“ so oder so ähnlich antwortete er und ging voraus zu der Abteilung in der die verschiedensten Jacken ausgestellt waren, machte mit dem linken Arm eine Bewegung die einen Halbkreis von rechts nach links andeutete, wollte damit vermutlich meinen Blick auf alle Jacken lenken „Haben sie eine bestimmte Vorstellung der Jacke ?“

???

Hatte ich nicht schon alle gewünschten Eigenschaften erwähnt.
Gut, also nochmal: „Ja, also meine Tochter macht morgen eine Wanderung …. die Jacke sollte atmungsaktiv, hell, wenn möglich mit Reflektoren, hautsympatisch …. sein. “
I
ch hielt den gleichen „Vortrag“ wie vor gerade einer Minute, eben genau in der Reihenfolge wie es auf meinem Notizzettel stand.
(Zur besseren Nachvollziehung  stelle man sich eine  monologartige Abarbeitung der Stichpunkte vor. Von meinen Mitschülern bekam ich auch oft gesagt „Du sprichst wie eine Nachrichtensprecherin die ihre Karteikarten abarbeitet.“).
Nachdem ich also fertig, und somit mein Redefluss beendet war, schaute der Verkäufer wohl etwas irritiert, zumindest klang so sein Tonfall bei der folgenden Antwort.

 

 

(Fortsetzung folgt…)

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