das erste Outing (4/5)

Am gleichen Abend gegen 23.30 Uhr bekam ich plötzlich riesige Panik, mein  bis dato erster Panikanfall rauschte heran. Zuvor lag ich etwa eine Stunde im Bett, plötzlich war es da, das Gefühl auszubrechen. Gedanken schossen auf mich ein, das Gespräch kreiste in mir, ich wollte dem Ganzen ein Ende setzen, am liebsten sofort die Lehrerin und die Sozialarbeiterin anrufen, ihnen sagen wie sehr überfordert ich mich plötzlich fühlte. Ich konnte diese Gedanken und dieses Gefühl des ausharren, des Wartens bis zum nächsten Gespräch nicht länger ertragen.

Ich versuchte mich abzulenken, nicht in alte Muster zu verfallen, die immer ziemlich übel für meinen Körper endeten, stand auf, ging ein paar Runden, griff zum Igelball. Es musste doch aufhören, dieses Chaos im Kopf. Ich schaffte es nicht mich in meine innere, ruhige Welt zurück zu ziehen, etwas zwang mich in diesem Chaos zu verweilen.

Etwa eine Stunde dauerte das ganze Spektakel  bis ich das Gefühl hatte langsam zur Ruhe zu kommen. Geschlafen habe ich in der folgenden Nacht kaum, ich war völlig überfordert und alles kreiste in mir – Worte, Bilder, Emotionen.

Am nächsten Tag nahm ich erneut Kontakt zur Sozialarbeiterin auf, ich erklärte ihr, dass es so nicht ginge, sie würden mich überfordern, ich könnte nicht plötzlich wieder 5 x die Woche 8 Stunden in der Klasse verbringen, meine Therapie stehe immer noch im Vordergrund und mich sofort wieder für so lange Zeit mit so vielen Problemen konfrontieren, würde einfach nicht funktionieren. Sie gab mir ihr Wort sich mit der Lehrerin nochmals in Verbindung zu setzen und sich anschließend bei mir zu melden.

Bis zum folgenden Sonntag hörte ich nichts und beschloss trotz aller Ängste am Montag wie vereinbart in die Klasse zu gehen. Es war merkwürdig, einige verhielten sich wie immer, taten so als wäre es selbstverständlich das ich da bin, keine Fragen, keine Gespräche.  Andere -wie zuvor beschrieben- zeigten weiterhin das merkwürdige Verhalten mich komplett auszublenden.  Diese Verhaltensweisen konnte ich nicht verstehen und ich fühlte mich ausgesetzt in einer fremden Welt. Nach 90 Minuten schellte es zur ersten Pause,  einige Mitstudierende zu denen ich vorher keinen Kontakt hatte, fragten mich ob ich mit in die Pause gehe, ich verneinte, da ich meinen ruhigen Ort aufsuchen wollte – ich musste abschalten.

Nachdem ich jedoch  aufstehen und gehen wollte überkam mich plötzlich wieder wie aus heiterem Himmel ein Panikanfall. Ich griff zu meinen Arbeitsmaterialien auf dem Tisch,  legte sie in meinen Rucksack und ging schnellen Fusses ins Büro der Sozialarbeiterin, dort schilderte ich ihr, dass ich Panik habe und nicht mehr nach oben gehen könnte. Sie versuchte mich zu beruhigen, sprach mir Mut zu. Die gesamte Pause blieb ich bei ihr, dann schlug sie vor gemeinsam in Richtung Unterrichtsraum zu gehen, ich dürfte jederzeit abbrechen und selbst entscheiden was ich tue.

Kurz vor dem Gebäude blieb ich stehen und sagte ihr, dass ich gehen werde, keinen Schritt mehr wollte mein Körper nach vorne. Er wehrte sich vor diesen vielen Reizen die auf mich zukommen, er wollte Ruhe, zurück ins eigene kleine Reich. Die Sozialarbeiterin hätte gerne gesehen, dass ich noch mit nach oben gehe um der Lehrerin Bescheid zu geben und mich abzumelden. Nach einigem Zögern stimmte ich zu, machte  aber vor dem Raum Halt und brach dort kurze Zeit später in Tränen aus. Die Sozialarbeiterin begleitete mich  nach unten und versuchte dort noch etwa 10 Minuten mich zu beruhigen, bis ich soweit stabil war, dass ich nach Hause gehen konnte.

Am nächsten Tag startete ich einen erneuten Versuch, die gesamten 8 Stunden blieb ich im Unterricht jedoch ohne wirklich anwesend zu sein. Nichts von dem was gelehrt, besprochen oder aufgeschrieben wurde habe ich verstanden, ich war völlig in mir. So ging es etwa eine weitere Woche, bis ich langsam aus mir heraus kam und am Geschehen teilhaben konnte. Nur zögernd konnte ich Kontakt zu meinen Mitstudierenden halten, doch es besserte sich.

Etwa 3 Wochen nach meiner Rückkehr fragte mich eine Mitschülerin nach dem Grund meines langen Krankenstandes.  Anfangs war ich irritiert, denn nach meinem Kenntnisstand wurde die Klasse informiert, es stellte sich jedoch heraus, dass sie nicht ausreichend informiert war. Wie denn auch? Meine Lehrerin konnte das Asperger-Syndrom nicht erklären und umschrieb eher das Thema Depression. Nun lag es erneut an mir das Asperger-Syndrom zu erklären, es bereitete mir jedoch noch immer große Schwierigkeiten  mein “Anderssein” zu beschreiben.  Am Beispiel der Lehrerin und der Sozialarbeiterin war zu erkennen, das meine Informationen nicht ausreichend waren. So würde ich nicht verstanden werden, dies entmutigte mich. Meine Mitstudierende bemerkte meine Unsicherheit und gab mir zu verstehen, dass ich mich nicht erklären müsste.  Mit einigen wenigen Worten sagte ich ihr, dass ich etwas Bedenkzeit benötige um die richtigen Worte zu finden. Sie gab mir Zeit. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte es interessiert sich ausserhalb meines engen Verwandten- und Bekanntenkreis jemand für mich und mein “Anderssein” und gab mir auch Zeit dafür mich zu erklären.

Zu Hause fiel mir dann eine Lösung ein, wie ich mich “outen” könnte so das möglichst viele Menschen es verstehen .

About these ads

hinterlasse deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s