das erste Outing (5/5)

Anfangs stellte ich mir die Frage wie kann ich erklären was bei mir anders ist, wenn ich nicht weiss was NT`s fühlen und denken. Wie kann ich Dinge erklären, von denen ich das Gegenteil nicht kenne?  Es wäre doch, als müsste ich den Unterschied zwischen hell und dunkel erklären, obwohl ich hell noch nie gesehen oder erlebt habe. Dieser Ansatz des Denkens brachte mich jedoch der Lösung des Problems etwas näher. Ich musste vergleichen! Dinge vergleichen, mit denen sich ein NT (neurotypisch =”normaler Mensch”) identifizieren kann.

Etwa 70% meiner Mitstudierenden  hatten große Schwierigkeiten im Englischunterricht, diesen Ansatz konnte ich aufgreifen. So erklärte ich, das wir alle eine Muttersprache haben, die wir ohne Probleme beherrschen. Um eine Fremdsprache zu erlernen, braucht es viel Anstrengung,  Ausdauer und Konzentration. Das konnten meine Mitstudierenden nachvollziehen, so wie es wohl  die meisten NT`s auch verstehen würden. Für mich als Asperger-Autist , ist das “normale” menschliche Verhalten wie eine Fremdsprache, ich agiere und antworte nicht aus dem Bauch heraus, sondern muss nachdenken und Informationen erst abrufen.

Wer lange in einem fremden Land lebt, der kann die Sprache immer besser verstehen und teilweise anwenden, es bleibt dennoch immer ein Bruchteil verborgen. Aus diesem Grunde fällt jedem Landsmann sofort auf, dass man kein Einheimischer ist.  Dieses Phänomen ist gleichzusetzen mit einem Asperger-Autisten in der Welt der NT´s, sie lernen zwar mit der Zeit das menschliche Verhalten zu verstehen, ihnen bleiben aber dennoch  winzige Feinheiten verborgen. Sie werden nie das komplette Verhalten des NT´s verstehen oder nachahmen können. Immer wird auffallen, dass sie etwas anders sind.

Meine Mitstudierenden bejahten, dass es ermüdend ist einer Fremdsprache intensiv zuzuhören.  Genau so ermüdend ist es auch für Asperger-Autisten, längere Zeit mit  NT`s zusammen zu sein.  Sie hören praktisch einer Fremdsprache zu, müssen alles übersetzen was die NT´s sagen und was sie mit ihrem Körper ausdrücken.

Hinzu kommt, dass Asperger-Autisten eine Reizfilterschwäche haben. Alle Geräusche und Umwelteinflüsse, wie beispielsweise sich bewegende Menschen oder Tiere, Licht, Wärme, ein Luftzug, Geräusche etc. werden intensiv wahrgenommen und wirken teilweise ablenkend. Kommen viele dieser Aussenreize zusammen überfällt Asperger-Autisten schnell ein Overload, sie sind in einer für NT´s alltäglichen Situation überfordert und reizüberflutet.

Um sich in diese Lage hineinzuversetzen  könnten NT`s sich vorstellen sie würden in einer übervollen Diskothek stehen, müssten sich vor tausenden Fliegen schützen, laute Musik dröhnt aus den Boxen und alle Menschen rufen wild durcheinander. Dieses Gefühl der Überforderung kann bei Asperger-Autisten bereits auftreten, wenn nur 3 Personen sich miteinander unterhalten. Anhand dieses Beispiels, konnten meine Mitstudierenden nun verstehen, warum ich mich oft zurück zog und mich in Gespräche nicht einbinden konnte.

Asperger-Autismus hat aber nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile! Dadurch, dass Asperger-Autisten andauernd nachdenken müssen über das was  um sie herum geschieht, denken viele von ihnen sehr schnell – und sehr logisch. Stehen sie vor einem neuen Problem, rattert das Gehirn schneller als das der meisten NTs. Dies erklärt auch, warum ich  in der Schule oft Dinge sehr schnell verstand, während alle anderen noch einmal nachfragten.  Meine Mitstudierenden gaben mir in diesem Punkt recht. Ich hätte immer schon eine sehr schnelle Auffassungsgabe gehabt und konnte gewisse Dinge dann viel logischer erklären als die Lehrer/innen.

Hinzu kommt, das Asperger-Autisten Dinge sehen, die viele  NT`s nicht wahrnehmen, weil sie es als gegeben hinnehmen. Vieles müssen  Asperger-Autisten untersuchen und analysieren um  die Logik der Sache zu verstehen und damit es für sie verständlich ist . Dabei erkennen sie  oftmals die Einzelheiten, die NT`s übersehen.

Wenn Asperger-Autisten sich für etwas interessieren, vertiefen sie sich meist sehr in dieses Thema und versuchen auch das kleinste Detail zu analysieren.  Ein Asperger-Autist muss erst lernen, das Ziel im Auge zu behalten.   Dies erklärt beispielsweise, warum Ausarbeitungen von mir oft sehr ausführlich waren und sehr viele Details enthielten, die meinen Mitstudierenden nicht auffielen und die sie ausser Betracht liessen, da es nicht zur Zielaufgabe gehörte.

