Schulzeiterinnerung – Pausenzeiten

Fragt man mich was das schlimmste an meiner Schulzeit war, so antworte ich immer mit: „die Pausen“.  Sicher, auch andere Dinge wie mündliche Mitarbeit und soziale Kontakte waren mit Schwierigkeiten besetzt,  aber das Schlimmste war eindeutig die Pause.
Schon kurz vor Ende einer jeden Stunde bekam ich große Angst vor diesen 10 – 25 Minuten, denn in der Pause gibt es keine Routine.  Alles ist durcheinander,  immer anders,  nicht vorhersehbar – ein einziges Chaos für mich.  Ich legte mir irgendwann eigene Strategien zurecht, wie ich mit dieser Pausenzeit umgehen konnte.  Gab es in den kleinen Pausen Raumwechsel, so ging ich den längsten Weg durch das Schulgebäude. Durch dieses Vorgehen gelang es mir den größtmöglichen  Teil der 10 Minuten bereits verstreichen zu lassen.  Sobald ich im Raum ankam ging ich zu meinem Platz, legte alle Utensilien die ich für diese Unterrichtsstunde benötigte geordnet an die rechte obere Ecke meines Tisches, nahm meine Getränkeflasche und trank schlückchenweise genau so lange bis die Schulglocke den Beginn der Unterrichtsstunde ankündigte.

Eine kleine Pause ohne Raumwechsel war etwas schwieriger zu gestalten. Zu Beginn der Pause legte ich wie gewohnt die Hefte und Bücher der vorherigen Stunde in meinen Rucksack und ordnete die Materialien für die nächste Stunde  wieder an ihren Platz – rechte obere Tischkante.  Da es mir im Klassenzimmer  meist zu laut war,  ging ich  -nachdem der Großteil raumwechselnder Schüler/innen vorbeigezogen ist- in den Gang,  setzte mich auf die Fensterbank und liess meinen Blick nach draussen schweifen. Eine Minute vor dem Schellen ging ich wieder in den Klassenraum und trank ebenfalls wieder genau so lange bis  die Schulglocke ertönte.
Die langen Pausen waren eine größere Herausforderung.  Die Lehrer/innen sahen es nicht sehr gerne, wenn man im Gebäude blieb, oftmals wurden die Klassentüren sogar abgeschlossen. Nun begann für mich eine Tortur. Ich versuchte möglichst an eine abgewinkelte Stelle des Schulgebäudes zu gelangen um mich dort  auf die Fensterbank setzen zu können. Mehrere Plätze dafür hatte ich vorher bereits ausgekundschaftet. Das Problem lag jedoch darin an diese Plätze zu kommen, denn sobald ein Lehrer im Gang anzutreffen war schickte er mich nach draussen. Gelang es mir wirklich nicht mich unbemerkt an einen ruhigen Ort zurückzuziehen, konnte ich nur auf die Kulanz des Lehrers hoffen, hoffen das es mir erlaubt wurde im Haus zu bleiben. Einige Lehrer/innen kannten mich und wussten, das ich diese Auszeit brauchte und auch nichts Unerlaubtes tun würde. Waren  nun keine anderen Schüler/innen in Sicht bekam ich von diesen Lehrern die Erlaubnis, sollten jedoch andere Schüler/innen es  bemerkt haben musste auch ich nach draussen gehen.  In mir herrschte dann große Unruhe, ich fühlte mich wie ein ausgesetztes Kleinkind im Wald. Glück hatte ich, wenn ich eine Kleingruppe meiner Klasse an einem Punkt ausfindig machen konnte an dem wir uns immer trafen, dann stellte ich mich zu ihnen und lauschte ihren Gesprächen. Für meine Mitschüler war dies kein Problem, sie wussten das ich stiller war als sie und wenn sie  eine Meinung von mir zu einem bestimmten Thema wollten fragten sie mich gezielt. Nur durch das gezielte Ansprechen konnte ich erkennen, dass ich an der Reihe war  zu sprechen. Täglich war ich erleichtert, wenn die Schulglocke ertönte und ich wieder nach meinem Ritual handeln konnte -> gewohnten Weg zum Klassenraum nehmen, Materialien ordnen, etwas trinken, Unterrichtsbeginn.
Einige große Pausen nutzte ich unerlaubter Weise um zu einer naheliegenden Bäckerei zu gehen in der es mein Lieblingsgebäck gab.  Manchmal,  an für mich weniger stressigen Tagen, wenn ich spürte dass ich nicht kurz vor einem Overload, einer Reizüberflutung stehe , ging ich direkt mit einer Kleingruppe nach draussen an „unseren“ Standort.  Das beste jedoch war immer wieder die Schulglocke zu hören, die mir Sicherheit gab, das nun wieder alles einen geregelten Ablauf hatte.

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6 Kommentare zu “Schulzeiterinnerung – Pausenzeiten

  1. Ich hab mich in der 9. und 10. Klasse in den Pausen immer sehr verloren gefühlt, weil ich mit meinen Mitschülern so gar nichts anfangen konnte und auch nicht wollte. Zum Glück durften wir in dieser Schule im Foyer bleiben. Also hab ich mir einfach immer ein Buch geschnappt, mich irgendwo auf den Boden gesetzt und gelesen. Jede Pause.

    So wie ich es jetzt auch noch mache, wenn ich irgendwo auch nur eine Minute Wartezeit habe 😉

  2. Ich war im Kindergarten, mit 3 Jahren, schon so.
    Ist unglaublich, was ich in den 30 Jahren seitdem alles gelernt habe kompensieren. Bis zum Zusammenbruch… :-/

    Setzt dich mal in einen Wald, irgendwo an einen abgelegenen See oder nachts an einen Fluss. DA gehören wir Menschen alle hin. In die Natur. Alles andere ist unmenschlich. Ich verstehe zB nicht, wie jemand in der Stadt wohnen kann. Ich habe es 1 Jahr ausgehalten und hatte danach erstmal 4 Monate Erholung nötig. Ätzend. Ich verstehe dich und deine Schilderungen sehr gut. Manches triggert mich, aber dann lese ich eben ein paar Tage später weiter.
    Ich Danke dir für jedes einzelne Wort, weil ich weiß, ich bin nicht allein und weil du hilfst, uns den NT zu erklären.
    Danke.

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