Viele Asperger-Autisten lassen sich auch kaum durch Charme oder Coolness beeinflussen. Ihnen fehlt das Verständnis dafür, sie leben wie sie es für richtig halten und  wie sie sich wohl fühlen. Markenkleidung, Schminke, Anerkennung etc. sind ihnen nicht wichtig. Sie erkennen keine Logik hinter dem nacheifern. Das hat aber auch den Vorteil, dass sie sich nicht so leicht blenden und beeinflussen lassen.

Ich als Asperger-Autist denke  in Bildern. Was ich höre versuche ich gedanklich in Bilder einzusortieren. Wird mir nun etwas erzählt zu dem ich keinen Bezug habe, verstehe ich den Wortlaut nicht mehr und kann nicht  einschätzen was mir gerade gesagt wird. Mir ist es erst möglich Stellung zu beziehen, wenn ich mir ein Bild davon machen konnte. Dies ist ein Grund für häufiges Schweigen meinerseits.

Schwierigkeiten treten hier vor allen Dingen in Alltagssituationen auf.  Erzählen Bekannte mir von ihrem vorausgegangenem Nachmittag, habe ich keine Bilder und verstehe das Gespräch nicht, kann mich also auch nicht einfügen. Möchte  mein Nachbar mit mir ein Gespräch beginnen und erzählt mir, das es im Geschäft um die Ecke keine Gurken mehr gibt, kann ich darauf keine Antwort geben. Mir fehlt das Bild dazu, da ich in diesem Geschäft noch nie gesehen habe, das die Gurken ausverkauft waren. Nach längerem Nachdenken würde ich vermutlich logisch antworten und sagen: “Gehen Sie doch zu Geschäft XY, da gibt es sicher welche.” Das Thema wäre für mich erledigt.  Es würde keinen weiteren Gesprächsverlauf für mich geben.

Erkenntlich wird daraus ein weiteres Problem dess Asperger-Autisten. Small-Talk!  Hätte der Nachbar einen NT angesprochen, wäre vermutlich ein Gespräch über das Sortiment des Geschäfts entstanden, oder ein Gespräch über Rezepte oder oder oder.  Mir fehlen dazu die Antennen um zu erkennen, das es hierbei nicht um den Inhalt der Aussage ging, sondern einfach um den Versuch ein Gespräch mit mir zu beginnen.

Anhand dieser ausführlichen Erklärung und den Vergleichsbeispielen konnten meine Mitstudierenden verstehen, wie es mir in der Klasse ging und es erklärte ihnen vieles was ihnen von Anbeginn des Studiums an mir auffiel.  Es war das erste Mal, dass ich mich verstanden fühlte. Endlich hatte ich eine Möglichkeit gefunden mich zu erklären.

Mittlerweile arbeite ich sehr viel mit Vergleichen, denn ich habe festgestellt, das dies für NT´s leichter nachvollziehbar ist. Die Erkenntnis das es nun möglich ist, mich anhand des Vergleichs zu erklären, verschaffte mir mehr Sicherheit im weiteren Verlauf, wenn es wieder einmal dazu kam, das ich mich outen müsste.

In der Klasse blieb ich nach diesem “Outen” leider nur noch 2 Wochen, dann trat ich in die Tagesklinik ein und meldete mich einige Wochen später endgültig vom Studium ab.

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2 thoughts on “das erste Outing (5/5)

  1. Weißt du was mir auffällt? Bei all dem ganzen Leid und dem unverstanden fühlen und dem überfordert fühlen…

    Du gibst nie auf.. und du beißt dich durch und du suchst nach einer Lösung… Da gehört so viel Mut, Kraft und Energie zu… und das ist so wunderbar :)

    Weiterhin fällt mir allerdings auch auf, dass ein sehr guter Freund von mir wohl Recht hatte, als er mir vor mehreren Jahren sagte, dass ich manchmal autistische Züge habe… Gerade in diesem 5. Teil ist mir das auch extrem aufgefallen… Ich verhalte mich immer mal wieder so wie du es beschrieben hast. Allerdings hätte ich das Potenzial anders zu handeln… ich weiß worauf Small-Talk z.b. abzielen soll und erkenne das auch im Gespräch, aber ein sinnloses Gespräch weiterführen ist mir einfach zu blöd ;)

  2. Danke für dein Feedback!
    Du glaubst gar nicht wie oft ich an einem Punkt war, an dem ich nicht mehr weiter kämpfen wollte.

    Es gibt auch die Diagnose “autistische Züge”, diese hatte ich auch schon, jedoch wurde schnell festgestellt, dass es mehr wie nur einige “Züge” sind. Wobei ich glaube, das fast jeder, der an psychischen Erkrankungen leidet, solche Züge hat.

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